Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Terézia Mora

Terézia Mora, © Peter von Felbert

Terézia Mora, © Peter von Felbert

Ein ergreifend normales Land

Vor zwei Jahren hatte das Goethe-Institut eine Aktion gestartet, die „Deutschland-Liste“. Dahinter verbarg sich ein Fragebogen, mit dessen Hilfe man herausfinden wollte, wie das Deutschlandbild in den durch das Goethe-Institut erreichbaren Gebieten sei. Das Ergebnis war überraschend positiv ausgefallen, sowohl was die Anzahl als auch was den Inhalt der Antworten anging. Nun hat man sich erneut einen Fragebogen ausgedacht, die sogenannte „Europa-Liste“, und hat sich mit dieser an die Bewohner Europas und einige seiner Anrainer gewendet, um sie nach ihrem Europa-Bild zu befragen.

Anders, als bei der Deutschland-Liste, können wir hier als  Grundvoraussetzung davon ausgehen, dass wir nun nicht über „die Anderen“ sprechen (resp. die Anderen über „uns“).Wenn wir von Europa sprechen, sprechen wir von uns selbst.

Was ist eine Europäerin*? Eine Europäerin ist
1.) wer eine genügend lange Zeit im europäischen Kulturkreis verbracht hat, um ihre Alltagskultur (und evtl. ihre Hochkultur) als etwas eigenes zu verinnerlichen,
2.) wer sich zu den Werten bekennt, die wir heute als „europäisch“ definieren. Es lohnt sich darauf zu achten, dass das dieselben Werte sind, die einige andere Kulturkreise ebenfalls für sich als erstrebenswert definieren. Im Wesentlichen sind das: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. (Demokratie, Einheit, Vielfalt, Gerechtigkeit etc.) Ist jemand für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, ja, aber nicht für Frauen, Sklaven, Zugezogene und Andersgläubige, dann kann dieser immer noch ein antiker Demokrat sein  (Preisfrage: ist es möglich, dass jemand heute … etc.), nicht aber ein heutiger Europäer. 1.) evtl. ja, 2.) nein.

Als Europäerin (1 und 2) fühle ich mich am deutlichsten, wenn ich Europa verlasse. Also bis jetzt ungefähr 3 mal. Einmal war es Amerika, einmal Afrika, einmal Asien. Ich sah, dass es dort anders war. Es war interessant, ich war froh, es sehen zu dürfen, aber noch mehr war ich froh, dass sie mich sehen durften, dass sie in mir ein Stück Europa sehen durften, dass ich zu Recht behaupten konnte: ja, dort, wo ich herkomme, sind alle so, wie ich. Im Großen und Ganzen. Ja, das ist eine Identität. Ja, ich bin froh, gerade diese zu haben. Wobei ich, natürlich, denn ich bin ja nicht blind, sehe, dass eine andere ebenso gut wäre. Aber ich habe nun einmal diese. Was ich auch tue, ich tue es als Europäerin. Wenn ich schreibe zum Beispiel. Unabhängig davon, über welche Zeit und welchen Ort das Werk erzählt, es wird ein heutiges, (mittel)europäisches sein. Es ist nicht anders möglich. Man kann nichts anderes sein, als ein Kind seiner Zeit, und die Kultur, in der man die meiste Zeit lebt, trägt man in und an sich, wohin man auch geht.

