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Dragan Velikićde

Dragan Velikić | © Goethe-Institut e.V.

Dragan Velikić | © Goethe-Institut e.V.

Die Europa-Liste

Die Idee der Gemeinschaftlichkeit der Europäischen Union ist zwar eine große Idee, jedoch bedarf es viel mehr als des Binnenmarkts, damit diese Idee fortbesteht und weiterentwickelt wird. Es bedarf auch einer starken Ideologie. Und natürlich auch des Bewusstseins, dass mit der Zeit alles, auch die ursprüngliche Vision, im Wandel begriffen ist. Der Sinn der Welt liegt im ständigen Wandel und Bewegung. Was für manche Generationen bereits die Mündung ist, ist für andere erst die Quelle. Ende und Anfang sind verflochten zu einem einzigartigen Verlauf nicht nur der menschlichen Zivilisation, sondern auch des gesamten Weltalls.

Ich kann nicht umhin, in diesem Augenblick eine Anekdote zu zitieren, die mir paradigmatisch erscheint. Irgendein Typ prahlte damit, dass seine Familie im Besitz der urgroßväterlichen Axt sei. Bei dieser Axt, dies gab er offen zu, habe der Großvater einmal den Stiel und der Vater die Schneide ausgetauscht. Aber dies sei auch weiterhin um die urgroßväterliche Axt.

Egal wie absurd auf den ersten Blick diese Behauptung über die urgroßväterliche Axt in den Händen dieses jungen Mannes auch erscheinen mag, dies ist in der Tat die Axt seines Urgroßvaters. Denn Idee und Zweck dieses Gegenstands bleiben bestehen. Wie auch der Kontinuitätsglaube. Im Übrigen zählt auch bei Kirchen das Alter ihres Fundaments. Bei bestehendem Fundament wird die neue Kirche stets den Namen des ursprünglichen Tempels Gottes tragen.

Alles hängt zusammen, so der Klassiker der serbischen Literatur Miloš Crnjanski, der am Rande der Habsburger Welt geboren wurde. Diese simple Feststellung scheint heute aktueller denn je zu sein. Infolge der beschleunigten technologischen Entwicklung wird die Welt immer unsicherer und nervöser. Uns entgleitet jener absolute Punkt, von dem Archimedes geträumt hat. Und ohne diesen festen Berührungspunkt der Errungenschaften von Wissenschaft, Kunst und Ökologie wird es in der kommenden Zeit schwer sein, eine sichere Schifffahrtsstraße abzustecken. Ohne eine verantwortungsbewusste und visionäre Politik könnte sich die Menschheit heute allzu leicht auf eine Irrfahrt begeben. Und die visionäre Politik ist nicht bloß eine Idee, sondern ein Geschick und die Fähigkeit, diese Idee zu übertragen und Realität werden zu lassen.

Am leichtesten ist es, Pessimist zu sein. Pessimismus befreit von Verantwortung und verschafft ein Alibi für jeden erdenklichen Misserfolg. Pessimismus ist ein totes Meer, das keine Entscheidung aufkommen lässt und jede Richtung zunichtemacht.

Der Begriff Europa hatte lange Zeit keine negativen Nebenbedeutungen. Denn im europäischen Raum wurde eine hohe Lebensqualität erzielt. Dies ist ein Raum der Ordnung und des Friedens. Europa ist eine Norm, die nicht nur auf bequeme und pünktliche Züge beschränkt ist. So wird Europa von armen Verwandten gesehen, die an seiner Peripherie angesiedelt sind. Sie bereiten sich jahrelang darauf vor, diesem vereinten Europa beizutreten.

Die Welt ist heute mehr denn je mit Fäden durchwoben, die nach dem Domino-Effekt funktionieren. Kompatibel mit der Welt zu sein, bedeutet sicherlich nicht, die eigenen Besonderheiten aufzugeben. Die europäische Identität existiert nicht an sich und kann nicht auf ein Programm reduziert werden, das man sich durch bloßes Überspielen aneignen kann, sondern dies ist ein recht weit gefasster Grundnenner, der historisch und geografisch bedingt ist. Das Europäertum ist also kein Entsagen der nationalen Identität, sondern die Erweiterung der kulturellen Matrix.

