Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Nelleke Noordervliet

Nelleke Noordervliet, © Ernie Enkelaar

Nelleke Noordervliet, © Ernie Enkelaar

Ein Kontinent durchs Kaleidoskop betrachtet

Weiß ich jetzt, was europäische Kultur bedeutet? Über 22.000 Teilnehmer haben sich an der Europa-Liste beteiligt.  Eine von ihnen war ich, aber ich weiß eigentlich nicht mehr so genau, wie ich den Fragebogen ausgefüllt habe. Bei der Frage nach dem bedeutendsten Bauwerk habe ich jedenfalls bestimmt nicht den Eiffelturm gewählt. Es war ziemlich schwierig, die Fragen zu beantworten. Bei den meisten Umfragen wird dem Befragten eine Auswahl an Antworten vorgelegt, die bei der späteren Auswertung relativ leicht erfasst und beurteilt werden können. In der Europa-Liste gab es zahlreiche offene Fragen. Wir durften zum Beispiel sehr liberal und anarchistisch uns selbst einen Begriff ausdenken, von dem wir meinten, dass man ihn am ehesten mit Europa verbindet. Aus den Antworten konnte meistens ein bestimmter Prozentsatz abgeleitet werden, doch regelmäßig entfiel der größte Prozentsatz auf die Kategorie „sonstige“. So wurde vor allem die Zersplitterung deutlich, die Europa seit jeher zu Eigen ist und an der auch eine über sechzigjährige Zusammenarbeit nicht wirklich etwas ändern konnte.

Wie repräsentativ sind die Ergebnisse einer solchen Umfrage? Überhaupt nicht. Es gibt nichts, woraus sich ein allgemeiner Schluss ziehen lässt. Der Großteil der Teilnehmer kam aus Deutschland, was ungefähr dem Anteil an der europäischen Bevölkerung entspricht, doch ihnen folgten sogleich die Serben! Mäßige Teilnahme der Engländer, ordentliche Teilnahme in größeren Ländern, doch die Niederlande rangieren mit 214 Teilnehmern (0,96%) ganz unten, knapp vor den Portugiesen und Iren. Außer Teilnehmern europäischer Mitgliedsstaaten wurde die Liste auch Ägyptern, Libanesen, Marokkanern, Türken und noch weiteren Einwohnern aus dem Mittelmeergebiet vorgelegt. Ein seltsames Phänomen war dabei, dass 6,71% keine Nationalität eintragen wollten und dass ungefähr genauso viele Teilnehmer (6,02%) eine andere als die der 30 genannten Nationalitäten besaß. Zwar kann man auch mit einer eher niedrigen Anzahl von Befragten eine ziemlich repräsentative Umfrage durchführen, doch ich befürchte, dass 214 Niederländer, von denen ungefähr 50% zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, keine sehr verlässliche Stichprobe der Bevölkerung darstellen.

Was bedeutet Europa für Sie persönlich? Nennen Sie drei Begriffe, die Sie mit Europa assoziieren. Gute Frage, aber auch ziemlich „offen“.  Und so sah das Ergebnis aus: 59% gaben eine Antwort, die nicht in Prozentangaben ausgedrückt werden konnte! Vielleicht befanden sich unter den Antworten Begriffe wie „Bürokratie“,  „Zollmauer“, „Besserwisserei“, „Konflikt“. Das Ergebnis der Auswertung, ausgedrückt in Prozentangaben, umfasst nur positive Begriffe. Kultur bekommt 9%, nicht weiter verwunderlich. Die Frage nach der europäischen Kultur war Ausgangspunkt der Europa-Liste, und dieser Begriff wird uns sogleich zurückgespielt. Vielleicht hätte man die Freiheit hier ein wenig einschränken sollen? Hätte es zehn Begriffe zur Auswahl gegeben und wäre einer von den zehn die „Bürokratie“ gewesen, bin ich mir sicher, dass er auf einem der ersten drei Plätze gelandet wäre. Man hätte nämlich nur auf die Idee kommen müssen, dass die Freiheit, eine Antwort zu formulieren, einem auch die Freiheit gibt, kritisch zu antworten.

Der Großteil der Niederländer hat auf die obige Frage geantwortet, dass sie Europa mit dem „Euro“ assoziieren, bei den Italienern ist es die „Einheit“, bei den Griechen die „Zivilisation“ und bei den Deutschen die „Vielfalt“. Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens: Bei der Diskussion über Europa stehen in jedem Land andere Begriffe im Mittelpunkt. Und  zweitens: Die Befragten sind pro Europa. Das ist auch der Grund, weshalb die Griechen die „Zivilisation“ aufs Tapet bringen, eine Zivilisation, von der sie behaupten, sie hätten sie Europa geschenkt, und nicht etwa die „Unterdrückung“, weil die Griechen  von Europa in der gegenwärtigen Krise zu rigorosen und schmerzhaften Maßnahmen gezwungen werden.

