Viele Dächer für die Poesie: Literaturhäuser in Deutschland

Deutsche Literaturhäuser sind nicht nur Bühnen für Autorenlesungen: Sie zeigen auch Ausstellungen oder bieten Fortbildungsseminare für Autoren, Übersetzer, Verleger und Buchhändler an. Und sie organisieren neue Vertriebswege für Poesie.Kurz nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Herta Müller im Dezember 2009 wurde das Netzwerk aktiv. Der Leiter des Münchner Literaturhauses fragte seinen Kollegen Ernest Wichner in Berlin, ob dieser eine Ausstellung über die schlagartig zu Weltruhm gekommene Autorin kuratieren könne.
Wichner stammt wie Herta Müller aus der rumäniendeutschen Literaturszene, seit Jahrzehnten ist er mit der Autorin gut befreundet. Und tatsächlich konnte er Müller für das ungewöhnliche Vorhaben gewinnen. Herta Müller stellte Familienfotos, Manuskripte und Akten zur Verfügung, die ihre Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst Securitate belegen.
Für einen Audioguide, der die Besucher durch die ungewöhnliche Ausstellung leitet, sprach sie eigene Texte ins Mikrofon. Im Frühjahr 2010 begann die lange Tournee der multimedialen Ausstellung durch die Literaturhäuser in München, Berlin, Stuttgart und Literaturmuseen in weiteren Städten.
Elf Häuser, ein Netzwerk
Die enge Zusammenarbeit zwischen den deutschsprachigen Literaturhäusern macht solche aufwändigen Projekte erst möglich. Elf Institute, darunter Häuser in Österreich und der Schweiz, gründeten 2008 den gemeinnützigen Verein literaturhaus.net, der auch ein gemeinsames Infoportal im Internet betreibt. Sie laden gemeinsam Autoren ein, vergeben jährlich einen Literaturpreis, zeigen Poesie in großen Städten und organisieren internationale Austauschprojekte mit Autoren. Nicht zuletzt erfüllt der gemeinsame Auftritt den Zweck, starke Kooperationspartner und Geldgeber zu gewinnen, darunter das Goethe-Institut, die Robert-Bosch-Stiftung, die Kulturstiftung des Bundes oder den deutsch-französischen Kultursender Arte.
Zum Netzwerk gehören Literaturhäuser in Berlin, Frankfurt am Main, Graz, Hamburg, Köln, Leipzig, München, Rostock, Salzburg, Stuttgart und Leipzig, nicht aber das wichtige Literaturhaus Wien, in dem auch die Interessenvertretungen österreichischer Autoren und Übersetzer ihren Sitz haben, und das ein bedeutendes Archiv pflegt, die „Dokumentationsstelle für österreichische Literatur“.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels engagierte sich nach der Wiedervereinigung in der Buchmessestadt Leipzig für ein „Haus des Buches“, das 1996 eröffnet wurde. Um dem Verbund der Literaturhäuser beitreten zu können, wird seit 2005 ein Teil der Veranstaltungen im Haus unter dem Namen „Literaturhaus Leipzig“ beworben. In Stuttgart, Hamburg oder Köln sind es vor allem literaturinteressierte Bürger gewesen, die sich für die Gründung von Literaturhäusern eingesetzt haben; in der Regel werden sie von gemeinnützigen Vereinen getragen.
Berlin als Antriebsmotor
Anders als Schauspiel-, Opern- oder Konzerthäuser sind Literaturhäuser noch eine recht junge Erfindung des Kulturbetriebs. Ende 1986 wurde die erste Einrichtung ihrer Art unter diesem Namen in einer noblen Seitenstraße des Berliner Kurfürstendamms eröffnet. Die prächtige Gründerzeitvilla mit Gartencafé ist seither ein repräsentatives Schaufenster für lebende Literatur.
Es gibt jedoch noch eine ältere Institution in Berlin, die zwar nicht Literaturhaus heißt, aber bereits seit den Sechzigerjahren eine vergleichbare Rolle im literarischen Leben spielt. Das Literarische Colloquium gilt daher als ältestes Literaturhaus im deutschsprachigen Raum. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die nicht-öffentliche Literaturförderung mittels Autorenstipendien, Schreibwerkstätten und Übersetzertreffen.

Inzwischen gibt es Literaturbüros in vielen Städten und Regionen. Sie gehen ähnliche Wege bei der Literaturförderung, sind aber bescheidener ausgestattet und stehen im Schatten der repräsentativen Literaturhäuser in den großen Städten.
Eine Hauptstadt mit fünf Literaturhäusern
Die besondere Stellung Berlins als Literaturmetropole lässt sich daran ablesen, dass die Kommune insgesamt fünf spezialisierte Literaturhäuser mitfinanziert. Literaturhaus und Literarisches Colloquium entstanden in West-Berlin zur Zeit der Teilung der Stadt, drei Häuser für Literatur nach dem Mauerfall im ehemaligen Ost-Berlin.
Aus dem Brecht-Zentrum der DDR wurde das Literaturforum im Brecht-Haus mit einem breit gefächerten Programm von Lesungen und Tagungen. Ganz in der Nähe entstand ein europaweit einzigartiges Literaturhaus nur für Kinder und Jugendliche: LesArt. Dort werden Kinder spielerisch ans Lesen herangeführt, lernen sie Jugendbuchautoren und Illustratoren bei gemeinsamen Projekten kennen.
Die Berliner literaturWERKstatt hat sich in den letzten Jahren vor allem um die Förderung zeitgenössischer Lyrik verdient gemacht. Sie richtet das jährliche Poesiefestival, das Poesiefilmfestival ZEBRA und den Nachwuchswettbewerb Open mike aus.
Weltweit präsent ist sie durch die lyrikline, ein Onlineportal mit Originalstimmen von Lyrikern. In Kooperation mit Kennern der Literaturszene aus der ganzen Welt ist eine Anthologie entstanden, die mittlerweile über 6.000 Gedichte von 700 Autoren in 55 Sprachen sowie Lyrikübersetzungen in 52 Sprachen umfasst.
Alles unter einem Dach in München
Während sich in Berlin fünf über die Stadt verstreute Literaturhäuser spezialisiert und ein unverwechselbares Profil gesucht haben, konzentriert sich im größten deutschen Literaturhaus in München alles unter einem Dach. Trotz des Zuzuges vieler Autoren nach Berlin ist München immer noch die umsatzstärkste Verlagsmetropole in Europa. Dort trieb ein starkes Bündnis von Verlegern und Buchhändlern die Gründung eines Literaturhauses voran. Die Stadt stellte dafür ein imposantes Gebäude zur Verfügung, eine ehemalige Mädchenschule mit Markthallen im Erdgeschoss, die heute ein großzügiges Kaffeehaus beherbergen.
Das 1997 eröffnete Literaturhaus München dient als Informationszentrum für die gesamte Buchbranche. Die Akademie des Deutschen Buchhandels veranstaltet dort Fortbildungsseminare für Verleger, Lektoren und Buchhändler. Und das Institut für Urheber- und Medienrecht ist ein Informationszentrum für die juristischen Fragen, die sich aus der Veränderung der Medienlandschaft im digitalen Zeitalter ergeben.
arbeitet als Kulturjournalist und Buchautor in Berlin.
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November 2010
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