AVRUPA LİSTESİ: Avrupa Kültürünün İzinde

Oskaras Koršunovasde

Oskaras Koršunovas | Photo: Dmitrijus Matvejevas

Oskaras Koršunovas | Photo: Dmitrijus Matvejevas

Nichts ist so schwierig, wie über Europa und für Europa zu sprechen. Nirgends trifft man auf so viel Vielfalt. Blickt man vom Mittelmeerraum und Italien und der dortigen Kultur Richtung Norden, sieht man, wie groß die Unterschiede sind. So viele verschiedene Kulturen und Sprachen. Kein anderer Teil der Welt hat so viele Kriege und Revolutionen erlitten. Die Geschichte Europas ist enorm dicht, und um ehrlich zu sein, enorm blutig. Allen Widersprüchen zum Trotz zieht sich ein fortlaufender Einigungsprozess durch die gesamte Geschichte Europas: durch Religion, Kultur oder  durch die europäischen Grundwerte.

Europa hat immer bestanden, hat stets auf die eine oder andere Art nach Vereinigung gestrebt.  Manchmal hat sich dieses Bestreben auf sehr grausame Art geäußert, aber Europa hat immer existiert und in seinem Innern fanden stets wichtige Prozesse der Wissenschaft und Kultur statt, die von Land zu Land weitergegeben wurden. Davon zeugt z.B. auch die viele Epochen umfassende europäische Architektur in Vilnius.

Eine interessante Frage ist, wieviele Menschen sich tatsächlich als Europäer fühlen. Wie fühlen sich die Europäer heute? Zu verschiedenen Zeiten war das Gefühl mal stärker und mal schwächer, es  gab so etwas wie Vereinbarungen zwischen den Ländern. Der ethnische Faktor war sehr stark, kam allerdings erst sehr viel später ins Spiel als die meisten meinen. Die Menschen identifizierten sich mit Glaubensrichtungen, Königreichen, der Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Stand oder einem politischen Gefüge. Ein gelungenes Beispiel ist dabei das Italien der Rennaissance: es gab einzelne Städte mit jeweils eigener Bürgerschaft, deren Identität mit ihrer Stadt in Verbindung stand, so fühlte sich ein Bewohner Venedigs in erster Linie als Bürger Venedigs.

Nun stellt sich die wesentliche Frage: Wie sieht es im heutigen Europa aus? Fühlen wir uns als Europäer? Wenn ja, wieviele von uns? Die Beantwortung dieser Frage entscheidet auch über das tatsächliche Bestehen Europas. Das Gefüge Europas wird ja nicht nur von den entstandenen wirtschaftlichen Beziehungen oder Modellen bedingt. Von großer Bedeutung für die Menschen ist ihr Leben in Europa, ihr Fühlen und ihre Identität. Aus den Antworten erkennen wir, dass Europa eben doch existiert, denn ein großer Teil der Befragten gibt an, sich als Europäer zu fühlen. Der Anteil derer, die sich als Europäer fühlen, ist in Litauen größer als der allgemeine europäische Kontext, aber der Anteil der wahren Europäer ist kleiner. Eine Sache ist es dabei, sich als Europäer zu fühlen. Wer vorurteilslos denkt, wird das als selbstverständlich betrachten. Etwas anderes ist es jedoch, sich als wahrer Europäer zu empfinden, vor allem für Osteuropäer, die historisch immer an den Rand gedrängt wurden. Lange herrschte die Meinung, dass das wahre Europa im Westen liege, woher auch die wahren europäischen Werte, Künste, Wissenschaften und alles andere stammen.

Das dürfte so nicht ganz stimmen. Osteuropa hat schon immer eine wichtige Rolle gespielt, und nun wird diese Sachlage von Historikern von Neuem analysiert. In dem bekannten Buch des Historikers Norman Davies „Europe. A history“ wird diese Frage neu erörtert, wobei offensichtlich wird, dass wir uns wirklich mehr als wahre Europäer fühlen sollten als wir das vielleicht tun.

