Literatur

Wie auf einem Boot – Leben von Schriftstellern im deutschen Exil

Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Sprache-Heimat-Exil“ des internationalen Künstlerhauses Villa Waldberta in München mit Maynat Kurbanova, Adam Guzuev, Dirk Sager, Marie Bäumer (v.l.n.r.); Foto: Volker DerlathWenn bedrohte Journalisten und Schriftsteller sich ins Exil retten, ist oft nicht klar, ob und wie sie ihre Existenz sichern können. Das „Writers in Exile“-Programm des PEN-Zentrums Deutschland in Kooperation mit der deutschen Bundesregierung hilft.

„Die Menschenrechte werden hier geachtet. Ich fühlte mich vom ersten Moment an willkommen. Die Menschen sind so offen und tolerant, bis hin zu den Beamten waren alle hilfsbereit. Keines meiner Vorurteile über die reservierten Deutschen traf zu“, staunt der Kubaner Amir Valle.

Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Sprache-Heimat-Exil“ des internationalen Künstlerhauses Villa Waldberta in München mit Olga Mannheimer, Amir Valle und Prof. Martin Franzbach (v.l.n.r.); © Instituto CervantesAls er nach einer Lesereise durch Spanien am Madrider Flughafen erfuhr, dass er nicht nach Havanna zurückreisen dürfe, war der Autor sprachlos. Sein deutscher Verleger fiel Amir Valle als möglicher Helfer ein. Vom Eincheckschalter aus rief er in Köln an, kurz darauf ermöglichte die deutsche Regierung dem Schriftsteller und seiner Frau die Einreise. Während des Flugs nach Deutschland wurde Amir Valle klar, dass er für lange Zeit seine Familie nicht wiedersehen würde. Auf unbestimmte Zeit wird ihn Spanisch, sein Arbeitswerkzeug, nicht mehr ständig umgeben.

Kleine Anzahl von Autoren findet Gehör

Ihr Leben konnten die in der Heimat bedrohten Autoren durch das Exil retten. Ob die Journalisten und Schriftsteller es schaffen, ihre Existenz zu sichern, ist bei der Flucht nicht klar. Einer kleinen Anzahl von Autoren hilft das Writers in Exile-Programm des PEN-Zentrums Deutschland in Kooperation mit der deutschen Bundesregierung, in ihrem Beruf weiterzuarbeiten. Ein bis drei Jahre wohnen die Exilanten wahlweise in Berlin, Köln, Darmstadt oder München, bekommen ein Stipendium und ihnen werden soweit möglich Kontakte zu Verlagen und Medien vermittelt.

Ohne die Brücke der Übersetzung könnten die Schriftsteller ihre Anliegen nicht vermitteln. Auch hier hilft das Programm, den Autoren ein Podium zu geben. Eine vom internationalen Künstlerhaus Villa Waldberta initiierte Veranstaltungsreihe hat in München einigen Autorinnen und Autoren im Exil Gehör verschafft und gemeinsam mit verschiedenen Kulturinstitutionen, darunter das Goethe-Institut und die Tolstoi-Bibliothek, der Öffentlichkeit die Begegnung mit selten beleuchteten Themen und Ländern ermöglicht.

Bekanntheit ebnet den Weg ins Exil

Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Sprache-Heimat-Exil“ des internationalen Künstlerhauses Villa Waldberta in München; Foto: Villa WaldbertaAuch die Tschetschenin Maynat Kurbanova fand ihren Weg in die Freiheit mithilfe des Programms. Nach mehrfachen Morddrohungen war sie gezwungen, zusammen mit ihrem Kind Grosny zu verlassen. Maynat Kurbanova hatte trotz persönlicher Schicksalsschläge Glück. Sie war als Journalistin bereits für überregionale Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu den Themen Tschetschenien, Russland und Zivilgesellschaft tätig. Maynat Kurbanova sagt: „Ich habe nicht das Ziel, die schrecklichen Bilder zu vergessen.“ Sie und auch ihr Landsmann Adam Guzuev sehen sich in der Pflicht, die Geschichten ihrer Landsleute zu erzählen, damit ihnen so etwas wie Gerechtigkeit widerfährt.

Welche Themen?

„Wer interessiert sich im Exil für meine Themen?“ Mit dieser Ungewissheit kämpft die Aktivistin Mansoureh Shojaee. Sie durfte über vier Jahre den Iran nicht verlassen. Ohne Haftbefehl wurde sie mehrfach festgesetzt. Das Regime nahm ihren Sohn zeitweise als Geisel, um sie sogar in der Haft zum Schweigen zu bringen. Der Name Mansoureh Shojaee steht im Iran für Gleichberechtigung – und für die Kampagne „Eine Million Unterschriften“ zur Verbesserung der sozialen und rechtlichen Lage von Frauen.

Der Singhalese Bashana Abeywardane stellt ethisch-religiöse Themen in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Dank seiner Reportagen wird die tamilische Minderheit im Norden Sri Lankas auch nach dem Ende der militärischen Auseinandersetzung nicht vergessen. Der offiziell beendete Konflikt geht im Inselstaat weiter, immer noch werden Menschenrechte und die Pressefreiheit beschnitten. Darauf hat Abeywarnade beständig hingewiesen. Nach massiven Drohungen war er zur Ausreise gezwungen. Jetzt schreibt er frei über die komplexen Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens in Sri Lanka. Sein Gedicht Fenster des Exils deutet seine jetzige Situation an: „Wer würde sich schon fragen/wie das Zimmer aussieht, in dem/einer in seinem Exil schläft?/Es ist ein Reich/ewigen Zwielichts …“

Persönliche Freiheit mit Opfern

Abschlußveranstaltung von „Sprache-Heimat-Exil“ des internationalen Künstlerhauses Villa Waldberta in den Münchner Kammerspielen; Foto: Villa WaldbertaIrgendwann kommen die Gäste mit einem Besuchervisum nach Deutschland. Das verdanken sie auch politischen Delegationen, die sich mittels Namenslisten bei den Regierenden in Unrechtsstaaten für Dissidenten einsetzen. An einen Asylantrag denken die wenigsten. Das hieße für sie, selbst die Wurzeln zu ihrem Land abzuschlagen. Die Ausgereisten fühlen sich trotz der Heimatlosigkeit privilegiert. Große Sorgen machen sie sich um diejenigen, die das Land nicht verlassen können.

Für die persönliche Freiheit und die Freiheit des Wortes opfern die Autoren die eigene Sprache in der nächsten Generation. Ihre Kinder wachsen in einer freien Welt auf, verlieren dafür aber oft die Muttersprache. Nicht selten begleitet die Schriftsteller die Angst, sogar im Exil angegriffen zu werden. Geheimdienste von Diktatoren bedrohen sie auch im Ausland. Mancher Autor bittet um Personenschutz für eine Lesung.

Trotz der widrigen Verhältnisse und der zahlreichen grausamen Erfahrungen kämpfen die Exil-Autoren mit Worten für Gerechtigkeit in ihren Staaten. In der persönlichen Begegnung beeindrucken sie mit ihren menschlichen Seiten, denen jedes aggressive Gebaren fremd ist. Sie suchen nicht nach Vergeltung. Sie sind gefasst, überlegt, innerlich auch zerrissen, aber nicht verzweifelt. Denn sie haben auch außerhalb ihrer Heimat ihren schriftstellerischen Auftrag: Demokratie und Meinungsfreiheit aufzubauen.

Milena G. Klipingat
ist Autorin und Kulturmanagerin. Sie arbeitet unter anderem für das Interkulturelle Ressort des Bayerischen Rundfunks.

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September 2012

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