Theater

Ich-AG mit Onkel und Tanten – zum Dramatiker-Boom in Deutschland

Die Rezession geht um in Deutschland und der Welt, der Neue Markt ist mit Getöse zusammengebrochen, viel Geld hat sich wie durch Zauberei in Luft aufgelöst und die Klagelaute der Wirtschaft erreichen unser Ohr, es scheint, als liege alles am Boden.

Wirklich alles? So fragen wir in der Manier eines allseits bekannten Comics und richten unser Augenmerk auf eine Ich-AG, die an einem Zaubertrank genippt haben muß, dessen Rezeptur den Chip- und Autoherstellern unseres Landes nicht helfen kann. Wir reden von einer vielbeschäftigten Person, die, laufend Texte vorstellend, von Workshop zu Workshop, von Festival zu Festival, von Uraufführung zu Uraufführung jagt, wir reden vom Hoffnungsschimmer deutscher Produktivität, wir reden vom Theaterautor.

Wie kommt es, dass gerade jetzt so viele junge Menschen meinen, für ein so altes Medium schreiben zu sollen? Ist es Unerschrockenheit, Ahnungslosigkeit oder diffuse Hoffnung, was sie dazu treibt? Geldgier jedenfalls ist es nicht. Nach wie vor steht der Theaterautor am Anfang der Verwertungskette, in der Hierarchie der Geldverdiener findet er sich am unteren Ende. Auch die Freude, ein eigenes Werk von Schauspielern auf der Bühne verkörpert zu sehen, kann nicht der Grund sein, denn gewagte Regieeinfälle erhöhen den Leidensdruck. Ohnehin ist es für viele Autoren ein Schock, die liebgewonnenen Protagonisten plötzlich in Gestalt zu sehen.

Ich erinnere mich eines Autorengesprächs nach einer Generalprobe, das aufgrund erhitzter Gemüter unter freiem Himmel geführt wurde: "Das darf nicht herauskommen. Das ist nicht mehr mein Stück."/"Aber es wurde doch kaum eine Zeile gestrichen."/"Ich weiß."/"Es wurde auch nichts hinzu gedichtet oder mit Fremdtext gemischt."/"Ich weiß."/"Es gibt auch kein Regiekonzept, das Ihren Text verstellt."/"Ja, ja, ich weiß, aber mir gefallen die Darsteller nicht." Der Premierenapplaus am nächsten Tag rückte die Dinge wieder ins Lot.

Sind es vielleicht die "UGIs", die uraufführungsgeilen Intendanten, wie Theaterautor Moritz Rinke sie taufte, die den Boom bewirkten? Oder, wie Frauke Meyer-Gosau in ihrem liebevollen "Theater-Heute"-Artikel mit der Überschrift Wir wollen doch nur das Beste! mutmaßt, die Onkel und Tanten? Womit sie, sich selbst einschließend, alle jene meint, die sich um die Förderung junger Talente mühen, indem sie Lesungen, Workshops, lange Autorennächte oder Stückemärkte organisieren. Wer aber sind die Mütter und Väter des Erfolges?

Szenisches Schreiben an der Uni

Lassen wir die Katze aus dem Sack: Hundertprozentig wissen auch wir es nicht. Nur soviel steht fest: Es gibt seit einigen Jahren Früchte zu ernten, die vor allem gereift sind, weil Schreiben gelehrt und ein authentisches Lebensgefühl auch auf der Bühne gesucht wird. Thomas Ostermeier hat in den goldenen Zeiten der Baracke am Deutschen Theater in Berlin dafür gesorgt, dass man auch andernorts begann, ein Augenmerk auf zeitgenössische Dramatik zu richten. Das war nicht grundsätzlich neu, zur Baracke aber führte der Weg wichtiger Theaterkritiker. Zunächst rückten die jungen Wilden aus England in den Blickpunkt, doch schnell war man bei Marius von Mayenburg und dessen Erfolgsstück Feuergesicht angelangt, das von hier aus zunächst in Deutschland und dann in der ganzen Welt auf die Bühne kam.