Auf der Liste der bekanntesten Bauwerke ist der Eiffelturm absolut führend. Nach Bedeutung und Eindrucksstärke gemessen, sollte natürlich die Akropolis die erste Stelle einnehmen. Obwohl ich persönlich den Kölner Dom wählen würde. Interessanterweise wird in der litauischen Top10-Liste der Euro-Tunnel genannt, der in der gesamteuropäischen Liste der zehn häufigsten Antworten fehlt.  Gibt dies unseren Wunsch, schneller voranzukommen und uns schneller als wahre Europäer zu fühlen, wieder?

Ich denke, dass sich die Leute immer mehr als echte Europäer fühlen werden. Vor allem unter jungen Menschen, die heute frei sind, überall zu studieren und zu reisen. Sie fühlen sich immer mehr als wahre Europäer. Ihnen wird es zu verdanken sein, wenn eines Tages die Frage „Wo bist du?“nicht mehr gestellt werden wird. Wichtig wird nur, was du machst und was du leistest. Ein guter Spezialist kann heutzutage in jedem Land oder sogar in der tiefsten Provinz arbeiten, so lange er dort Zugang zum Internet hat. Je mehr wir uns als wahre Europäer empfinden, je weniger bedeutend wird die Frage, ob wir Litauen für immer verlassen.

Die Dominanz Deutschlands unter den Ländern, in denen man leben möchte, ist offensichtlich.  Dabei, denke ich, spielt neben dem wirtschaftlichen Faktor auch die Kultur eine große Rolle. Im kulturellen Sinne ist Deutschland heute das interessanteste und reichste Land. Denn die wirtschaftliche und die kulturelle Blüte gehen meist Hand in Hand, und dabei ist die Kultur nicht unbedingt die nachfolgende. Diese beiden Gebiete bedingen einander. Städte, die wirtschaftlich blühen, standen zuvor in einer kulturellen Blüte. Einstmals gehörten Berlin wie auch Paris zu den wichtigsten kulturellen Zentren. Unter den erwähnten größten Künstlern sehen wir Pablo Picasso, der, obwohl ein Spanier, doch in aller erster Linie ein Pariser Phänomen ist. Dadurch haben weder Spanien, noch Paris, noch Europa irgendwelchen Schaden genommen.

Die Dominanz von Don Quijote in der Spalte der Literaturhelden hat mich etwas überrascht. Besser gesagt, erfreut. Don Quijote spricht von Idealismus, was bedeutet, dass auch Europa noch so etwas wie Idealismus aufweist. Don Quijote gibt niemals auf. Denkt man an Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ und seine Thesen, dass Europa keine Vitalität mehr besitze und ein sterbender Kontinent sei, erfahren wir nichtsdestotrotz ein immer stärkeres Gefühl von Wiedergeburt und vor allem von Vertrauen. Die heutige Generation kann nur noch schwer nachvollziehen, aus welchem Tief Europa aufzusteigen hat. Ich meine die beiden Weltkriege.  Europa erhebt sich wie Phoenix aus der Asche. Der zum Literaturhelden erkorene Don Quijote, der zwar verrückt ist, aber an Werte glaubt und niemals aufgibt, ist eine sehr schöne Tendenz.

Welches Land verkörpert die Zukunft Europas am besten? Auch in dieser Rolle sehen wir Deutschland, obwohl ich persönlich für Norwegen wäre. Denn dieses Land versteht es, nach sozialer Gerechtigkeit zu streben, ohne seine Identität zu verlieren. Jeder Norweger fühlt sich als Norweger, aber gleichzeitig auch als wahrer Europäer. Dazu kommt, dass Norwegen ein hoch entwickeltes und ökologisches Land ist. Meiner Meinung nach wird das Thema Ökologie immer wichtiger für die Zukunft Europas.
Als eine der wichtigsten Erfindungen nennen die Litauer ironischerweise das Dynamit. Warum eigentlich auch nicht? Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, stiftete den Nobelpreis, der sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas für die Vereinigung der Kultur steht und deutlich macht, dass wir uns in einem gemeinsamen Raum befinden.

