EUROPA-LISTE: Em busca de uma cultura europeia

Ivaylo Ditchevde

Ivaylo Ditchev

Ivaylo Ditchev

Lobgesang auf das Klischee

Was kann man Europäisches von Europäern in einer europäischen Umfrage erwarten?
Richtig! Die Kultur. Die Rede ist aber nicht von zeitgenössischer Kultur, die uns aufreizt und uns Komplexe suggeriert, sondern von absolut unumstrittenen Werten der Vergangenheit, die unser Kontinent stolz zu hüten weiß. Historisch gesehen heißt das von der Renaissance bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von Leonardo und Michelangelo bis Picasso und Dali, also Künstler, deren Schöpfungen nicht nur in der Schule unterrichtet werden, sondern auch seit Langem von der souveränen Industrie vereinnahmt sind und den Touristen in Form von Schals, Schlüsselanhängern oder Kühlschrankmagneten angeboten werden. Denn was macht man, wenn man kompetent von sich gibt, dass Leonardo der bedeutendste europäische Künstler ist – man zeigt, dass man weiß, was von einem erwartet wird -  man beherrscht das Klischee.

Europa offenbart sich wie immer als etwas Altes, Kultur- und Architekturbehaftetes und etwas Kitschiges. Weil der Kitsch laut Hermann Broch jener Anspruch auf den absoluten Wert sei, der nicht in Frage gestellt, sondern nur andächtig bewundern werden könne. Wie viele Wandteppiche mit der Abendmahlszene wurden von bulgarischen Frauen in den Zeiten des Kommunismus mit jenem importierten deutschen Garn gestickt, wie viele vergoldete Rahmen haben deren Ehemänner zimmern müssen... Es könnte also nicht anders sein – Leonardo führt die Umfrage an!

In einem Museum leben zu müssen, besitzt seinen eigenen Reiz. Umgeben von verschwiegenen Gegenständen fühlt sich der Mensch wichtig und geschützt; er schweigt andachtsvoll und versucht nichts umzuwerfen. Das Museum ist natürlich ein friedfertiger Ort: die Dinge darin bekämpfen sich aus dem einfachen Grund nicht, weil sie tot sind, jedes erstarrt in seiner Epoche. Man kann die Geschichte immer wieder von Neuem erleben, ohne Angst zu haben, dass sich etwas unerwartetes ereignet. Das Gefühl der demokratischen Vielfalt rührt anscheinend von ihrer Aufstellung in den Vitrinen her, eines neben dem anderen, so dass der Blick schnell und ungehindert über die Jahrhunderte schweifen kann.

Hüten wir einen Gegenstand, weil er wertvoll ist, oder ist er wertvoll, weil wir ihn hüten? Dieser Zwiespalt wird mit größer werdender Entfernung von den bedeutenden Kulturschöpfungen zunehmend unlösbarer. Betrachtet man sich die Antworten auf die Umfrage, wird man feststellen müssen, dass Prestige und realer Nutzen nicht übereinstimmen. Abstrakt betrachtet, gehört die Literatur zu den wertvollsten Errungenschaften Europas. Sobald man aber nach einem konkreten Künstler oder einem bestimmten Werk fragt, fallen dem Europäer kommunikativere Künste ein, wie Malerei und Musik – Museums-Multimedia sozusagen. Die Sprache besitzt natürlich einen lokalen Charakter, weil sie einer Übersetzung bedarf  und noch schlimmer – sie bedarf der Zeit und Mühe. Seltsamer Weise werden Helden vom Typ des Don Quijote und Autoren wie Shakespeare nebeneinander gestellt. Man könnte meinen, dass die Literatur zur Legende geworden ist – man hat gehört, dass es so etwas Bedeutendes, wie die Literatur, gibt, obwohl wir sie weniger beanspruchen. Ganz anders ist es um das Kino bestellt, wo die Wahl vom Geschmack und den persönlichen Vorlieben zeugt, während die angeführten europäischen Filme für das Verständnis unserer modernen Welt wichtig sind, wie auch ästhetische Herausforderungen stellen. Hätten wir uns der lebenden Kultur noch mehr genähert, falls wir nach Clips gefragt hätten, nach Computerspielen?

