EURÓPSKY KÁNON: Hľadanie európskej kultúry

David van Reybrouckde

David Van Reybrouck. © CC innl

David Van Reybrouck. © CC innl

Das Europa von David Van Reybrouck: ein doppeltes Erbe

Das deutsche Goethe-Institut hat sich bei über 22.000 Europäerinnen und Europäern sowie bei Bürgerinnen und Bürgern auf der anderen Seite des Mittelmeers danach erkundigt, was Europa für sie bedeutet. Die „Europa-Liste‟, eine Erhebung, die das Goethe-Institut in 24 Sprachen und 30 Ländern in und um Europa durchgeführt hat, nennt Leonardo da Vinci als wichtigsten europäischen Künstler, Don Quijote als ergreifendste Figur in der europäischen Literatur und die Demokratie als wichtigsten Beitrag Europas zur Weltkultur. MO* hat den Schriftsteller David Van Reybrouck nach seiner Ansicht zu diesem Thema gefragt.

Van Reybrouck: Europäisch zu sein bedeutet für mich, dass ich ‒ wie jeder Mensch ‒ von irgendwoher komme. Wir starten nicht bei Null. Die europäische Geschichte ist eine ziemlich depressive Geschichte, mit den schlimmsten nur denkbaren Gräueltaten und daneben auch einigen Versuchen, Formen von Menschenwürde und Brüderlichkeit auszubauen. Das ist eine Art doppeltes Erbe, das man mit sich herumträgt.
Wir können nur hoffen, dass wir von einer negativen zu einer positiven Phase übergehen. Es gibt eine Reihe von Trends, die Hoffnung wecken, von der französischen Revolution bis zum Stimmrecht, aber wir sind noch nicht angekommen.
Das Projekt der Europäischen Union, die nur ein Teil von Europa ist ‒ wir sollten diese beiden auf keinen Fall miteinander gleichsetzen ‒, betrachte ich seit jeher als progressives Projekt. Aber heute sehen wir, dass es dabei ist, im Sand zu verlaufen. Wegen der technokratischen Kultur springen viele Bürger ab.
Doch ein anderes Europa ist möglich und notwendig. Wenn allerdings zwischen nationalem Protektionismus einerseits und europäischem Neoliberalismus andererseits gewählt werden muss, dann ist es wirklich eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Van Reybroucks Europa-Liste

Welche drei Elemente verbinden Sie mit Europa?
Gaskammern, Demokratie und Solidarität.

Auf einer Skala von 1 bis 4: Wie europäisch fühlen Sie sich?
4, mit Leib und Seele Europäer.

Wie sehen Sie die Zukunft Europas, von sehr gut bis schlecht?
Schlecht.

Welches europäische Bauwerk ist das wichtigste für Sie?
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

Welcher europäische Film ist Ihrer Meinung nach der beste?
Das Leben der Anderen, oder Europa von Lars von Trier.

Wer ist die wichtigste Figur in der europäischen Literatur?
Odysseus oder Don Quijote.

Was betrachten Sie als die wichtigste europäische Entdeckung oder Erfindung?
Demokratie. Obwohl, das ist vielleicht keine rein europäische Erfindung, denn sie kam auch an anderen Orten vor. Nein, dann nehme ich lieber die Höhlenmalerei.

Was ist Europas wichtigster Beitrag zur Weltkultur?
Die Menschenrechte.

Wer ist der wichtigste europäische Künstler?
Der unbekannte Mensch, von dem die Malereien in den Höhlen von Lascaux stammen.

Wer ist der wichtigste aktuelle oder historische europäische Politiker?
Klemens von Metternich, da er der erste war, der Europa auf diplomatische Weise zusammengebracht hat.

Wer ist der größte europäische Athlet?
Eddy Merckx geht bestimmt nicht mehr? (lacht) Ich bleib aber doch bei Eddy Merckx.

Welches Land in Europa hat die beste Küche?
Ich fürchte, dass ich hier im Zweifelsfall zu Gunsten von Italien entscheiden muss.

In welcher europäischen Sprache außer Englisch sollte ein Europäer mehr als „bitte‟ und „danke‟ sagen können?
In Französisch.

Welches Land verkörpert Europas Zukunft am besten?
Spanien, für die düstere Zukunft Europas. Spanien und Griechenland laufen Gefahr, die Demokratie zu verlieren. Ich glaube, dass dort eine kritische Grenze überschritten ist; vor allem im Hinblick auf die Jugendarbeitslosigkeit mache ich mir Sorgen.

In welchem anderen europäischen Land würden Sie denn gern eine Zeitlang leben?
In allen, ohne jeden Zweifel.

Welche europäische Stadt finden Sie am angenehmsten?
Budapest.

Van Reybrouck betrachtet die Erhebung des Goethe-Instituts als amüsante Initiative, die jedoch, da sie eher auf Leichtigkeit ausgelegt ist, nicht speziell die Werte Europas oder der europäischen Einrichtungen auslotet. „Es ist Europa light und sexy, könnte man sagen, Europa im Minirock‟, so der Schriftsteller.

Er findet es aufschlussreich, dass gerade eine kulturelle Einrichtung eines Landes wie Deutschland, das bei vielen Europäern derzeit nicht sehr beliebt ist, sich daranmacht, das europäische Gefühl der Menschen zu untersuchen. Dass es an einem europäischen Gefühl zutiefst mangelt, steht laut Van Reybrouck außer Frage. „Europa ist zurzeit ein Projekt von der und für die Elite, und diejenigen, die sich damit identifizieren, sind auch Teil dieser Elite, vor allem hoch gebildete Menschen mit Universitätsabschluss. Personen mit einem niedrigeren Bildungsniveau profitieren zwar auch von diesem Europa, über Sicherheit, Lebensmittelsicherheit, Infrastruktur, aber sie identifizieren sich nicht mit diesem Europa."

Dies liegt David van Reybrouck zufolge an dem Sprachenreichtum, der sprachlichen Vielfalt Europas. „Das ist ein Reichtum, aber auch ein gewaltiges Hindernis‟, sagt Van Reybrouck. „Es ist nicht leicht, eine Gemeinschaft zu entwickeln, wenn die Menschen nicht miteinander sprechen können. Europas Sprachpolitik war schon immer eine sehr sonderbare Politik: Jede Sprache Europas ist eine Amtssprache. Aber kennen Sie aus der Geschichte ein Beispiel eines Imperiums ohne Sprachpolitik?‟, fragt er sich.

„In Frankreich sprach um 1840 nur jeder sechste Franzose Französisch. Die anderen sprachen Deutsch, Flämisch, Baskisch, Okzitanisch, Bretonisch... Dort hat man diese Unterschiede durch zahlreiche Gesetze und Bildungsentscheidungen bewusst geglättet. Deshalb fühlt sich der Franzose heute als Franzose. Wegen unserer Sprachpolitik fühlt sich der Europäer nicht als Europäer. Es ist eine sehr schwierige Frage, denn einerseits möchte ich den sprachlichen Reichtum bewahren, aber andererseits auch ein Gemeinschaftsgefühl schaffen. Ich finde schon, dass Europa eine gemeinsame Sprache wie das Englische anregen sollte‟, schließt Van Reybrouck.

Schauen Sie sich die vollständigen Ergebnisse der Europa-Liste-Erhebung an.