Dieses Große-und-Ganze und die Nuancen darin, das, was in den Details steckt, aufzuzeigen, dazu also sollte diese neue Goethe-Liste dienen. Soweit das eben in so einem spielerischen Rahmen möglich ist. Fragebögen und Quize sind wie Ringelspiele: fürs Amüsement („die Hetz“) ist immer garantiert, ob man zu tiefgreifenden oder auch nur zu überraschenden Erkenntnissen gelangen kann, glaube ich persönlich weniger, aber das ist  bei solchen Aktionen wohl auch nicht das Ziel. Wenn wir Europäer uns nach uns selbst befragen, hoffen wir, im Gegenteil, eher auf Bestätigung. Und das passiert dann auch. Wie schon bei der Deutschland-Liste kamen auch diesmal überraschend positive Ergebnisse heraus. Positiv in dem Sinne, dass die Befragten etwas antworten konnten. Es fiel ihnen etwas zu Europa ein, und zwar viel ähnliches. Wobei anzumerken ist, dass man mit 9% der Stimmen den ersten Platz in einer Kategorie machen konnte und mit 2% den zweiten. Auf Position 11 steht dann „andere Antworten: 59%“. Schaut man sich die Länderergebnisse im Einzelnen an, gibt es auch dort in den Top Ten nur wenig Abweichung. Einzelne Ausreißer. Für die Ungarn ist Ferenc Puskás eine Ikone und ihr Parlamentsgebäude ein bedeutendes europäisches Bauwerk, für alle anderen selbstredend weniger. Für die Tschechen die Prager Burg, für die Portugiesen der Turm von Bélem etc. „Wir“ und wir“. Dass das Brandenburger Tor in jüngster Zeit für etwas mehr Menschen zu einem Symbol geworden ist, leuchtet mir ein, aber warum alle Welt „Eiffelturm“ schreit, wenn die Frage nach dem bedeutendsten europäischen Bauwerk gestellt wird, verstehe ich nicht so richtig. Gut, er hat eine ikonische Form, jeder erkennt seine Silhouette, und wenn in einem amerikanischen Filmprodukt angedeutet wird, jemand habe vor, Kontakt mit Europa aufzunehmen, taucht als erstes das Bild des Eiffelturms auf... Möglicherweise ist das die Lösung des Rätsels. Oder liegt es an der Fragestellung? Der Annahme, „Europa“ könnte durch ein Bauwerk repräsentiert werden? Ich hätte übrigens den Petersdom erwartet. Dort liegt, meiner bescheidenen Meinung nach, der Hase im Pfeffer. Man halte sich vor Augen: als der Petersdom (finanziert durch was nochmal?...) erbaut wurde, war Rom eine Stadt mit 50.000 Einwohnern. Dasselbe zuvor und parallel in Köln. So etwas GROSSES hat das Volk doch bis dahin noch nie gesehen. Es lebte nicht selten in Hütten und von seinen 10 Kindern überlebten 2. Und dann das. Und dann Michelangelo.

Damals wäre die Frage nach der bedeutendsten europäischen Künstlerin (aller Sparten) unbeantwortbar gewesen, heute herrscht allgemein Wissen und Einigkeit: Leonardo, Picasso, Goethe, Mozart, Bach usw. (Die Ungarn nennen an 10ter Stelle Mihály Munkácsy. Munkácsy?! Und Bartók, ihr Schlafmützen?! Obwohl „Jesus vor Pilatus“ ein gutes Bild ist. Das man, in der Tat, unmöglich mit „Herzog Blaubarts Burg“ vergleichen kann. Nicht einfach.) Was die Erfindungen anbelangt, ist das Bild noch einheitlicher. Denke ich an Europa in der Nacht, fallen mir (uns) ein: Buchdruck, Penicillin, Auto, Elektrizität, Radio usw. Sowie der Kugelschreiber, der von László József Bíró erfunden worden ist. Das sei uns, in aller Bescheidenheit, erlaubt zu erwähnen. (Die Italiener nicken fröhlich und erwidern: „Batterie“.)

Es gibt also einige Sachen, die relativ eindeutig sind, so genannte „Tatsachen“: X wurde in Europa erfunden, Y wirkte hier und das Gebäude Z steht auf europäischem Boden. Bei einigen anderen Themen wiederum zeigt sich, wie entscheidend die Art und Weise ist, in der man eine Frage stellt. Es wird zum Beispiel nach dem „bedeutendsten“ Politiker (tot oder lebendig) gefragt. Ich nehme an, es wurde bewusst nicht nach dem „folgenreichsten“ (tot) gefragt. Es gibt auch keine Frage nach dem „auswirkungsreichsten historischen Ereignis“. So wird natürlich keiner „Kreuzzüge“ oder „Holocaust“ sagen. Allerdings kann er so auch nicht „Das Ende des Kalten Krieges“ sagen und die „Entdeckung Amerikas“ musste von subversiven portugiesischen Antwortenden unter die „Erfindungen“ aufgenommen werden.

Nein, ich will nicht die Stimmung verderben. (Ich sag's nur etc.) Der Test ist so gemacht, dass sich ein positives Gesamtbild ergeben muss. Wir nicht Krieg und andere Übergriffe, wir Kultur. Gutenberg. Leonardo. Bach. Eiffel. Offenbar ist es das, was wir im Moment brauchen. Etwas integratives. Ein gemeinsames Ja. Ich verstehe das und erkläre mich damit einverstanden, aus allen Perspektiven, die ich mir einzunehmen vorstellen kann. Ja, auch für mich bedeutet Europa: „Kontinent“, „Heimat“, „Kulturelle Gemeinschaft“. Und ich bejahe auch das hier gerade aktuelle Friedensprojekt. Man nennt es: Europäische Union. Mir scheint, das wird häufig vergessen. Bei der EU handelt es sich nicht nur und nicht in erster Linie um eine „Wirtschaftssache“. Ihre Existenz ist nach den Erfahrungen der heißen und kalten Kriege ein Versprechen, dass es auch anders geht. Gemeinschaftlich eben. (Siehe oben: 2.))