Es überrascht weiter nicht, dass bei der vom Goethe-Institut online durchgeführten Umfrage, die Teilnehmer den deutschen Dingen einen Vorzug geben. Es ist nicht nur die Technik, was niemanden weiter wundert, sondern selbst die Küche mit an vorderster Stelle, obwohl die Kulinarie nicht zu den stärksten Seiten des deutschen Geistes gehört. Die Freunde des Instituts haben Berlin als beste Stadt zum Leben und Deutsch als die zweitwichtigste europäische Sprache eingestuft, offensichtlich um ihrer emotionalen Verbundenheit gegenüber diesem Land Ausdruck zu verleihen. In den Antworten ist meiner Meinung nach die Widerspiegelung der deutschen Sicht auf die Kultur kurioser, an die Übererwartungen und Bedeutsamkeit geknüpft werden. Übrigens wurde in einer früheren Umfrage des „Goethe-Netzes“ auf die Frage, was einem am meisten in Deutschland gefalle, am häufigsten die Kultur angegeben, obwohl uns der nüchterne Menschenverstand sagt, dass die Assoziationen, die dieses Land als erstes in den Durchschnittsbürger weckt, Reichtum, Technik, Ordnung, Wirtschaft und BMW sind. Wie ist also die Antwort „Kultur“ seitens der verhältnismäßig gebildeteren Freunde des Instituts zu werten?

Man betrachte die Umfrage von einer anderen Seite. Was fehlt? Keine Rechte, kein Sozialstaat, „Demokratie“ erscheint in leicht musealer Form, wie der Louvre und das Parthenon. Der Euro weckt verständlicher Weise keinen Enthusiasmus, auch werden die europäischen Institutionen mit keinem Wort erwähnt, während man unter den bedeutendsten Politikern keinen entdeckt, der vor dem 19. Jahrhundert gelegt hat, wie Cäsar, Karl der Große, oder Peter I. zum Beispiel. An erster Stelle steht die deutsche Bundeskanzlerin Frau Merkel, was man außer ihren persönlichen Eigenschaften auch der Tyrannei des Unglücks zuschreiben kann, bei dem in punkto Eurowirtschaft Deutschland eine zentrale Rolle einnimmt. Hinsichtlich der nach ihr aufgezählten Persönlichkeiten werden große nationale Unterschiede deutlich, was wahrscheinlich den Geschichtsbüchern in den jeweiligen Ländern zuzuschreiben ist: die Franzosen lieben de Gaulle, die Türken Kemal Atatürk. Weiter werden Persönlichkeiten, wie Putin und Gorbatschow, Kohl und Willy Brandt, sogar Zoran Djindjić genant (offensichtlich dank des aktiven Wirkens der Institutszweigstelle in Serbien), aber auch Hitler, der in den Nicht-EU-Ländern an peinlicher vierter Stelle rangiert.

Fazit? Vor dem Hintergrund der mit einem Konsens behafteten Kultur, befindet sich die Politik in einer qualvollen Euro-Kakophonie. Es gibt kein politisches Zentrum des Kontinents, kein Projekt und keine Institutionen. Dafür aber ist das Kulturklischee allgegenwärtig, das sich der schweren Aufgabe der Friedensstiftung und Vereinigung angenommen hat. Die Europäer schaffen es nicht, sich über gemeinsame Politiken zu einigen, dafür aber äußern sie spontan und aufrichtig die Meinung, dass der Eiffel-Turm das bedeutendste Bauwerk des Kontinents ist und wenn sie nach Paris gehen, wissen sie, dass man ihn sehen und sich davor fotografieren muss.
Man kann nicht umhin, sich der These des Soziologen Wolf Lepenies über den Stellenwert der Kultur in Deutschland zu entsinnen. Sie biete die Möglichkeit eines Rückzugs aus dem politischen Bereich, ohne Würdeverlust die Einbuße der eigenen Subjektivität auf erhabene Weise hinzunehmen. Politik bedeutet Konflikt, Drama, Anstrengung; in der Kultur hingegen, und insbesondere im Kulturklischee, dem solche Umfrageergebnisse huldigen, herrscht Frieden, Einvernehmen, Vielfalt und all die anderen schönen Dinge, auf die Europa gewohnter Weise stolz ist.

Übersetzung: Milkana Dehler

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