Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Ene Ergma

Ene Ergma © Goethe-Institut Estland

Ene Ergma © Goethe-Institut Estland

Wer bist du, Europäer?

Das wäre die Antwort auf die Fragen, die das Goethe-Institut Tausenden von Menschen in dreißig Ländern stellte.

Die größte Übereinstimmung zeigte sich in den Antworten auf die Frage "Fühlst du dich als Europäer?"

In Erinnerung an den uns Esten bekannten Aufruf von Gustav Suits vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts – "Seien wir Esten, doch werden wir Europäer!", wünsche ich allen Antwortenden, dass sie das Verhältnis zwischen Nationalität und dem weiteren kulturellen Raum stets im Gleichgewicht halten mögen. Indem wir Europäer sind, bleiben wir auch immer Norweger, Letten, Deutsche usw. Verlieren wir nicht unsere nationalen Eigenheiten im Schmelztiegel der Globalisierung, um zu gesichtslosen und faden, banalen Europäern zu werden. Europa muss ein gepflegter Garten bleiben, in dem es Platz für alle Blumen und Pflanzen gibt – nur dies garantiert seine Eigenart.

Bei den Antworten auf Fragen, die die Kultur betreffen, fiel auf, in welchem Maße für die Befragten Filmkunst mit dem gegebenen Zeitpunkt verbunden ist. In den Fragebögen wurde kein einziger Film aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts angeführt – weder Fellini und die italienischen Neorealisten, noch die Werke von Tarkowski, Wajda oder vielen anderen.

Von literarischen Gestalten befand sich Don Quijote fest an erster Stelle, was offensichtlich zeigt, dass Cervantes in den Lehrplänen aller europäischen Nationen gründlich behandelt wird. Leider wurden auch einige Schriftsteller zu Romanfiguren, so zum Beispiel Shakespeare und Goethe. Sherlock Holmes und der kleine Prinz schafften es in die Liste wahrscheinlich nicht über die schulische Pflichtlektüre, sondern bedingt durch die besondere Berühmtheit der Figuren.

In Bezug auf die Bekanntheit von Politikern überrascht die Dominanz der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht, was wiederum den Einfluss des gegenwärtigen Augenblicks belegt. Die Positionierung von Churchill auf dem zweiten Platz könnte demnach als Zeichen eines weiteren Horizonts angesehen werden – liegen doch seine Taten und sein Einfluss schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Bei den in den Antworten aufgeführten Politikernamen überraschte die große Anzahl deutscher Kanzler. Hitler wurde erwähnt, doch die Namen der beiden großen kommunistischen Verbrecher – Lenin und Stalin – waren den Befragten nicht eingefallen. Schwinden die Verbrechen des Kommunismus schon aus dem Gedächtnis, oder sind sie es schon?

Was mich aber wirklich überraschte, war die Position Berlins als bester Stadt. Ich kann mir das nicht erklären, denn für mich liegt Berlin nicht unter den ersten Zehn der europäischen Städte. Ob dieses Befragungsergebnis mit der führenden Position Deutschlands in Europa oder mit etwas anderem zusammenhängt, ist schwer zu sagen.

Ja, sicherlich war Berlin vor dem Ersten Weltkrieg neben Paris eines der bedeutendsten europäischen Kulturzentren, insbesondere auf dem Gebiet der Theaterkunst. In Berlin wirkte der weltberühmte Max Reinhardt, dort glänzte Marlene Dietrich. Der Erste Weltkrieg, die folgende Revolution in Deutschland, die Machtergreifung Hitlers, der Zweite Weltkrieg und die Spaltung Deutschlands ließen Berlin für eine lange Zeit von der Karte der meistbesuchten Städte verschwinden. Offensichtlich hat das heutige Berlin seinen Charme vom Beginn des letzten Jahrhunderts zurückgewonnen und konnte sich somit wieder an die Führungsposition bringen.

Denkt man aber darüber nach, warum in so vielen Antworten Dinge dominieren, die mit Deutschland zu tun haben, so stellt sich die Frage, ob sich unter den Befragten nicht viele Freunde des Goethe-Instituts befinden. Was an sich ja nicht schlimm wäre, allerdings lässt es sich in dem Fall nur schwer abstrahieren.

