Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Michal Hvorecký

Michal Hvorecký

Michal Hvorecký

Goethe, Fallschirm und Demokratie

Was denken die Slowaken über Europa und Deutschland? Was schätzen oder bewundern sie? Die Onlineumfrage erzielte erstaunliche Ergebnisse

Wenn es um Europa geht, sind die SlowakInnen jetzt auch dabei. Noch vor zehn Jahren hat der französischer Präsident Jacques Chirac den Osteuropäern gesagt, dass sie sich mit der eigenen Meinung lieber zurückhalten sollen (es ging um die Stellung zum Irakkrieg). Jetzt will man wissen, was den alten Kontinent eigentlich ausmacht, man will ihn wieder erlebbar machen. Das jemand dabei überhaupt auch in Richtung Osten oder Süd-Osten fragt, ist schon ein Gewinn. Nur gemeinsam kann man dieses riesige Projekt, das gerade an so vielen Ebenen scheitert, sinnvoller neustarten.

„Was bedeutet die Slowakei persönlich für Sie?“ Die Frage würde ich einem Westler lieber nicht stellen wollen. Man will ja nicht gleich die Gegenfrage hören: „Meinen Sie Slowenien, oder was?“
Was bedeutet also heute Europa für SlowakInnen? 282 Teilnehmer aus der Slowakei haben an der Onlineumfrage „Die Europa-Liste“ teilgenommen. Genau so viele Einwohner hat Háj, zu Ungarisch Áj, ein slowakisches Dorf in der Nähe von Košice, zu deutsch Kaschau. Die Antworten klingen in der Tat so, als hätte man die Befragung ausschließlich in diesem Nest gemacht.
Denn Europa heißt für SlowakInnen vor allem Reisefreiheit, Euro, Vielfalt. 53 Prozent fühlen sich als „Vollblut Europäer“ und fast genauso viele sehen die Zukunft gut oder sogar sehr gut und dazu noch sehr deutsch (57 Prozent!).

Die Slowakei galt tatsächlich lange als Land der EU-Optimisten. Groß war die Freude über die offenen Grenzen und über die Möglichkeit, endlich legal im Ausland arbeiten zu dürfen. Der EU-Beitritt bestätigte die westliche Orientierung des Staates. Der Slowake hat geglaubt, die Europäische Union bringe nur Vorteile, jedoch keine Verpflichtungen und schon gar nicht teure Rechnungen für andere, eigentlich reichere Staaten. Der Westen hat den Slowaken (wie auch den anderen Osteuropäern) die EU als Paradies auf Erden dargestellt und die Schattenseiten verschwiegen.
Die Arbeitslosigkeit in meiner Heimat ist die zweithöchste in Europa, die Preise steigen, die Inflation ist mit über vier Prozent auf Rekordhöhe. Das einzige osteuropäische Land mit Euro spürt mehr als zuvor die eigene schwierige Lage. Trotz der gemeinsamen Währung sind Einkommen und Pensionen wesentlich niedriger geblieben als im Westen oder Südwesten der Eurozone.

Doch immer noch liebt man Europa: Bauwerke wie Eiffelturm, Kolosseum und Sagrada Familia sind die bedeutendsten, sogar Stonehenge landete auf Platz 10! Aber wo ist, bitte, die Pressburger St. Martins Kathedrale oder futuristische UFO-Brücke über die Donau nach Petržalka (Engerau), und wo zum Teufel der Dom des heiligen Jakobs in Levoča/Leutschau mit dem höchsten gotischen Holzaltar auf der Welt?

Die wichtigsten Erfindungen für Slowaken sind Antibiotika und der Fallschirm (Ausnahme der Euro-Rettung Schirm). Wichtiger als die Elektrizität und sogar viel wichtiger als die Demokratie. Die ergreifendste europäische literarische Figur ist nach slowakischer Meinung Johann Wolfgang von Goethe! Wie bitte? Figur??? Knapp daneben, ist auch vorbei.  Und wo sind der kleine Prinz und Anna Karenina? Als hätte höchstpersönlich der brave Soldat Schwejk geantwortet, übrigens, auf dem neunten Platz gelandet, trotz seiner langen satirischen Kämpfe für die k.u.k. Monarchie auf dem slowakischen Gebiet. Den Buchdruck schätzt man auch, kann man doch dank ihm den Briefroman „Die Leiden des jungen Goethes vom Rechtspraktikant Werther“ lesen.

Der Slowake, wie ich ihn kenne, ist meistens sehr stolz auf sein Land und seine Sprache, er wählt auch gerne nationalistisch und populistisch. Doch in der Umfrage verschwindet dieses Land ins Unbekannte, ins politisch korrekte, ins Vorgeschriebene. Das Minderwertigkeitsgefühl ist die slowakische Europaanschauung. Die Hauptstadt Bratislava landete am Platz 10! Im Vergleich: für die Tschechen ist Prag Nummer 3, für die Slowenen ihr Ljubljana Nummer 7. Kein slowakisches Buch hat es ins Finale geschafft, kein Künstler, kein Gebäude. Nicht einmal der tschechoslowakische Kultfilm „Das Geschäft an der Hauptstraße“ von Ján Kádár und Elmar Klos, der 1966 den Oscar gewonnen hat, hat sich auf die Liste durchgeboxt.

Noch viel mehr hat mich die Kategorie Sport verwirrt. Das man keinen slowakischen Politiker nennenswert findet, kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber keinen einzigen Eishockeystar? Gerade haben zwei Topspieler den Stanley Cup der NHL gewonnen! Wofür haben wir denn eigentlich unseren Nationalsport, der genau das für die Slowaken bedeutet, was für die Deutschen der Fußball ist? Slowakei ohne Eishockey – das ist wie München ohne Bayern oder Hamburg ohne St. Pauli. Gottseidank feiert der Radrennfahrer Peter Sagan (doch nur Platz 2, gleich nach Federer) internationale Erfolge, gerade wird er sogar fürs Grüne Trikot der hundertsten Tour de France favorisiert.

Also was bedeutet den Slowaken Europa? Ein Durchschnittslowake, wahrscheinlich aus Háj, will in einem nicht zu demokratischen Deutschland leben, gerne auch ohne Elektrizität, wenn nötig, nicht ohne Fallschirm, Halušky (Nockerln mit Schafkäse) essen, die literarische Figur Goethe bewundern, aus der Ferne den Eiffelturm beobachten, dabei Bücher drucken, Antibiotika fressen und ein bisschen glücklich sein. Die Zukunft Europas spricht slowakisch.

Michal Hvorecký
Schriftsteller, Bratislava