Tanz

Politik des Körpers, Tanz ohne Bewegung

Xavier Le Roy: Le Sacre du Printemps; Foto: Vincent CavarocXavier Le Roy: Le Sacre du Printemps; Foto: Vincent CavarocUnter den Sitzen der Zuschauer brodelt es. Ein ganzes Orchester scheint unter der Zuschauertribüne Platz genommen zu haben. Aus den Ritzen und Spalten zwischen den Sitzen dringen streng nach Instrumentengruppen getrennt die Klänge von Strawinskys Jahrhundertkomposition Le sacre du printemps ans Ohr der Zuschauer. Die Töne durchdringen unsere Körper, als seien wir selbst die Instrumente, auf denen hier gespielt wird. Auf der leeren Bühne mit dem Gesicht zum Publikum steht der Tänzer Xavier Le Roy im roten Pullover und dirigiert uns. Immer wieder fokussiert er seinen Blick auf einzelne Zuschauer als wolle er ihnen ihren Einsatz im Konzert der Instrumente geben. Sein Körper wird dabei durchzuckt von heftigen Affekten und impulsiven Bewegungen. Im Hin und Her zwischen mentaler Antizipation der Musik und nachträglicher Ausführung im Bühnenraum beginnt sein Körper zu tanzen.

Wie Einsprengsel in einem fein abgestimmten Wechselspiel aus Videoaufnahmen und Sprechtheaterszenen wirken die kurzen Tanzsequenzen in Eszter Salamons Stück And then. Tanzen und die Bewegung im Raum erscheinen hier als Bewegung von Körpern im gesellschaftlichen und politischen Raum, dessen Veränderungen mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 die Biografien von Menschen verändert und sie mental wie körperlich in Bewegung versetzt hat. Die Biografie der ungarischen Tänzerin und Choreographin Eszter Salamon spiegelt und bricht sich in ihrer Choreographie in den Biografien von vier anderen Frauen, die alle den gleichen Namen tragen wie sie. Die fünf Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft bilden ein regelrechtes Netzwerk „Eszter Salamon“, das die wechselhafte und bewegte Geschichte des 20. Jahrhunderts umspannt.

Ein erweitertes Choreografie- und Bewegungsverständnis

Eszter Salamon: AND THEN; Foto: Minze TummescheitXavier Le Roys Le sacre du printemps und Eszter Salamons And then sind zwei von zehn Produktionen, die im Februar 2008 zur Tanzplattform nach Hannover eingeladen wurden. Von einer Fachjury kuratiert, präsentiert die Tanzplattform im zweijährigen Rhythmus die wichtigsten Tanzproduktionen Deutschlands. Beide Stücke stehen exemplarisch für Veränderungen, die die deutsche Tanzszene seit nun mehr als zehn Jahren prägen. Diese Veränderungen zeichnen sich zum einen durch einen erweiterten Choreographiebegriff aus, der über die rhythmische Gestaltung von Körperbewegungen und damit über die Grenzen der Kunstform Tanz im engeren Sinne hinausgeht. So choreografiert Salamon nicht nur Bewegungen, sondern auch Video, Sprache und Licht. Zum anderen ist damit eine Ausweitung des Verständnisses dessen, was Bewegung ist, verbunden. Eine Tanzbewegung wird dabei nicht mehr allein als ästhetisch geformte und flüssig ausgeführte Bewegung verstanden. Vielmehr richten viele zeitgenössische Choreografen ihr Augenmerk auf die soziale Bewegung, die die Körper auf der Bühne mit den Körpern im gesellschaftlichen Raum verbinden.