Andererseits erwähnten die Litauer nicht die Aufklärung, der wir das heutige Europa zu verdanken haben. Sie war natürlich ein schwieriger Prozess, erfüllte aber eine enorm wichtige Rolle. Auch in Litauen, wenn auch die Litauer sie nicht erwähnen. Bei der Inszenierung des Dramas „Die Kathedrale“ von Justinas Marcinkevičius musste ich viel daran denken. Beide Protagonisten, der Architekt Stuoka-Gucevičius und der Bischof Masalskis waren Vertreter des Zeitalters der Aufklärung.  Unsere wiederaufgebaute Kathedrale spiegelt bereits die Ideen der Aufklärung wider.

Unter den erwähnten Künstlern vermisse ich Persönlichkeiten der Antike, die eine wesentliche Rolle spielten. Unwahrscheinlich, dass Shakespeare, so wie wir ihn kennen, ohne die antiken Tragödien und ihre Verfasser möglich gewesen wäre. Die in der Liste oft erwähnte Renaissance wäre ohne die Antike nicht möglich gewesen.

Russland bietet auch einen sehr starken kulturellen Nährboden, aber in den Antworten finden sich weder Dostojewski noch andere wichtige Künstler. Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts hat  einen enormen Einfluss auf die gesamte europäische Literatur des 20. Jahrhunderts ausgeübt.  Einflussreiche Künstler des 20. Jahrhunderts, wie Kasimir Malewitsch oder Joseph Beuys fehlen in den Antworten ganz.

Meiner Meinung nach sollte Hitler nicht zu den wichtigsten politischen Persönlichkeiten gezählt werden. Seine politische Suggestion wurde zur Hölle sowohl für Europa und als auch für Deutschland selbst.
In Litauen begreift man die beiden Weltkriege und ihre Folgen immer noch nicht ganz. Wir waren ja nicht so sehr Teilnehmer, sondern standen nur zufällig im Wege und bekamen es von allen Seiten ab. Daher betrachten wir das Geschehene wie eine persönliche Tragödie und schlimme Naturkatastrophe. Solch eine Einstellung ist ziemlich engstirnig, daher machen wir uns auch die eigene Haltung nicht bewusst. Insbesondere, da der Krieg für uns nicht schon 1945, sondern erst nach dem Fall der Berliner Mauer zu Ende ging.

Sportler werden schnell zu Helden, man verliebt sich schnell in sie, vergisst sie aber auch schnell wieder. Cristiano Ronaldo oder David Beckham befinden sich auf der Top10-Liste viel weiter oben als Franz Beckenbauer, Michel Platini ist dort gar nicht zu finden.
Europa ist auch reich an kulinarischer Vielfalt. Seine Küchen unterscheiden sich, weisen aber auch viele Gemeinsamkeiten auf. Selbst unsere berühmten Cepelinai sind kein rein litauisches Gericht.  Das Essen gehört zu den wesentlichen Dingen. Oft werden ganze Völker assimiliert, vergessen ihre Sprache, aber was bleibt, ist die Küche.

Bei der Frage nach den Sprachen sehen wir, dass wieder einmal die Sprachen der großen Länder dominieren. Gerade die Sprachen spiegeln die große Vielfalt und damit die Problematik Europas wider. Schenkt man der Bibel Glauben, haben die Menschen ursprünglich dieselbe Sprache gesprochen. Einst wurde Europa von der lateinischen Sprache vereint, was natürlich sehr schön war, denn Latein ist die Sprache der Kultur und der Wissenschaft.  Ich verstehe, dass es eine gemeinsame Sprache geben muss, aber die Dominanz der englischen Sprache ist heute zu stark. Andererseits sind Menschen aus den kleinen Ländern „gezwungen“, sich neben ihren Muttersprachen auch andere Sprachen anzueignen.

Eine Liste dieser Art deckt natürlich vieles auf, zeigt aber bei Weitem nicht die ganze Farbpalette Europas. Diese Liste hat mir nur noch einmal deutlich gemacht, dass Europa eine Kathedrale ist, deren Ganzes in jedem ihrer Steine zu erkennen ist. Die Zerstörung eines einzigen Steines kann diese Kathedrale zum Einsturz bringen. Je besser wir das verstehen, desto leichter werden wir uns als wahre Europäer fühlen.