Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

„Der Buchdruck hat dafür gesorgt, dass sich das Wissen verbreitet“

Emmanuelle Charpentier | Foto: Hallbauer + Fioretti

Emmanuelle Charpentier | Foto: Hallbauer + Fioretti

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Die Molekularbiologin Emmanuelle Charpentier über die wichtigste europäische Erfindung. Ein Gespräch mit Stephan Karkowsky, Deutschlandradio Kultur

In einer Online-Umfrage des Goethe-Instituts wurde der Buchdruck des Mainzers Johannes Gutenberg zur bedeutendsten europäischen Erfindung gekürt. Das mache Sinn, findet die Molekularbiologin Emmanuelle Charpentier, denn selbst der Computer wäre ohne den Buchdruck nicht denkbar gewesen.

Stephan Karkowsky: Das ist auch heute wieder unsere Frage: Was denkt Europa über Europa? Und zu der haben wir eine große Europäerin eingeladen. Geboren wurde sie in Frankreich, derzeit forscht sie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und lehrt Immunbiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Vor allem aber wurde sie in diesem Jahr ausgezeichnet mit der Alexander-von-Humboldt-Professur, das ist der mit fünf Millionen Euro höchstdotierte Preis für Forschung in Deutschland: Professorin Doktor Emmanuelle Charpentier. Guten Tag!

Emmanuelle Charpentier: Guten Tag!

Karkowsky: Und noch einmal herzlichen Glückwunsch!

Charpentier: Thank you very much!

Karkowsky: Das Goethe-Institut hat einen europäischen Kulturkanon aufgestellt, die Europaliste, das Ergebnis einer Homepage-Umfrage unter weit über 20.000 Menschen aus 30 Ländern. Mit Ihnen, Frau Charpentier, würden wir gerne die Frage diskutieren: Was ist die bedeutendste europäische Erfindung? Und da landete mit weitem Abstand auf Platz eins der Buchdruck des Mainzers Johannes Gutenberg 1450. Hätten Sie das gedacht?

Charpentier: Ja, in der Tat! Man kann natürlich auch an andere Erfindungen und Entdeckungen denken, im Kunstbereich, im Kulturbereich, in der Wissenschaft, da gibt es verschiedene wichtige Dinge. Aber ich denke, dass der Buchdruck all diese anderen Entwicklungen erst möglich gemacht hat.

Karkowsky: Also ich hätte eher vermutet, dass die Menschen die Erfindung des Computers auf Platz eins wählen, und damit natürlich den Berliner Konrad Zuse. Was meinen Sie, wäre ein Computer ohne die vorherige Erfindung des Buchdrucks denkbar?

Charpentier: Nein, das wäre nicht möglich gewesen. Wie gesagt, der Buchdruck hat dafür gesorgt, dass das Wissen sich verbreitet hat, dass die Wissenschaft in Umlauf kam. Und die Entwicklung der Aspekte, die zum Computer geführt haben, die dann das überhaupt erst möglich gemacht haben, wäre undenkbar gewesen ohne den Buchdruck. Wenn man sich aber auf die letzten 30 Jahre bezieht, war der Computer mit Sicherheit eine sehr entscheidende Entdeckung.

Karkowsky: Was wäre den die bedeutendste Erfindung in Ihrer Disziplin, der Immunbiologie, und was macht sie so bedeutend?

Charpentier: Als Makrobiologin würde ich sagen, das Penicillin. Es hat so viele Menschenleben gerettet, geholfen, so viele Infektionskrankheiten zu bekämpfen.

Karkowsky: Und das Penicillin hat es ja in der Europaliste Erfindungen des Goethe-Institutes immerhin auf Platz vier geschafft, die Wirkung, seinerzeit entdeckt vom Schotten Alexander Fleming 1928. Sind Antibiotika eigentlich auch heute noch, trotz aller Resistenzen, das Maß aller Dinge in der Behandlung von Infektionskrankheiten?

Charpentier: Ja, die Antibiotika sind immer noch sehr wichtig für die Behandlung von Infektionskrankheiten. Sie sprechen die Resistenzen an, da gibt es großen Forschungsbedarf zur Entwicklung neuer Antibiotika oder passender Antibiotika für die Krankheiten, wo die bisher eingesetzten auf Resistenzen gestoßen sind.

Karkowsky: Könnte das denn Ihr Forschungsschwerpunkt werden in der Alexander-von-Humboldt-Professur, die für Sie 2014 beginnt?

Charpentier: Ja, in der Tat. In meinem Labor arbeiten wir viel mit der Regulation von Bakterien, mit der Regulierung. Das ist sehr wichtig, um neue Ziele für Antibiotika herauszufinden, neue Ansatzpunkte, an denen die Antibiotika wirken können, und das wird der Schwerpunkt unserer Studien sein.