Welches ist das bedeutendste europäische Bauwerk? Das hätten wir erraten können. Der Eiffelturm. Scheint mir eine zweifelhafte Wahl zu sein. Vollkommen überschätzt. Aber wie schafft es die Akropolis so weit oben auf Platz 3? Unglaubliche 9%! Das liegt daran, dass 347 der 456 Griechen die Akropolis auf Platz 1 wählen. Chauvinisten bis auf die Knochen. Zu meinem Erstaunen schnitt auch das Europäische Parlament ziemlich gut ab. Weder das Gebäude noch das Institut sind prägende Wahrzeichen Europas. Viele der Befragten gaben, wie bei solchen Umfragen üblich, eine gesellschaftlich wünschenswerte Antwort. Die Mehrheit der Befragten ist wirklich von der Idee „Europa“ angetan und kennt sich mit verschiedenen europäischen Einrichtungen aus oder würde gerne daran teilhaben. Das sehen wir auch bei den Antworten auf die Frage nach der Zukunft Europas. Für 55% der Befragten sieht die Zukunft Europas ziemlich rosig aus. Ich glaube nicht, dass Europa bei einer seriösen Umfrage mit einem derart guten Ergebnis abgeschnitten hätte, außer vielleicht vor vierzig Jahren. 43 % fühlen sich denn auch als Vollblut-Europäer! Das glaube ich einfach nicht!

Dann kommen die wirklich kulturellen Fragen, nach dem besten Film, der ergreifendsten literarischen Figur, dem bedeutendsten Künstler oder Autor, der bedeutendsten Erfindung und dem bedeutendsten Beitrag Europas zur Weltkultur. Geschmack ist etwas sehr Persönliches und wird von bestimmten nationalen Vorlieben geprägt, weshalb die die Antworten von Land zu Land sehr verschieden ausfallen. Die Kategorie „sonstige“ schneidet daher bei den meisten Fragen am besten ab. Ungefähr 60% haben ganz eigene Vorstellungen. Wenn 8% Das Leben ist schön von Roberto Benigni und 1% Das süße Leben von Fellini wählen, was sagt mir das dann? Ungefähr 2000 Leute haben den Film von Benigni gesehen und er hat ihnen gefallen, 200 Leuten hat Fellini besser gefallen oder sie haben Benigni nicht gesehen. Das Leben der Anderen und Good Bye, Lenin! liegen in absoluten Zahlen in Deutschland wahrscheinlich ganz weit oben. Ansonsten kann man noch sagen, dass der Film Liebe von Michael Haneke zu dem Zeitpunkt, als die Europa-Liste ausgefüllt wurde, wahrscheinlich gerade in den slowenischen und bulgarischen Kinos und Kulturzentren lief. Die Franzosen haben nahezu ausschließlich – wie die Franzosen so sind – ihre eigenen Filme gewählt, daher auch die Platzierung von Die fabelhafte Welt der Amélie und L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr. Der letztgenannte Film lief, soweit ich weiß, in den Niederlanden gar nicht. Also kann man ihn auch nur schwer wählen. Etwas lächerlich wirkt die Anmerkung, dass Marokko eine Ausnahme bei der Wahl der besten drei Filme bildet, da es nicht die Präferenzen der anderen Länder teilt, sondern für Das Parfum auf Platz 1 stimmt, da bei 3 von 36 Antworten (wohlgemerkt 8%!) dieser Film genannt wird. Worum geht es hier eigentlich?

Am ehesten überzeugen da noch die 25% für Leonardo da Vinci als bedeutendstem europäischen Künstler. Der uomo universale verkörpert in der Tat das Beste von dem, was die europäische Kultur in ihrem tiefsten Inneren zu bieten hat. Die Mehrheit der Niederländer wählt Rembrandt an die Spitze: 21 von 144 Nennungen. Das verstehe ich. Aber was ist das? Was ist denn hier passiert? Es gab doch 214 Teilnehmer aus den Niederlanden. Haben sich etwa 70 geweigert, eine Antwort auf die Frage nach dem bedeutendsten Künstler zu geben? Wo sind diese 70 Antworten geblieben? Oder wurde das Formular vielleicht noch an anderen Stellen einfach nicht ausgefüllt? Hätten diese 70 Dienstverweigerer alle für Rembrandt gestimmt, dann hätte unser Rem es in die Top 10 geschafft!

Dass die italienische Küche am besten abgeschnitten hat, wundert mich keineswegs, doch bei dieser Frage spielen nationale Vorurteile eine sehr große Rolle. Kein vernünftiger Niederländer wird die niederländische Küche an die Spitze wählen, doch dass ein Spanier oder Franzose die eigene Küche mehr schätzt als irgendeine andere cuisine, kann ich gut nachvollziehen. Dass die Bulgaren so sehr von Mutters Küche angetan sind, ist eigentlich nur ein Beweis dafür, dass es nur wenige gute italienische Restaurants in Sofia gibt.

Deutschland schneidet bei dieser Umfrage auffallend gut ab und belegt Spitzenplätze mit Angela Merkel als wichtigster Politikerin, als Land, das am meisten die Zukunft Europas verkörpert und wo man gern eine Weile leben würde, und mit Berlin als attraktivster Stadt in Europa. Weshalb überrascht mich das nicht?

Die Europa-Liste ist ein nettes Sammelsurium und keine ernstzunehmende Erhebung. Aus den Ergebnissen der Umfrage lassen sich keine besonderen Schlüsse ziehen, außer dass Europa eine Flickendecke aus vielen Nationen ist, ein Turm zu Babel, ein Kaleidoskop der Ansichten, und dass genau darin höchstwahrscheinlich der Kern unseres Kontinents liegt. Über die europäische Kultur ließe sich einiges sagen, denn die einzelnen Flicken der Decke sind fest miteinander verbunden. Die Decke hält uns warm und nährt unsere Träume. Um diese zu veranschaulichen,  braucht es jedoch etwas Anderes als eine Liste mit schlechten bis mittelmäßigen Fragen und entsprechenden Antworten, die ein äußerst oberflächliches und einseitiges Bild vermitteln von den Ansichten über Europa und die europäische Kultur.

Aus dem Niederländischen von Heike Baryga