Gesellschaftliche Veränderungen verändern den Tanz

Dass in vielen der gezeigten Tanzstücke gar nicht mehr getanzt würde, kann daher nicht mehr als nur ein vordergründiger Befund sein. Was vielen Zuschauern als Mangel erscheint, ist bei genauerer Betrachtung eine Vervielfältigung von Bewegungsmöglichkeiten und von Kontexten, in denen körperliche Bewegung eine Rolle spielt. Zur Wende des 20. Jahrhunderts wurde das klassische Ballett als zu starr empfunden und sah sich der Kritik durch den "freien" Tanz ausgesetzt. Auch 100 Jahre später findet ein Wandel im Tanzbegriff statt. Von der Globalisierung und Armut freigesetzte Migrantenströme lösen nationalstaatliche Grenzen auf. In weiten Teilen der westlichen Welt ermöglichen die neuen digitalen Medien eine Kommunikation im ortlosen Nirgendwo. Bewegung, Flexibilität und Mobilität sind zur Norm unserer globalisierten Welt geworden. Den Bildern durchsexualisierter und mächtiger Körper können wir in keiner Fernsehsendung und auf keinem Werbeplakat entkommen.

Good Work Productions : Gies, Pelmus, Pocheron, Schad `Still Lives – Hannover´; Foto: Thomas Ammerpohl

Die Vorortung des Körpers im gesellschaftlichen Raum gewinnt plötzlich die Oberhand über dessen autonome Beweglichkeit. Das Verständnis des Körpers als Schnittstelle zu anderen gesellschaftlichen Körperpraktiken und zu anderen (Körper)-Kulturen, macht den Körper zum Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Der Tanz als Kunstform erfährt dabei eine enorme Aufwertung seiner gesellschaftlichen Funktion und Wichtigkeit. Veränderungen im Tanzbegriff sind also die Folge der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Tanz stattfindet und auf die der Tanz reagiert, weil sie Rahmen und Material für seine Kunst bilden. Dass diese Kunst einzig auf der reinen autonomen Körperbewegung basiert, ist ein Mythos der Moderne.

Neue Verbindlichkeiten

deufert + plischke: directory: Tattoo; Foto: Anja KühnIn Zeiten sich auflösender sozialer Verbindlichkeiten sucht das Künstlerduo Thomas Plischke und Kattrin Deufert nach neuen Möglichkeiten, durch Choreografie für die Dauer einer Aufführung einen neuen Zusammenhalt zwischen Menschen zu stiften. Ihre auch in Hannover gezeigte Arbeit directory: Tattoo versucht eine Situation herzustellen, in der durch genaue gegenseitige Beobachtung der Tänzer und Tänzerinnen untereinander sowie der Zuschauer ein intensiv erlebtes Miteinander entsteht.

Wenn Isabelle Schad in ihrem Stück Still Lives – Hannover Bürger Hannovers auf die Bühne bittet, um ihre einfachen Gruppenbewegungen mit aufgezeichneten Interviews zu konfrontieren, in denen Menschen auf der Straße ein Bild beschreiben sollen, entsteht die Momentaufnahme einer Stadt und ihrer Befindlichkeit.

VA Wölfl/ NEUER TANZ: 12/… im linken Rückspiegel auf dem Parkplatz von Woolworth; Fotoarbeit: VA WölflVA Wölfl und seine Gruppe Neuer Tanz zeigen uns in 12/ …im linken Rückspiegel auf dem Parkplatz von Woolworth polierte Perlen populärer Unterhaltung, die von schönen Gesangsdarbietungen bis hin zu kleinen choreografischen Einlagen reichen. Doch die gelackte Oberfläche unserer Medienkultur wendet sich unweigerlich gegen sich selbst, wenn deutlich wird, dass es sich bei der Produktion um eine Radiosendung eines britischen Soldatensenders handelt, der all die schönen Lieder als Grüße und Wünsche zu seinen Soldaten nach Irak schickt. All die genannten Arbeiten erlauben andere Blicke sowohl auf den Körper als auch auf die Bewegung und ermöglichen damit eine veränderte Wahrnehmung seiner gesellschaftlichen Praktiken.

Prof. Dr. Gerald Siegmund
ist Theater- und Tanzwissenschaftler und arbeitet am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern. Er hat zahlreiche Essays, Aufsätze und Bücher zum zeitgenössischen Tanz veröffentlicht.

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Juli 2008

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