Karkowsky: Dann schauen wir noch einmal auf die Liste des Goethe-Institutes, bedeutende europäische Erfindungen. Platz zwei belegt da die Dampfmaschine, Platz drei das Automobil, 1886 durch den Karlsruher Karl Benz erfunden. Glauben Sie denn, dass das Auto auch in 50 Jahren noch zu den bedeutendsten Erfindungen Europas gezählt wird?

Charpentier: Ja, das könnte man glauben, das kann ich mir vorstellen.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" die französische Immunbiologin Emmanuelle Charpentier zur Goetheliste der wichtigsten europäischen Erfindungen.

Und da nähren die Länderwertungen durchaus Zweifel an der Seriosität der Umfrageergebnisse, denn die Schweden zum Beispiel votierten stark für schwedische Erfindungen wie Dynamit, also Alfred Nobel, und Reißverschluss. Die Esten wählten Skype auf Platz eins, denn die Esten haben die Skype-Software als erste programmiert, und die Franzosen holten das Kino in ihre Top Ten, erfunden natürlich von den Gebrüdern Lumière in Frankreich. Was sagen Sie als Französin dazu?

Charpentier: Ja, ich denke, das Kino ist in der französischen Kultur ein sehr wichtiger Bestandteil, und das überrascht mich auch nicht, dass die Franzosen dafür gewählt haben. Und es überrascht mich auch nicht, dass in den anderen Ländern die Menschen für die Erfindung aus ihren Ländern gestimmt haben. Besonders bei den modernen Erfindungen ist das für Europa, glaube ich, ganz eindeutig.

Karkowsky: Wenn ich Ihren Lebenslauf richtig gelesen haben, haben Sie selbst in Frankreich ja eigentlich nur promoviert, waren dann in New York, in Memphis, in Wien, in Schweden, sind jetzt in Deutschland. Ist das Zufall, dass Sie so oft nicht in Frankreich waren, oder hängt das mit den Forschungsbedingungen zusammen?

Charpentier: Ja, das war nicht so geplant von Anfang an. Ich denke, sehr viele Wissenschaftler machen erst mal zu Hause in ihrem Heimatland ihren Doktor und gehen dann für die weitere Forschung ins Ausland. Bei mir war das mein Weg in die USA. Und dadurch, dass ich in die USA gegangen bin, habe ich gemerkt, dass die Wissenschaft selbst eigentlich mein Lebenselixier ist, und dass das halt sehr viel mit Reisen verbunden ist. Und dieses Reisen hat mir auch ermöglicht, meine Kreativität zu entwickeln. Ich will damit nicht sagen, dass ein Wissenschaftler unbedingt mobil sein muss. Mir hat es erlaubt, meine eigene Kreativität zu entwickeln, verschiedene Kulturen kennen zu lernen, verschiedene Arten, mit der Wissenschaft umzugehen, und das war für mich persönlich sehr wichtig.

Karkowsky: In welchem Land, in welchen Ländern haben Sie denn bislang die besten Bedingungen für Spitzenforschung vorgefunden in Ihrer Disziplin? Und Sie müssen jetzt nicht höflich sein.

Charpentier: Ich denke, wissenschaftlich ist die USA hervorragend aufgestellt. Dort gibt es die besten Forschungsbedingungen. Wenn man sich Europa anschaut, dann, denke ich, liegt Deutschland vorne, und das sage ich jetzt nicht, um höflich zu sein, das ist einfach eine Tatsache. Von Schweden aus hätte ich auch in andere Länder gehen können, nach Frankreich oder sonst wohin. Aber Deutschland bot mir die besten Bedingungen. Und ich glaube, dass Deutschland, die Schweiz und vielleicht auch England sich sehr bemühen, international anerkannte Wissenschaftler heranzuziehen.

Karkowsky: Sie leben Ihr Leben für die Forschung, Sie haben auch betont, dass Sie Wissenschaft durchaus als Abenteuer sehen und gerne verreisen. Gibt es für Sie in Europa irgendwo ein Zuhause, zu dem Sie zurückkommen und sagen, jetzt bin ich angekommen?

Charpentier: Nein, eigentlich nicht, ich fühle mich überall gut. Ich denke, je mehr man reist, umso mehr lernt man auch, flexibel zu sein und dort glücklich zu sein, wo auch immer man sich befindet. Und jetzt zurzeit in Deutschland geht es mir sehr gut. Ich kann dazu eigentlich nicht mehr sagen. Ich glaube auch, dass die Mentalität in Deutschland nicht so anders ist als in der Gegend, aus der ich komme, in der Nähe von Paris. Also ich kann nur sagen, es geht mir gut.

Karkowsky: Die Europaliste - heute ging es um die wichtigste europäische Erfindung. Platz eins belegt der Buchdruck. Sie hörten dazu die Professorin für Immunbiologie, Doktor Emmanuelle Charpentier. Sie wurde dieses Jahr ausgezeichnet mit der Alexander-von-Humboldt-Professur. Ihnen danke für das Gespräch.

Gesendet auf Deutschlandradio Kultur am 12.8.2013: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/2212828/