Ästhetik des Verschwindens: das Festival transmediale.09 thematisierte den Klimawandel

Einmal jährlich kommen in Berlin internationale Kunst- und Kulturschaffende zur „transmediale“ zusammen. Das „Festival für Kunst und digitale Kultur“ gilt als das größte dieser Art in Deutschland und als eines der wichtigsten weltweit. Am 2. August 2007 setzten zwei russische Tauchboote auf dem Meeresgrund am Nordpol eine Flagge ihres Landes ab. Spätestens damit gelangte die durch den Treibhauseffekt bereits dahinschmelzende Vorstellung zu einem abrupten Ende, die arktischen Regionen seien vom Menschen weitgehend unberührte Territorien.
Mit dieser Geschichte machte Stephen Kovats, der Künstlerische Leiter der transmediale.09, in seiner Eröffnungsansprache deutlich: Deep North, das Thema des diesjährigen Festivals, meint nicht nur den „Hohen Norden“, sondern auch tatsächlich den „Tiefen Norden“. Denn neben den Bildern zu Klimawandel und Klimakatastrophe waren es vor allem auch diese Vorboten einer ökonomischen und geopolitischen Verwertung der arktischen Regionen, die beim Berliner Festival für Kunst und digitale Kultur thematisiert wurden. Das Verschwinden bisheriger Vorstellungen der Arktis (ebenso wie der Antarktis) wurde dabei als Symptom einer grundlegenden Veränderung der Wahrnehmung von Natur verstanden.
Globale Herausforderungen für die Kunst
An sechs aufeinanderfolgenden Tagen im Januar und Februar trafen sich internationale Künstler, Theoretiker, Aktivisten, Kuratoren und Programmier im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“, um über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Kunst im Besonderen und die Kultur im Allgemeinen zu diskutieren. Politische Thesen stellten bereits in den letzten Jahren wichtige Impulse für das Programm der transmediale dar. Auch in diesem Jahr folgte man dieser Tradition. Immer wieder wurde bei den Panels, Vorträgen, Performances, Filmscreenings und Workshops auch die Frage aufgeworfen, inwieweit künstlerische Produktion das entstandene ökologische Ungleichgewicht positiv beeinflussen kann. Der slowenische Künstler Marko Peljhan stellte etwa i-TASC vor, ein Netzwerk zwischen Wissenschaft, Kunst und Technologie, das unter anderem an der Nutzung erneuerbarer Energien arbeitet. Der britische Architekt und Künstler Usman Haque präsentierte Natural Fuse, den Plan für ein urbanes System, bei dem der CO2-Ausstoß der beteiligten Haushalte kollektiv beobachtet und verwaltet werden kann.
Ausstellung: Latexballon im starren Netz
Survival and Utopia: Visions of Balance in Transformation war der Ausstellungspart der transmediale.09 betitelt. Er traf dort die schwächsten Aussagen, wo klischeehaft (computeranimierte) Bilder von Eisbären auf treibenden Eisschollen gezeigt wurden. Die Ausstellung konnte aber dort überzeugen, wo sie das komplexe Zusammenspiel von Natur, Gesellschaft und Technologie unterstrich. In Six Appartments, einer Videoinstallation von Reynold Reynolds, sieht man etwa sechs einsamen Personen in ihren Wohnungen dabei zu, wie sie ins Leere laufende Tätigkeiten verrichten, während sich die Meldungen über Naturkatastrophen aus ihren Radioapparaten überschlagen. Ähnlich mit dem Spielraum zwischen Zwang und freier Entscheidung arbeitete die Installation Click & Glue von Jana Linke. Hier spann sich ein mit einer Klebstoffdüse ausgestatteter, zwischen vier Wänden schwebender Latexballon von selbst in ein starres Netz ein. Je mehr Bewegung, desto schneller ist der Stillstand erreicht.
transmediale Award für Graham Harwood, Richard Wright und Matsuko Yokokoji
Es war einer politischsten Beiträge der Ausstellung, der beim diesjährigen transmediale Award den ersten Platz gewann: Tantalum Memorial, eine Installation von Graham Harwood, Richard Wright und Matsuko Yokokoji, gemahnt der Millionen von Toten, die seit 1998 Opfer der so genannten „Koltankriege“ im Kongo geworden sind. Das Metall Tantal wird aus dem Roherz Koltan gewonnen, welches unter anderem in Zentralafrika vorkommt. Im Kongo werden die Einnahmen aus dem Koltan-Abbau seit Jahren von Milizführern direkt in Waffen umgesetzt, was den Bürgerkrieg dauerhaft verlängert – ganz abgesehen von Kinderarbeit und Umweltschäden. Bedeutsam für die globalen Märkte ist Koltan deswegen, weil es etwa in Mobiltelefonen und Computerspiel-Konsolen verwendet wird. Der anhaltende Zustand des Bürgerkriegs im Kongo diene den Interessen der globalen Märkte und sei somit auch ein Thema, das den Endverbraucher direkt angehe: „Jedes Mal, wenn wir ein Handy abnehmen, hören wir ein Kind im Kongo weinen“, versuchte Harwood das Thema in ein Bild zu fassen.
Visionen mit ästhetischem Ausdruck
Spätestens bei der Bekanntgabe der Preisträger war für die transmediale.09 deutlich geworden, dass sich der Klimawandel nicht nur auf die bekannten Bilder von Wirbelstürmen, Überflutungen und abfallenden Gletschermassen reduzieren lassen. Denn die Verflechtungen von globalen ökonomischen Interessen, Gewalt, technologischem Fortschritt und ökologischer Zerstörung finden ihren Niederschlag nicht nur in griffigen Katastrophenmetaphern, sondern auch in politischem Willen, sozialem Bewusstsein und Verbraucherentscheidungen. In diesem Sinn versperrte sich die transmediale.09 apokalyptischer Resignation, sondern suchte einen gesellschaftlichen Aufbruch in der Krise. Bei alldem war man zuversichtlich, dass die Kunst angesichts des Klimawandels etwas zu bedeuten habe. Oder wie es der russische Fotograf und Künstler Victor Nemchinov in seinem Vortrag äußerte: Die Klimakrise beweise umso deutlicher, dass Visionen mit ästhetischem Ausdruck verbunden werden müssen, weshalb Veranstaltungen wie die Transmediale so wichtig seien.
ist freier Autor und lebt in Berlin.
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Februar 2009
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Links zum Thema
- Transmediale – Festival für Kunst und digitale Kultur


- Natural Fuse, Plan des britischen Künstlers Usman Haque für ein urbanes System zur CO2-Regulierung

- i-TASC, Netzwerk zwischen Wissenschaft, Kunst und Technologie des slowenischen Künstlers Marko Peljhan

- GPS und Kamera – der Bildband „Verschwindende Landschaften“










