Agenten der Kunst

Die dOCUMENTA (13) ist mehr als nur eine Ausstellungsreihe. Sie ist auch ein komplexer Apparat zur Herstellung neuer Bedeutungen. Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der Veranstaltung, hat andere Kunstexperten dazu eingeladen, die dreizehnte Ausgabe der documenta mitzugestalten. Sie tragen die Bezeichnung „Agenten”.
Wieso „Agenten”? „In kleinen Systemen”, erklärt Christov-Bakargiev in einem Interview, „handelt ein Agent auf der Grundlage einer Vollmacht und wählt unter mehreren Alternativen, sodass Handlungsmacht delegiert wird; das impliziert ein Moment der Ungewissheit, durch das das System funktioniert. In der Biologie löst ein Agens (engl. agent) eine Reaktion aus; in der Literatur ist ein Agent jemand, der im Verborgenen oder verdeckt agiert und seine Identität nie ganz preisgibt. Im Lateinischen bedeutet agere handeln.”
Uff. Man darf sich trotz allem wundern, wenn die künstlerische Leiterin einer der anspruchsvollsten Kunstausstellungen der Welt sich sogar in einem simplen Kommentar auf die Strukturationstheorie des britischen Soziologen Anthony Giddens beruft und sich auch nicht scheut, auf die exakten Wissenschaften zu verweisen. Dabei ist die Idee, die hinter der Einbeziehung von „Agenten” in den Prozess der Entstehung der dOCUMENTA (13) steht, im Prinzip ganz einfach: Es geht darum, die Planung der Ausstellung und der begleitenden Veranstaltungen weitestmöglich zu demokratisieren.
Die dOCUMENTA (13) soll nicht nur die Vision einer einzelnen Person sein, sondern ein „Mehrklang” aus verschiedenen Meinungen, Erfahrungen und Ansichten. Offensichtlich war dies auch der Grund dafür, dass man auf die Bezeichnung „Co-Kurator” verzichtet hat. Schließlich impliziert dieser Begriff, dass es jemanden gibt, der über ein größeres und adäquateres Wissen als andere verfügt und der die Legitimation besitzt, das Bild der Kunst auf der Grundlage dieses Wissens zu gestalten.
Die von Carolyn Christov-Bakargiev ausgewählten Agenten bilden eine flexible Struktur: Sie sind mit unterschiedlichen Kompetenzen ausgestattet und in unterschiedlichem Maße am Entstehungsprozess der dOCUMENTA (13) beteiligt. Wie die künstlerische Leiterin der Veranstaltung betont, ist die Zusammenstellung der Gruppe noch nicht abgeschlossen, es ist durchaus möglich, dass bis zum Juni dieses Jahres noch weitere Agenten hinzukommen werden. Derzeit besteht die Gruppe aus 13 Personen. Im Folgenden wollen wir jene von ihnen vorstellen, die – wie wir meinen – den größten Einfluss auf die endgültige Gestalt der dOCUMENTA (13) haben werden.
Chus Martínez, Chefkuratorin am MACBA in Barcelona
Chus Martínez wurde in Spanien geboren und hat Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Bevor sie als Chefkuratorin an das überaus renommierte Museu d’Art Contemporani (MACBA) in Barcelona berufen wurde, war sie Leiterin des Frankfurter Kunstvereins (2005-2008). Ihr Hauptinteresse gilt der Natur der Erkenntnis und der Kunstmediation.
Dies äußerte sich z. B. in der von ihr kuratierten Ausstellung Are you ready for TV? (MACBA 2010) über die Rolle des Fernsehens als Informationsquelle und als Gegenstand der Kunst. Im Januar 2011 leitete sie im Rahmen einer Vortragsserie des New Yorker New Museum gemeinsam mit dem Filmemacher Albert Serra ein Seminar zum Thema Interdependenzen zwischen unterschiedlichen Formen des Wissens, zum Konzept des Nonsens und zur Rolle der Ungewissheit bei der Generierung von Wissen. 2005 kuratierte Martínez den zyprischen Pavillon für die 50. Biennale di Venezia.
Eva Scharrer, Kuratorin und Kritikerin aus Kassel
Die unabhängige Kuratorin und Kritikerin Eva Scharrer veröffentlicht regelmäßig in internationalen zeitgenössischen Kunstmagazinen, u. a. auf artforum.com und im C Magazine. Einen Namen machte sie sich u. a. mit ihren Porträts zeitgenössischer Künstler für das beim Taschen-Verlag erschienene Art Now vol. 3. Für die dOCUMENTA (13) arbeitet Eva Scharrer in den Bereichen Curatorial Research und Publikationen, also gewissermaßen an der Basis, dort wo die Ausstellung ihre konkrete Gestalt annimmt. Seit 2008 ist sie Assistentin von Carolyn Christov-Bakargiev.
Andrea Viliani, Kurator und Direktor der Fondazione Galleria Civica – Centro di Ricerca sulla Contemporaneità in Trient
Die Ausstellungen mit Robert Kuśmirowski, Melvin Moti und Gustav Metzger sind nur einige der Projekte, die Andrea Viliani für die Städtische Galerie zeitgenössischer Kunst in Trient realisiert hat. Die von ihm geleitete Stiftung versteht sich nicht nur als ein Ausstellungsraum, sondern als ein Ort der Forschung und der Reflexion, der mit seiner Tätigkeit einen Beitrag zur Entwicklung des zeitgenössischen Denkens leisten soll. Inhaltlich widmet sich Viliani vor allem dem Verhältnis von „Story” und „History”, von „real” und „hypothetisch”.
Publizistin, Kunstkritikerin
Copyright: Goethe-Institut Polen
Februar 2012