Identität ist stets eine Mischung. Denn Identität ist keine ein für alle Mal geschaffene Struktur, sondern ein Prozess, der genauso wie das Weltall weder Anfang noch Ende hat. Leben ist Wachstum, Wachstum ist Austausch, eine physiologische Aktivität von Körper und Geist. Austausch ist nur mit dem Anderen möglich. Der Andere erschafft uns. Auch wir sind für jemanden der Andere. Der Andere ist unser Schicksal, die Unentrinnbarkeit. Ohne Beziehung zum Anderen wäre es gar nicht möglich, die eigenen Vorzüge zu erkennen. Selbst wenn wir den Anderen als Bereicherung erleben, selbst wenn wir den Anderen als Bedrohung erleben, der Andere ist unumgänglich.

Die Europa-Liste des Goethe-Instituts hat zahlreiche Andere versammelt. Die Umfrageergebnisse haben gezeigt, in welchem Maße gerade die Kultur einen dominanten Wert der europäischen Zivilisation darstellt. Es freut mich, dass Serbien, was die Teilnehmerzahl betrifft, den zweiten Platz eingenommen hat, aber wenn wir die Teilnehmerzahl mit der Einwohnerzahl vergleichen, dann befindet sich Serbien auf Platz eins. Ich freue mich, dass die serbischen Bürger, obwohl immer noch vor den Pforten der EU, keine Euroskeptiker sind, sondern gemeinsame Werte mit der europäischen Völkerfamilie teilen. An erster Stelle steht die Literatur, es folgen Film, Malerei, Sport.

Vergleicht man die Ergebnisse der serbischen Teilnehmer mit den Gesamtergebnissen der Umfrage zur Europa-Liste, dann ist Kultur ebendieser mächtige Grundnenner. Leonardo da Vinci ist unbestritten die Nummer eins, er ist die Persönlichkeit, bei der ein „Konsens“ erreicht wurde. Die serbischen Bürger fühlen sich als Europäer/-innen, zumal die meisten von ihnen diese Frage mit „Vollblut-Europäer/-in“ beantwortet haben. Am liebsten würden sie für eine Weile in Deutschland leben, auch wenn Paris die attraktivste Stadt in Europa ist und der Eiffelturm das bedeutendste europäische Bauwerk. Angela Merkel ist der/die wichtigste Politiker/-in in Europa und Goethe, anders als bei den Deutschen, die ergreifendste literarische Figur der europäischen Literatur. Novak Đoković ist der/die größte europäische Sportler/-in. Der bedeutendste Beitrag Europas zur Weltkultur ist die Literatur. Letzteres gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Mühlen der Globalisierung und die Trends der Konsumgesellschaft weltweit immer noch nicht die Bedeutung jener literarischer Werke gefährden, die Teil des europäischen Kulturerbes sind. Literarische Werke sind im Übrigen die einzigen Territorien, zu denen uns die Rückkehr immer freisteht.

Ungeachtet der Wetterlage, die unweigerlich das Schiff Europa in Zukunft begleiten wird, glaube ich, dass der Fixpunkt, von dem Archimedes geträumt hat, in den einzelnen Menschen zu finden ist, in Personen, die nicht nur Energie und Wissen besitzen, sondern auch das erforderliche Charisma, um ihre Visionen einer breiten Zuhörerschaft nahezubringen, um Menschen guten Willens zu motivieren und sie dazu zu bringen, in sich selbst Gut und Böse zu trennen, und die bereit sind, für dieses Gute bis zum Schluss zu kämpfen, und es letztendlich auch zu erkämpfen. Und solche Menschen gibt es viele auf der europäischen Liste.

Es gibt keine sichere Schifffahrt.

Aus dem Serbischen von Maja Matić.