Doch woher kam Mayenburg? Er ist Absolvent des Faches "Szenisches Schreiben" an der Universität der Künste in Berlin, eines Studienganges, den es seit mehr als zehn Jahren gibt und der Autorinnen und Autoren hervorgebracht hat, die heute in den Spielplänen kaum wegzudenken sind. So sind beispielsweise Dea Loher, Melanie Gieschen, Katharina Guericke, Rebekka Kricheldorf, Andreas Sauter, Bernhard Studlar und David Gieselmann Absolventen dieser "Schreibschule", die heute von Jürgen Hofmann und Oliver Bukowski geleitet wird. Letzterer, selber einer der bekanntesten Bühnenautoren der "mittleren Generation", begann nach dem Fall der Berliner Mauer mit dem Schreiben und brachte viele seiner Stücke mit dem Theater 89 in Berlin heraus, wo bis heute zeitgenössische Texte den Spielplan bestimmen.

Hier wie auch in anderen Fällen kam es zu engen Bindungen zwischen den Autoren und einem Theater oder Regisseur. Im Falle Oliver Bukowskis waren es Hans-Joachim Frank und der Dramaturg Jörg Mihan, bei Dea Loher der Regisseur Andreas Kriegenburg und der Intendant Ulrich Khuon; Marius von Mayenburg arbeitet bis heute eng mit Thomas Ostermeier zusammen. Andere Autoren gingen direkt in die Theater: John von Düffel, Thomas Oberender, Oliver Reese, Roland Schimmelpfennig - sie arbeiten heute in den Dramaturgien namhafter Theater und sorgen ihrerseits dafür, dass junge Autoren und zeitgenössische Texte eine Chance haben. So schließt sich der Kreis.

Hausautoren

Hinzu kamen die sogenannten "Auftragsarbeiten". Die Theater wollten auf neue Stücke nicht mehr warten, sie wollten selbst den Auftrag dazu geben. Theresia Walser witterte die guten Zeiten für Bühnenautoren: "Man kann im Moment nur Gutes berichten. Auch meine Kolleginnen und Kollegen jauchzen und staunen über diese plötzliche Zuwendung. Auf einmal Stückaufträge, aus allen Himmelsrichtungen, Geschenke, Vertrauen, Geschenke!" so jubelte sie 1999 in "Theater heute". Von "Hamstereinkäufen" der Theater war gar die Rede. Heute, acht Jahre später, hat sich an dieser Entwicklung - gottlob - nicht viel geändert. Man sieht den Zustand etwas nüchterner, vielleicht sogar mit größerem Selbstverständnis. Auch kleinere Theater haben inzwischen damit begonnen, auf erfolgreiche Weise Autoren an sich zu binden - Gießen, Heilbronn oder Wilhelmshaven zum Beispiel. Andere setzen radikal und mutig allein auf die zeitgenössische Dramatik wie das Theater Rampe in Stuttgart, wo neben den Ur- und Erstaufführungen auch viele der neuen Stücke nachgespielt werden. Sie alle finden ihr Publikum und lassen sich von gelegentlichen Mißerfolgen nicht beirren.

Theaterverlage

Mit gebotener Bescheidenheit soll an dieser Stelle aber gesagt sein, dass auch eine neugierige und engagierte Schar von Theaterverlegern dazu beigetragen hat, in den Theatern ein modernes, zeitgenössisches Repertoire aufzubauen. Mag man in manchen Fällen darüber streiten, wer wen "entdeckt" hat - unbestritten sollte sein, dass die kontinuierliche Zusammenarbeit wie sie in den Verlagen üblich ist, dazu beigetragen hat, dass wir heute von einer neuen Blüte der deutschsprachigen Dramatik reden können.

Der "Zaubertrank" hat also viele Köche, die zur Zeit nichts verderben. Weiterer Erfolg aber wird den nachwachsenden Bühnenautoren nur beschieden sein, wenn die Theater weiterhin und vermehrt ihrer Pflicht Genüge tun, die Urheber zu fördern - durch Uraufführungen, nachfolgende Inszenierungen und angemessene Vergütungen. Sie brauchen die Onkel und Tanten!

Bernd Schmidt
ist in der Leitung der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH und im Vorstand des Verbandes deutscher Bühnen- und Medienverlage

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aktualisiert Februar 2007

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