80 Jahre Heiner Müller: kein Drama, nirgends
In diesen Tagen hätte Heiner Müller, der das deutschsprachige Theater beeinflusste wie kein Zweiter, seinen 80. Geburtstag gefeiert. Vor allem Texte wie die Hamletmaschine und Quartett werden heute wieder häufiger inszeniert.
„Wie einen Buckel schleppe ich mein schweres Gehirn. Zweiter Clown im kommunistischen Frühling“ steht da ganz unvermittelt in der Hamletmaschine. Als man das zum ersten Mal las, fragte man sich, ob zu viel Hirn tatsächlich ein Problem sein konnte, „drüben“, in der DDR, und inwiefern der Arbeiter- und Bauernstaat wohl Ähnlichkeit mit einem Zirkus hat. Die eigentliche Sensation war allerdings, dass Müller seinen Hamlet auf steilen Sprachplateaus tanzen ließ und einen Spieler aus ihm machte, der das Spiel verweigert. „Mein Drama findet nicht mehr statt“ ist der zentrale Satz in dem zentralen Theatertext Heiner Müllers. Geschrieben hat er ihn 1977, als der westdeutsche Herbst so kalt war wie nie.
Drei Jahre später machte Johann Kresnik aus der Hamletmaschine ein blutiges Stück Tanztheater. Da durfte Müller schon reisen. Er kam zur Premiere nach Heidelberg und meinte auf die Frage, was im Westen denn anders sei: „Das Licht. Ihr habt hier mehr Glühbirnen.“ Reiste man in dieser Zeit in die entgegengesetzte Richtung an die Volksbühne-Ost in Berlin, um eine Müller-Inszenierung zu sehen, wurde man bei der Grenzkontrolle herausgewunken. Da waren diese Texte von Heiner Müller in der Jackentasche, die in einem westdeutschen Verlag erschienen und für Freunde in Ost-Berlin bestimmt waren. Der Hinweis, dass es sich immerhin um den größten lebenden DDR-Dichter handle, half nichts. „Müller? Kennen wir nicht.“ Der Grenzer konfiszierte die Texte. Bei der Ausreise durfte man sie wieder mitnehmen. Intellektuelle Institution
Zu diesem Zeitpunkt hatte Heiner Müller bereits den größten Teil seiner Theatertexte geschrieben. Hinter ihm lag die Auseinandersetzung mit Bertolt Brechts Lehrstücken und den real existierenden Produktionsbedingungen der DDR. Vor ihm lagen der Büchner-Preis und der Fall der Mauer, sein Job als Präsident der Akademie der Künste, die Leitung des Berliner Ensembles, seine in alle Winkel der Welt reisende Inszenierung von Brechts Arturo Ui – der Krebs. Als die Mauer fiel, war Heiner Müller bereits eine intellektuelle Institution, ob er das nun wollte oder nicht. In den Theatern hatte er sich so sehr durchgesetzt, dass das Theaterfestival in Avignon ihm einen eigenen Schwerpunkt widmete. Das war 1991. Mit den französischen Inszenierungen von Hamletmaschine, Korrektur, Quartett und Verkommenes Ufer. Medeamaterial. Landschaft mit Argonauten versammelte man in Avignon gerade die Texte, die die Theater im deutschsprachigen Raum heute wieder vermehrt inszenieren. Es sind Texte, in denen Müller Motive der Weltliteratur wie Rohstoff verwendet. „Material“ war sein zentraler poetologischer Begriff. Greifen die Theater heute vorzugsweise nach der Hamletmaschine und nach Quartett – der Adaption von Choderlos de Laclos' Briefroman Gefährliche Liebschaften – dann machen sie das nicht nur, weil es brillante Theaterliteratur ist. Gerade im Fall der Hamletmaschine verbeugt der jeweilige Regisseur sich immer auch vor einem Text, der das deutschsprachige Theater der letzten dreißig Jahre stark beeinflusst hat.
Der Müllersche Materialbegriff
Inzwischen sind Theaterautoren herangewachsen, die in Heiner Müller ihren Vordenker haben – sofern sie sich als „Sampler“ verstehen. Müller war einer der ersten, der literarischen Texten den Nimbus der Unantastbarkeit raubte. Das hatte für die Theater Folgen und führte dazu, dass Regisseure gelegentlich meinen, sie müssten Theatertexte unbedingt neu ordnen. Dass der Müllersche Materialbegriff allerdings nicht zwangsläufig einen willkürlichen Umgang mit Textmaterial nach sich zieht, kann man gerade an der aktuellen Aufführungspraxis seiner eigenen Theatertexte nachvollziehen.Dimiter Gotscheff etwa verhält sich in seiner aktuellen Inszenierung der Hamletmaschine am Deutschen Theater in Berlin als konservativer, texttreuer Regisseur: Seine Inszenierung gleicht einer szenischen Lesung. Und Barbara Frey, die 2007 für die Salzburger Festspiele Quartett inszenierte, griff kaum in den Text ein, sondern setzte auf die Theatralität der Vorlage. Und darauf, dass Barbara Sukowa und Jeroen Willems aus der Marquise de Merteuil und dem Viconte Valmont Raubtiere der Lust machten.
Seit etwa fünf Jahren ist Müllers Textmaterial wieder fester Bestandteil der Spielpläne. Eines der interessantesten Phänomene in diesem Zusammenhang: Seine Texte werden immer häufiger selbst zum fragmentierten Material in Inszenierungen. Hasko Weber etwa, Stuttgarts Schauspielchef, hat mit Stalker gerade Andrej Tarkowskis berühmtesten Film für die Bühne bearbeitet und in die Adaption Müllers Monolog Der Mann im Fahrstuhl aus Der Auftrag eingebaut. Wenn Heiner Müller noch leben würde, dann würde er das wohl mit einem Whiskyglas in der Hand und einer Havanna im Mund genießen. Gestorben ist er 1995 kurz vor der Neujahrsnacht. Seither können die Deutschen sich nur noch beglückwünschen, dass einer wie er sich ihrer Sprache angenommen hat.Jürgen Berger
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, Berliner Tageszeitung und Theater heute. Seit 2007 ist er in der Jury des Berliner Theatertreffens und Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
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