Politik und Zeitgeschichte

Osteuropa: komplette Neuordnung

In Osteuropa bleibt 1989 politisch kein Stein mehr auf dem andern. Während in der Tschechoslowakei, Ungarn oder Polen die Macht auf friedlichem Wege wechselt, nimmt die Revolution in Rumänien einen blutigen Verlauf. Und selbst die Steinzeitkommunisten in Albanien ahnen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Ein Überblick.

In der Herald Tribune informieren sich Soldaten am 25. Dezember 1989 ueber den Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu; Copyright: picture-alliance / dpa










Am 20. November 1989 ist für Nicolae Ceaușescu die Welt noch in Ordnung. Auf dem Kongress seiner Kommunistischen Partei wird der rumänische Diktator wie eh und je einstimmig zum Generalsekretär wiedergewählt. In seiner Rede lehnt er jegliche Reformen ab und geht dann zur Tagesordnung über: Der Staatsbesuch im Iran muss vorbereitet werden. Nur gut einen Monat später ist für Ceaușescu alles vorbei. Gestürzt aus seinem Amt, festgenommen auf der Flucht, zum Tode verurteilt, werden er und seine Frau Elena am Ersten Weihnachtstag 1989 hingerichtet – vor laufenden Kameras. Der blutige Schlusspunkt eines Jahres, an dessen Ende in Osteuropa nichts mehr so ist wie zuvor.

Der Keim der Rebellion

Wenn Rumänien mit seinen brutalen Machtkämpfen zwischen Ceaușescus Geheimdienst Securitate und den Aufständischen die schaurige Variante von 1989 darstellt, dann ist die Tschechoslowakei das samtweiche Gegenbeispiel. Rumort hat es in Prag schon das ganze Jahr über, zum 21. Jahrestag des Einmarschs sowjetischer Truppen gab es kleinere Demonstrationen. Wie in solchen Fällen üblich löst die Polizei die Kundgebungen mit rabiaten Mitteln auf – die Unruhe können die Machthaber um den greisen KP-Chef Gustav Husak damit aber nicht mehr vertreiben. Der Keim der Rebellion ist gelegt.

Tschechische Polizeibeamte versuchen am 2. Oktober 1989 eine verzweifelte Familie aus der DDR vor dem Eindringen in die bundesdeutsche Botschaft in Prag abzuhalten; Copyright: picture-alliance / dpaTrotzdem bedarf es des Anstoßes der Dinge in Deutschland, um in Prag das Fass zum Überlaufen zu bringen. Da sind die Massen von DDR-Flüchtlingen, die die bundesdeutsche Botschaft in Prag stürmen – die Vorgänge um die Botschaft,  in der bis Ende September 6.000 DDR-Bürger und Bürgerinnen Zuflucht finden, verbreiten sich in der tschechoslowakischen Hauptstadt wie ein Lauffeuer. Nach dem Mauerfall vom 9. November sieht die Demokratiebewegung dann auch in Prag ihre Chance gekommen. Mit der Galionsfigur Václav Havel an der Spitze formiert sich der Protest – und dann geht alles ganz schnell. Am 17. November versammeln sich 50.000 Menschen auf einer Demonstration, eine Woche später sind es Hunderttausende. Am 23. November tritt die KP-Führung zurück, sieben Tage später werden die Grenzbefestigungen zu Österreich abgebaut, bereits am 10. Dezember hat die CSSR ihre erste nicht-kommunistische Führung seit 1948, am 28. Dezember ist Havel Staatspräsident: Die Revolution ist vollbracht. Die Teilung des Landes kommt später.

Polen als Vorbild

Ungarn und Polen sind da schon weiter. In Ungarn, wo der Eiserne Vorhang schon im Frühsommer sein Loch in den Westen erhält, sind schon seit Juni Runde Tische etabliert. Die KP löst sich bereits im Oktober auf. Die Alte Garde im Politbüro hat bereits im April abgedankt. Ungarn ist der Musterknabe der Revolution von 1989, doch ohne das polnische Vorbild wäre es wohl auch hier nicht so schnell gegangen.

Tadeusz Mazowiecki (damaliger Ministerpraesident Polens) im November 1989 im polnischen Krzyzowa waehrend einem feierlichen Gottesdienst, an dem u.a. auch Helmut Kohl (damaliger Bundeskanzler Deutschlands) teilnahm; Copyright: Creative Commons Attribution ShareAlike 2.0; Foto: Artur KloseSpätestens seit Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność 1980 ist der Niedergang der kommunistischen Alleinherrschaft in Warschau eingeläutet – so sehr sich die Machthaber um General Jaruzelski auch bemüht hatten, ihre Erosion der Macht aufzuhalten. Vergeblich. Gestützt auf die Gegenmacht der katholischen Kirche im Land setzt sich der Protest unweigerlich durch – und der gefühlte Sieg ist bereits zu Jahresbeginn 1989 errungen, als am 6. Februar erste Gespräche am Runden Tisch zwischen Regierung, Opposition und Kirche stattfinden. Im Juni 1990 finden erstmals relativ freie Wahlen statt, bei denen die Solidarność-Kandidaten einen Sieg auf ganzer Linie erringen. Solidarność-Mitbegründer Tadeusz Mazowiecki wird im August zum Ministerpräsidenten gewählt.

In Bulgarien vollzieht sich der Wachwechsel fast ebenso geräuschlos wie in Prag. Der bisherige kommunistische Alleinherrscher Todor Schiwkow  gibt am 10. November fast kampflos die Regierungsgewalt aus den Händen und überlässt sie Parteireformern. Erste Runde Tische werden auch hier errichtet, die ganze Macht geben die Kommunisten in Sofia allerdings erst ein Jahr später ab.

Vorboten des Balkankrieges

1990 schlägt auch erst die Stunde für die drei baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland. Schon 1989 gärt es im Baltikum: Am 23. August bilden zwei Millionen Menschen eine Kette von Vilnius nach Tallin, um für die Unabhängigkeit zu demonstrieren. Und noch ein Vorbote der späteren Ereignisse zeigt sich 1989 - im Südosten Europas: Im Kosovo demonstrieren im März Tausende gegen Übergriffe der jugoslawischen Machthaber in Belgrad. Es gibt zahlreiche Tote – der blutige Balkankrieg der 1990er-Jahre zeichnet sich ab.

Unbeeindruckt von all den Erdrutschen ringsum geben sich lediglich die „Steinzeit-Kommunisten“ in Albanien. Die Erben des langjährigen Diktators Enver Hodscha, der das Land in eine fast komplette internationale Isolation geführt hatte, versuchen noch bis in den Sommer 1990, sämtlichen Protest im Keim zu ersticken – bis sie von den mächtigen Flüchtlingswellen aus dem Land doch noch weggespült werden.
Peter Ahrens
war taz-Politikredakteur, lebt als freier Journalist in Berlin und schreibt über Politik und Sport unter anderem für Spiegel Online. Den Mauerfall 1989 verschlief er grippekrank im Bett.

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Juni 2009

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