Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Khaled al-Khamissi

Khaled al-Khamissi | Foto: Nurettin Cicek, Buchmesse Frankfurt

Khaled al-Khamissi | Foto: Nurettin Cicek, Buchmesse Frankfurt

Kara Deniz

Kara Deniz, Dezember 1975:
Wie könnte ich diesen Namen je vergessen? Fast ein Jahr lang ist er mir damals täglich durch den Kopf gegeistert. Ich war mit meiner Tante beim türkischen Reisebüro am Mustafa-Kamil-Platz gewesen, wo man seinerzeit die Tickets für eine Kreuzfahrt auf der „Kara Deniz“ buchen konnte. Das Fräulein vom Reisebüro hatte uns erklärt, dass das Schiff am 4. Juli in Alexandria ablegen und dann der Reihe nach Neapel, Genua und Marseille anlaufen werde. Wir hatten jeweils eine Passage für meine Tante, meine Schwester und mich reserviert. Von da an warteten meine Schwester und ich sehnsüchtig darauf, dass es endlich Juli wird. Wir träumten fast täglich von jenem türkischen Wort, das – soviel wussten wir inzwischen – „Schwarzes Meer“ bedeutet. Wieso allerdings ein Schiff namens „Schwarzes Meer“ ausgerechnet im Mittelmeer kreuzte, das wir Araber doch immerhin „Weißes Meer“ nennen? Ganz offensichtlich wollten die Türken damit deutlich machen, dass das Wasser der Flüsse und Meere früher oder später sowieso zusammenfließt, so ähnlich wie das Blut in unserem Körper. Ich war damals dreizehn, meine Schwester acht. Es war unsere erste Reise nach Europa. Bis dahin kannte ich Europa hauptsächlich durch die französischen Lehrer und den französischen Lehrplan unserer Schule, und natürlich aus Büchern. Ich erinnere mich noch gut daran, dass uns ein junger französischer Lehrer just in jenem Schuljahr aufgetragen hatte, ägyptische Sprichwörter zu sammeln und ins Französische zu übertragen. Er wollte  versuchen, zu jedem ägyptischen Sprichwort eine französische Entsprechung zu finden. Wir staunten nicht schlecht, als sich herausstellte, dass es fast zu jedem ägyptischen Sprichwort im Französischen ein mehr oder weniger identisches Pendant gab. Als ich mit meiner Tante und meiner Schwester an Bord der „Kara Deniz“ ging, war ich fest davon überzeugt, dass all das Gerede von den enormen Unterschieden zwischen den Bewohnern der nördlichen und der südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten absoluter Quatsch war.

Neapel, 1976:
Bevor wir in Neapel an Land gingen, kam ein junger italienischer Carabiniere an Bord der „Kara Deniz“, um uns Passagiere in epischer Breite zu erhöhter Vorsicht zu ermahnen. Dass Touristen auf offener Straße beklaut wurden, war in Neapel scheinbar an der Tagesordnung. Kaum hatten wir das Festland betreten, gerieten wir in eine Großkundgebung der Kommunistischen Partei Italiens. Ich erinnere mich noch gut an das Gesicht der jungen Demonstrantin, die mir eine rote Rose überreichte. Ganz Neapel war ein einziges rotes Meer aus Fahnen und Spruchbändern. Irgendwann trafen wir auf jemanden, der uns in gebrochenem Französisch zurief: „Überall herrscht Unrecht, so weit das Auge reicht!“

Marseille, 1976:
Marseille hatte ich mir anders vorgestellt. Auch größer irgendwie. Überall traf man auf elend aussehende Arbeiter und Seeleute. Wie weit war diese Hafenstadt doch entfernt vom herrlichen Alexandria, der holden Meerjungfrau des Mittelmeers! Was für ein Unterschied! Wieso, um alles in der Welt, hatte uns bloß unser Lehrer erzählt, Marseille sei die schönste Stadt in Südfrankreich? Als ich nach dem Weg fragte, kam ich kurz mit einem Arbeiter ins Gespräch. Er erklärte mir, dass ein Großteil der Arbeiter in Marseille in ärmlichen Verhältnissen lebe.

Marseille, 2006:
Dreißig Jahre später. Marseille hatte ich anders in Erinnerung. Auch kleiner irgendwie. Wie weit war doch das heruntergekommene Alexandria entfernt von dieser schicken Großstadt! Was war bloß in den letzten dreißig Jahren passiert? Wie konnte es sein, dass wir in Ägypten mit schwindelerregendem Tempo immer weiter in Richtung Mittelalter unterwegs waren, während die Europäer in derselben Geschwindigkeit exakt in die Gegenrichtung steuerten? Wie konnte Alexandria nur von einer schillernden Metropole zum hinterwäldlerischen Krähwinkel mutieren, indes das greise Europa die tiefen Wunden des Zweiten Weltkriegs auskurierte und zu blühendem Leben erwachte? Wie war es möglich, dass wir uns – wieder einmal – so unsäglich selbst im Weg standen? Und warum betrachtete ich Europa plötzlich nicht mehr bloß als Kontinent der Dichter und Denker, der Baumeister und der Wissenschaftler, sondern zusehends auch als Kontinent der ausgebufften Politiker, die nach der Weltherrschaft hungerten?