Ob die 43% aller Befragten (und 52% der Ungarn) die Europäische Union oder aber die Kulturelle Gemeinschaft meinten, wenn sie antworteten, sie fühlten sich als „Vollbluteuropäer“, nun, das bekommen wir anhand dieses Fragebogens wiederum nicht heraus. Man beachte wieder das Wort. Vollblut. Berufskrankheit: ich stelle mir gerade vor, was die anderen von sich sagen würden, wenn sie im Bild bleiben wollen würden. Halbblut? Traber? Oder wenn man die vorgegebene Antwort „Natürlich bin ich Europäer, was denn sonst?“ hätte wählen können, wie viel Prozent hätten sich wohl dafür entschieden? Und wie viele für „Eigentlich bin ich schon Europäer, ich bin mir nur nicht so sicher, was das bedeutet“?

Was die Beantwortbarkeit der Fragen anbelangt, war meine Lieblingsfrage übrigens die Nummer 6. Dort wurde gefragt, welche die „ergreifendste literarische Figur“ in der europäischen Literatur sei. Rund die Hälfte der Antwortenden hat die Frage missverstanden. Manche haben Don Quijote genannt, andere Shakespeare. Bzw. Attila József. Letzterer wäre im übrigen auch als tatsächliche literarische Figur ergreifend gewesen, die Antwort ist also falsch, aber richtig.

Was die Zukunft Europas anbelangt, haben alle Befragten erwartungsgemäß je zur Hälfte „gut bis sehr gut“ oder aber „geht so bis schlecht“ geantwortet. Die Ungarn haben sich nicht lumpen lassen – wir haben schließlich einen Ruf zu verteidigen – und votierten zu 25% für „gut bis sehr gut“ und zu 75% für „geht so bis schlecht“. (Maria hilf, das sind ja noch mehr als 2/3!) Aber wir werden es schon irgendwie aushalten. Es wird schon gehen, denn es muss ja. Das, so scheint mir, ist allgemein die Einstellung in jenen Ländern, die aktuell von Krisen (wirtschaftlichen, politischen, moralischen) betroffen sind. Europa ist im Prinzip etwas, womit wir uns identifizieren können. Die Demokratie, das Automobil, Leonardo. Was unseren Alltag anbelangt, halten wir es wie Achternbusch: „Schön wär's, wenn schöner wär.“ Das Wirken Angela Merkels, von vielen als „bedeutendste Politikerin“ genannt, verkörpert diese Einstellung aufs Ergreifendste. Irgendwie ist Europa am Laufen. In Deutschland dem Augenschein nach ein wenig besser als an anderen europäischen Orten, und Frau Merkel scheint zumindest nicht massiv dagegen zu arbeiten, dass es läuft. Sie hält zwar gegenwärtig die Reden mit den meisten bedeutungslosen Sätzen, aber das ist immer noch besser, als am Montag zu sagen „Wir lassen uns nicht von der EU kolonialisieren“ und am Mittwoch: „Übrigens ist es uns gelungen, soundsoviel Geld mehr von der EU zu bekommen als unsere Vorgängerregierung.“ „Voglio vivere in un paese normale“, wie es in einem italienischen Lied der Gruppe Arpioni heisst: ich will in einem normalen Land leben. Eine überwältigende Mehrheit der Befragten hat auf die Frage, in welchem Land, außer ihrem Heimatland sie leben würden, „Deutschland“ geantwortet. Einige haben vielleicht dem Fragesteller gegenüber etwas Höflichkeit zeigen wollen, aber die meisten, glaube ich, wollten damit nur soviel sagen: in wünsche mir, in einem „normalen“ Land zu leben. Wo sich die Busfahrer nicht mit den Fahrgästen prügeln und die Gesetze einigermaßen transparent sind und auch eingehalten werden und den Politikern nicht egal ist, dass sie sichtbar sind. Das ist nicht überraschend, aber dass es auch nicht tiefgreifend wäre, würde ich jetzt auch nicht mehr behaupten wollen. Das Ergebnis der Umfrage zeigt am Ende doch genau dorthin, wohin wir unser Augenmerk tatsächlich richten sollten. Das Schöne, Wahre, Gute in uns. Die Freiheit, die Gleichheit, die Solidarität.

Das ungarische Pendant zum Goethe-Institut heißt übrigens Balassi Intézet. Gegründet im Jahre 2002. Vielleicht machen sie auch bald einen Fragebogen. Mich würde er interessieren. Ich habe das Gefühl, wir wüssten durchaus gerne, wie wir heute aussehen, aber wir waren in letzter Zeit leider etwas hudelig und dabei ist unser Spiegel zerbrochen. Nachbarin, vielleicht leihen Sie mir Ihren? Bitte. Danke.

* Alle Feminina in diesem Text sind zugleich als Maskulina zu verstehen.