Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Jack Lang

Jack Lang

Jack Lang

Europa, eine Landschaft in Bewegung.

Von einigen seltenen Ausnahmen abgesehen, zeugen die Antworten auf den Fragebogen, ziemlich automatisch und ungeachtet des angesprochenen Themas, von dem Wunsch, seine eigene Kultur, seine eigene Geschichte, seine eigenen „Leistungen‟ in den Vordergrund zu stellen. Die nationale Identität (kulturell, politisch, sozial...) dominiert bei weitem die einer Zugehörigkeit zu der Einheit Europa, wenn sie deren Homogenität und den sich aus ihr ergebenden künftigen Nutzen nicht sogar ausdrücklich in Zweifel stellt. Kleinlicher, für Krisenzeiten typischer Nationalismus? Identitätsrückzug angesichts der Schwerfälligkeit eines Europas, das sich auf vielen Gebieten noch sucht, wenn es nicht geradezu, augenfällig, „funktionsuntüchtig‟ ist? Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, es gibt diese Aspekte: Besorgnis, Enttäuschung, Verwirrung(en). Wie es, wenn auch zu zaghaft ausgedrückt, wenn auch vage, wenn auch mit Müh und Not herausgebracht, ihr Gegenteil gibt: gegen das widrige Geschick und das Zaudern ‒ wie eine Baustelle, die kein Ende nimmt ‒ des „europäischen Aufbaus‟, echte Aufgeschlossenheit, eine gewisse Objektivität, ein absoluter Wille, „daran zu glauben‟.

Eine Feststellung also, die weder Fisch noch Fleisch (mi-figue mi-raisin, wie man im Französischen sagt) ist. Die uns jedoch nicht wirklich verwundern sollte. Dieser uns umgebende Pessimismus resultiert auch ‒ fraglos ein Paradox ‒ aus einem Übermaß an Reichtum eines jeden Partners des Puzzles. Warum sollte also Italien der Meinung sein, die beste Küche sei nicht seine eigene (vor allem, wenn es objektiv so ist...)? Dass der Chauvinismus manchmal die Oberhand gewinnt, sollte uns nicht unnötig ärgern. Wenn man sich die Mühe macht, zwischen den Zeilen und zwischen den Zahlen zu lesen, scheinen mir die Ergebnisse der Umfrage in folgender Hinsicht ermutigend: die grundlegenden Werte ‒ offener Humanismus, Ausdrucks- und Urteilsfreiheit, kulturelle Vielfalt, Wunsch nach Frieden, Vorrang der Demokratie vor politischer und sozialer Willkür ‒ sind nach wie vor ein elementares Anliegen. Das Anliegen. Schon Madame de Stael schrieb in ihrem Deutschland-Buch „De l’Allemagne‟, man müsse „in unserer modernen Zeit einen europäischen Geist‟ haben. Der Rahmen verändert sich, die Geschichte schreitet fort, die Landschaft ist in Bewegung: Wenigstens der Geist möge bleiben...