Was bedeutet Europa persönlich für die Befragten? Wie die Ergebnisse zeigen, ist eine Antwort auf diese Frage nicht einfach zu finden. Die auf den ersten Platz gelangte Kultur ist sicher eine der Blumen, die es zu bewahren gilt. Unter Einwirkung der Globalisierung und der schnellen Verbreitung der Massenkultur können die zarten Blumen der lokalen Kultur Schaden nehmen. Ich bin aber überzeugt, dass es so nicht kommen wird. Ich persönlich finde es schade, dass es zum Beispiel beim Eurovision Song Contest die Teilnehmer aus Gründen der besseren Verständlichkeit vorziehen auf Englisch zu singen. Um von einem Lied der genialen Edith Piaf berührt zu werden, musste man ja nicht Französisch können.

Die wichtigste Entdeckung, die in Europa gemacht wurde? Die Antworten auf diese Frage sind sehr interessant. Neben der Entdeckung der Antibiotika wurde auch der Euro genannt!? Wie eine normale Währungseinheit eine Entdeckung sein kann, entzieht sich meinem Verständnis. Sympathisch ist jedoch der souveräne erste Platz (19) für den Buchdruck. Natürlich gibt es viele Entdeckungen, darunter auch solche, die die ganze Welt beeinflusst haben, deren Vorhandensein der heutige Mensch als selbstverständlich ansieht. Als bestes Beispiel lassen sich hier die Versuche von Michael Faraday anführen. Als der Schatzkanzler Robert Peel Faraday zu dessen Dynamo fragte: "Und wozu nützt das?", gab Faraday ihm eine Antwort, die in die Geschichte einging: "Sir, eines schönen Tages werden Sie ihn besteuern!"

Unter den bedeutendsten Künstlern dominieren in den Antworten der Befragung Maler, dabei mit deutlichem Vorsprung Leonardo da Vinci (25). Natürlich ist Leonardo da Vinci eine der großen Gestalten der Malerei und sicher haben zu seiner Popularisierung auch verschiedene Bücher, Filme und Ausstellungen beigetragen.

Gaben die angeführten Künstlernamen keinen Anlass zu Fragen in Bezug auf deren Rolle unter den Weltspitzen aller Zeiten, so warfen die gegebenen Antworten allerdings Fragen auf, sobald man von den Künstlern zu den besten Sportlern weitergeht. Der Sport ist, ähnlich wie die Schauspielkunst, am schillerndsten im gegebenen Moment, und Vergleiche sind nur schwer zu ziehen. Ich bin zwar selbst ein großer Fan von Tennis, doch das Dominieren von Tennisspielern und der erste Platz für Novak Ðjoković in den gegebenen Antworten waren für mich doch überraschend. Es scheint so zu sein, dass die Popularität von Sportlern danach beurteilt wird, wieviel es ihnen gelingt zu verdienen, und genau das macht diese Sportarten attraktiv. Findet sich doch unter den ersten Zehn außer Tennis- und Fußballspielern auch Michael Schumacher. Andererseits möchte ich an dieser Stelle Rafael Nadal zitieren (Rafael Nadal und John Carlin: "Rafa. Mein Weg an die Spitze"): "Ich verstand besser als je zuvor, in welch privilegierter Position wir Tennisspieler uns befinden und in welch beengten Verhältnissen viele andere Olympiasportler zurechtkommen müssen… Diese Sportler trainieren aber vier Jahre hintereinander und unterwerfen sich einer geradezu mönchischen Disziplin, um für diesen einen wichtigen Kampf bereit zu sein, doch die Unterstützung, die viele von ihnen erhalten, ist geradezu lächerlich im Vergleich zu dem, was sie an Energie in diese Arbeit stecken." Ich denke, die Beobachtungen des jungen Mannes sind sehr richtig, und zu den besten Sportlern der Welt sollten gerade diejenigen zählen, die sich mehrmals bei Olympischen Spielen bewiesen haben.

Ich finde, dass der erste Platz für die Kategorie der besten Küche Europas zu Recht den Italienern gebührt. Ihnen folgt die französische Küche.

In den Antworten in Bezug auf die zweite Sprache, das die Zukunft Europas am meisten dominierende Land oder einen zweiten möglichen Wohnsitz dominieren das Deutsche und Deutschland.

Überraschend für mich war aber das vollkommene Fehlen Russlands. In der Kultur der Welt spielt die russische Literatur, insbesondere die Dramatik, eine sehr große Rolle. Und mit Sicherheit ist Russland eines der Länder, die die europäische Zukunft deutlich dominieren werden.

Prof. Ene Ergma, Astro-Physikerin, derzeit Präsidentin des Estnischen Parlaments