Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Adam Krzemiński

Adam Krzemiński © Monika Lawrenz

Adam Krzemiński © Monika Lawrenz



Kommentar zu den Ergebnissen der Internetumfrage EUROPA-LISTE des Goethe-Instituts

Zwar ist dies keine repräsentative Untersuchung zum Kanon der europäischen Kultur, gleichwohl ist sie durchaus bemerkenswert. Die Umfrage wurde vom Goethe-Institut in 30 Ländern durchgeführt: Beteiligt waren 22 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union wie Frankreich oder Polen, 1 Land (Serbien), das bald Verhandlungen über den EU-Beitritt aufnehmen wird, und 7 benachbarte islamische Länder von Marokko über die Türkei bis zu Jordanien.

Den Fragebogen füllten 22 235 Befragte aus, was wiederum kein übermäßig hohes Ergebnis ist. Und auch der Kontext der Umfrage blieb nicht ohne Einfluss auf die Färbung des so zustande gekommenen europäischen „Kulturkanons“. Die zahlreichste Gruppe (15 %) stellten Deutsche dar, während Nicht-Deutsche aufgrund ihres Intereses an der deutschen Kultur und Sprache auf die Webseite des Goethe-Instituts gestoßen waren. Dennoch sind die Ergebnisse durchaus bemerkenswert.

Die jungen Leute – über die Hälfte der Befragten war unter vierzig – schätzen an Europa vor allem seine Kultur, das Zusammenhörigkeitsgefühl und die Freizügigkeit. Außerdem zählen für sie zu den 10 wichtigsten Eigenschaften des Alten Kontinents u. a.: Geschichte, Euro, Frieden, Demokratie, kulturelle Vielfalt. Die Geografie der Anziehungskraft dieser Stärken Europas ist jedoch recht differenziert. Polen schätzen „Gemeinschaft“ höher, Italiener „Einheit“, Holländer und Belgier „Euro“ und Deutsche „Vielfalt“ – egal, was man darunter verstehen mag. Am stärksten verstehen sich als „Europäer“ Franzosen, Portugiesen und Esten. Deutsche und Polen liegen irgendwo in der Mitte, während die größten Skeptiker in dieser Umfrage Iren, Letten und Türken sind. Überraschen mag, dass Jordanier, Ägypter oder Marokkaner, die das Goethe-Institut besuchen, sich „eigentlich auch“ als Europäer verstehen.

Die Teilnehmer an der Umfrage blicken mit verhaltenem Optimismus in die Zukunft Europas. Nur 12 % bewerten sie enthusiastisch als „sehr gut“. Enttäuschen muss aber die Ermittlung des Eiffelturms als des bedeutendsten Gebäudes Europas. Der überwältigende Sieg des Pariser Eisengerüsts über die Athener Akropolis oder den Petersdom in Rom erscheint als Kapitulation des europäischen Geistes vor der allgegenwärtigen Kultur der architektonischen Gadgets der europäischen Moderne. Die Tatsache, dass sich auf der Liste auch das Brandenburger Tor, die Berliner Mauer oder der Kölner Dom befinden, lässt sich wohl als Verneigung der Umfrageteilnehmer gegenüber dem Patron des Veranstalters deuten, auch wenn Goethe selbst wohl eher für das Straßburger Münster gestimmt hätte, dem er einen scharfsinnigen Essay gewidmet hat. Zum Glück bezeichneten viele Griechen, Italiener und Franzosen – politisch korrekt – das Europäische Parlament als bedeutendstes europäisches Bauwerk.

Man mag darüber streiten, ob tatsächlich Robert Benignis Tragikomödie „Das Leben ist schön“ der beste europäische Film und „Don Quijote“ die bewegendste europäische Romanfigur ist. Die Tatsache aber, dass die Umfrageteilnehmer im Mittelpunkt des europäischen Kinos und der europäischen Literatur die Groteske wahrnehmen, ist höchst aufschlussreich – und durchaus treffend. Die zahlreichen Nennungen deutscher Filme – „Good Bye, Lenin“, „Das Leben der Anderen“ oder „Der Himmel über Berlin“ – erscheinen, bei all ihren Vorzügen, doch eher als verständlicher Sympathieerweis der Besucher der Goethe-Institute in ganz Europa, während die Anerkennung der Kunst des Buchdrucks – weit vor der Dampfmaschine – als wichtigster europäischer Erfindung tatsächlich genau ins Schwarze trifft.

Bei alldem sind sich die Befragten kaum darüber einig, was den wichtigsten Beitrag Europas zur Weltkultur darstellt. Sie schwanken zwischen Demokratie, Buchdruck, klassischer Musik, Philosophie, Renaissance, Aufklärung – alles mit recht bescheidenen Prozentanteilen. Die Qual der Wahl – embarras de richesse – rächt sich in dieser Unentschiedenheit. Als mustergültigen europäischen Künstler wählten die „Goetheaner“ nicht ohne Berechtigung Leonardo da Vinci – da bleibt nur zu hoffen, dass dies nicht allein dem Weltbestseller von Dan Brown zu verdanken ist … Schade dennoch um die weiter abgeschlagenen Plätze für Beethoven, Bach oder Shakespeare.

Dass für die Freunde des Goethe-Instituts Deutschland die Lokomotive der EU darstellt und Berlin als eine der attraktivsten europäischen Städte gilt, ist ebenso verständlich wie der erste Platz für Angela Merkel auf der Liste der wichtigsten europäischen Politiker. Bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, dass gleich dahinter auf Platz zwei Winston Churchill folgt. Das dürfte als Zeichen zu werten sein für die Anerkennung des anhaltenden britischen Widerstands nach dem Rückzug Frankreichs aus dem Krieg im Sommer 1940 und des über ein Jahr währenden nahezu einsamen Kampfes gegen den Nazi-Totalitarismus zur Verteidigung nicht nur der eigenen, sondern überhaupt der europäischen Demokratie. Ein Beleg für die Bedeutung der moralischen Dimension der Politik ist auch, dass Willy Brandt vor Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor Margaret Thatcher liegen, wenngleich die Umfrage auch in dieser Hinsicht sicherlich nicht ganz repräsentativ ist.

Das beste Beispiel für die Unentschiedenheit der Befragten ist das Ranking der besten Sportler. Jeder der modernen Gladiatoren auf dieser Liste ist letztlich austauschbar. Ist wirklich ausgerechnet der serbische Tennisstar Novak Đoković der beste? Dieses Verdikt bestimmten die patriotischen serbischen Fans des Goethe-Instituts … Wie ein altes polnisches Sprichwort besagt: Jede Elster rühmt ihren eigenen Schwanz. Anders verhält es sich mit dem Wettbewerb um die beste europäische Küche. Trotz massenhafter Stimmen für die französische Cuisine trug hier Italien eindeutig den Sieg davon, während Deutsche und Polen in dieser Kategorie eindeutig am Ende des Felds stehen.

Insgesamt ein interessantes Bild der Stimmung unter den Freunden Goethes …