Paris, 2008:
Ich war gerade in Paris, als der irakische Journalist Muntazer al-Zaidi seine Schuhe auf den damaligen US-Präsidenten George W. Bush warf, beim Shakehands mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki. Ich erfuhr abends in den Fernsehnachrichten auf France 2 von der Schuhattacke. Ein französischer Reporter bezeichnete Muntazer al-Zaidi als „schiitischen Journalisten“ – er verwendete nicht etwa das Wort „irakisch“, nein, wenn dann musste es schon „schiitisch“ sein. Keine Ahnung, woher dieser französische Reporter Muntazers religiöse Gesinnung so genau kannte. Möglicherweise konnte er ihm ja auf den Grund seiner Seele blicken... Ich habe gehört, Muntazer al-Zaidi sei ein Sympathisant der Kommunisten. Ich weiß wirklich überhaupt nichts über ihn, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass er sich selbst jemals „Schiit“ genannt hätte. Warum verwendete also der französische Reporter ausgerechnet diese Bezeichnung? Europäische Journalisten (und das gilt auch für so manchen Schriftsteller) fallen allgemein gerne der tückischen Versuchung anheim, sich, ohne es zu merken, abgedroschener Allgemeinplätze und längst überholter imperialistischer Phrasen zu bedienen.

Kairo, 2011:
Beim Abendessen mit befreundeten Schriftstellern und Dichtern kamen wir irgendwann auf unser persönliches Verhältnis zu Europa zu sprechen. Es stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der ägyptischen Intellektuellen etwas ratlos vor diesem Thema zu stehen scheint. Einerseits schwenken die Europäer seit 400 Jahren unermüdlich das Banner der Aufklärung. Andererseits haben sie, strotzend vor Selbstzufriedenheit, noch nie den Imperialismus gescheut, weder in Worten noch in Taten. Einer meiner Freunde fand das ziemlich verwirrend: „Immer wieder verwenden die Europäer diese hässlichen Ausdrücke, die die zentrale Rolle Europas suggerieren sollen. Naher Osten zum Beispiel. Oder Ferner Osten. Osten, von wo aus betrachtet? Und nah, von wem aus? Oder fern?“ Offenbar, so drückte es ein anderer meiner Freunde aus, seien die Europäer völlig von ihrem eigenen Weltbild eingenommen, das sie seit 300 Jahren pflegen, indem sie sich einreden, ihre Wurzeln lägen einzig und allein in der griechischen und römischen Antike. Ständig sei bei ihnen vom riesigen Unterschied zwischen Europa und den „anderen“ Kontinenten die Rede, im selben Atemzug aber auch von der Gleichheit der Menschen. Entsprechend hartnäckig verbreiteten die europäischen Medien ihre Werturteile über den Rest der Welt. Ganz hoch im Kurs stünden dabei Begriffe wie „islamische Welt“, „Naher Osten“, „arabische Welt“, „Nordafrika“, „Orient“ und zahlreiche andere sinnentleerte Schlagwörter. Aber wehe, man bezeichnet ihren Kontinent als die „christliche Welt“ oder dergleichen! Europa ist und bleibt Europa. Und Europa ist und bleibt der Nabel der Welt.

Alexandria, 2013:
Ich blicke aufs Mittelmeer, von der neuen Bibliothek aus. Ein norwegisches Ingenieurbüro hat das Gebäude entworfen. Ich bin ganz hingerissen von der schlichten Schönheit der klaren, stromlinienförmigen Konturen. Die Januarsonne scheint. Neben mir unterhält sich eine Gruppe junger Leute über die derzeitige Lage. Eine energische junge Frau ergreift das Wort, ereifert sich lautstark über Mursis Besuch in Deutschland. Es könne nicht angehen, dass eine so ernsthafte Nation wie Deutschland ein Staatsoberhaupt empfange, das aus dem Dunstkreis einer Terrorgruppe stamme. Damit meint sie die Muslimbrüder. Ihr Standpunkt verwundert mich. Verwunderlich auch, dass die anderen jungen Leute ihr anscheinend uneingeschränkt zustimmen. Offenbar halten sie Europa für eine Art internationalen Moralwächter. Eine andere junge Frau meldet sich zu Wort. Sie sieht meiner Großmutter verblüffend ähnlich. Na gut, abgesehen von der Frisur vielleicht. Immerhin liegen zwischen den beiden Frisuren ja auch knapp hundert Jahre. Aber ansonsten ist die Ähnlichkeit wirklich frappierend. Möglicherweise geht aber auch bloß wieder mal meine Fantasie mit mir durch. Es ist jedes Mal dasselbe, wenn ich in Alexandria bin. Immer taucht meine Großmutter irgendwo auf. Und schon muss ich daran denken, wie sie von ihrer Begegnung mit dem italienischen Ingenieur erzählt hat, der damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, die Bauarbeiten an der Corniche geleitet hat...  Doch dann verschwindet meine Großmutter schlagartig vor meinem inneren Auge, als ein junger Mann lauthals verkündet, dass die Spannungen in Ägypten immer größer würden, dass er nicht länger Teil einer Maschinerie sein wolle, die den Leuten  Gedankengut aus weit entfernten Zeiten und Orten eintrichtert, und dass er demnächst auf der anderen Seite des Mittelmeers ein neues Leben beginnen werde, egal ob das den Menschen dort passt oder nicht.