Film

Hélio Oiticica: Schwerpunkt auf der Berlinale

Block-Experiments in Cosmococa - Program in Progess: CC4 Nocagions, 1973. Von Hélio Oiticica und Neville D'Almeida. Inhotim, 2010. Foto: Felipe Reinheimer.
Block-Experiments in Cosmococa - Program in Progess: CC4 Nocagions, 1973. Von Hélio Oiticica und Neville D'Almeida. Inhotim, 2010. Foto: Felipe Reinheimer.
Die Berlinale würdigt Hélio Oiticica. Im Forum wird ein Dokumentarfilm über den brasilianischen Künstler gezeigt. Das Forum Expanded präsentiert Teile der Block-Experimente in Cosmococa – Program in Progress, das Oiticica in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Neville D‘Almeida konzipiert hat.

Die Beziehung Hélio Oiticicas (1937–1980) zum Kino stellt eines der Themen der kunsttheoretischen Texte, die er hinterließ. Das Interesse des Künstlers galt dabei jedoch nicht dem konventionellen Unterhaltungsfilm, sondern der Anwendung von Filmtechniken in einem Experimentierfeld, welches er als Quasi-Cinema bezeichnete. Zusammen mit dem Filmemacher Neville D’Almeida entwickelte Oiticica zwischen März 1973 und März 1974 in New York ein Konzept mit dem Namen Block-Experimente in Cosmococa – Program in Progress. In einer Retrospektive im Jahr 1992, also mehrere Jahre nach dem Tod des Künstlers, wurde zum ersten Mal ein Teil aus Cosmococa ausgestellt – mit beachtlichem Erfolg. Von da an wuchs das Interesse an diesem Werk.

Hélio Oiticica, Berlinale Forum, Regie: César Oiticica Filho


Im Jahr 2001 wurde die Wanderausstellung Hélio Oiticica: Quasi-Cinemas, kuratiert von Carlos Basualdo, in Deutschland und den USA gezeigt. Im Kontext der Ausstellung erklärte der US-Amerikaner Dan Cameron, dass, „die Arbeiten Hélio Oiticicas eines der letzten wichtigsten Paradigmen der Kunst des 20. Jahrhunderts darstellen und Cosmococa sowie die Installationen des Quasi-Cinema den Höhepunkt von Oiticicas künstlerischem Schaffen markieren. Man muss davon ausgehen, dass eine abschließende Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts noch nicht geschrieben worden ist“.

Museum und Schwimmbad

Vier Jahrzehnte nach ihrer Entstehung sind die Werke aus Quasi-Cinema Teil der Sektion der Berlinale (die vom 7. bis zum 17. Februar stattfindet), welche sich für Video- und bildende Kunst offen zeigt: das Forum Expanded. In dessen Rahmen werden zwei Installationen aus der Serie Block-Experimente in Cosmococa – Program in Progress gezeigt – dies sowohl im Museum Hamburger Bahnhof als auch im Liquidrom, einem Wellnessbad, welches auch Events mit Musik in seinen Räumlichkeiten organisiert. Die insgesamt neun Multimedia-Installationen (CC1 bis CC9) bestehen jeweils aus einer Reihe von Dias, bei denen Kokain zur Färbung verwendet wurde. Die Projektion wird mit Musik untermalt. Der Künstler hat jedes Werk mit detaillierten Vorgaben zur Umgebung, zur Installation (sei es im privaten oder im öffentlichen Raum) und zur Anleitung der Besucher versehen.

Block-Experiments in Cosmococa - program in progess: CC6 Coke Head's Soup (1974), von Hélio Oiticica und Thomas Valentin. Foto Hélio Oiticica

Der Co-Kurator des Oiticica-Blocks beim Forum Expanded, Max Hinderer Cruz, erklärt, dass „Cosmococa zum ersten Mal, 40 Jahre nach seinem Entstehen, in einem filmischen Kontext und nicht im Bereich der bildenden Kunst gezeigt” wird. Im Hamburger Bahnhof wird der sechste Block der Serie, CC6 – Coke Head’s Gout, eine Anspielung auf das LP-Cover des Albums Goat’s Head Soup der Rolling Stones, aufgestellt. Er entstand in Zusammenarbeit mit Thomas Valentin im September 1973.

Gespräch über den Begriff des Quasi-Cinemas

Am 12. Februar findet in Berlin eine Podiumsdiskussion mit Marc Siegel (Goethe-Universität Frankfurt am Main), dem Filmemacher Neville D’Almeida, César Oiticica Filho (Projekt Hélio Oiticica), Sabeth Buchmann (Universität Wien) und Max Hinderer Cruz statt, welche die Konzepte des Cosmococa und des Quasi-Cinemas unter die Lupe nimmt. Daneben werden mit Super 8 gefilmte Aufnahmen Oiticicas gezeigt.

Nach der Diskussion ist das Publikum eingeladen, sich im Schwimmbecken des Liquidrom regelrecht „in Tönen und Bildern“ zu baden: Oiticicas Installation wird dort nur an diesem Tag zu sehen sein. „Der Pool ist das Zentrum der Installation, welche auf Hör- und Sehgenuss gleichermaßen abzielt“, erläutert Hinderer Cruz. Im Liquidrom wird der Block CC4 Nocagions zu sehen sein, der John Cage gewidmet ist.

Während des Forums spürt der Dokumentarfilm von César Oiticica Filho, dem Neffen von Hélio Oiticica und sein Nachlassverwalter, unter Verwendung von Filmmaterial und Tonbändern dem Weg des Künstlers nach. Doch die Präsenz Oiticicas in Deutschland wird mit der Berlinale nicht vorbei sein: Im September, so Hinderer Cruz, wird im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main eine Retrospektive zu sehen sein, die auch bislang nicht ausgestellte Werke des Künstlers zeigt.

Frames CC4 Nocagions, 1973, Hélio Oiticica mit Neville D’Almeida. Foto: Hélio Oiticica


1937 in Rio de Janeiro geboren, nahm Hélio Oticica mit nur 17 Jahren als Mitglied der Künstlervereinigung Grupo Frente mit seinen Werken an einer Ausstellung teil. Einige Zeit später gründete er zusammen mit anderen Künstlern die Gruppe der Neokonkretisten. Ende der 50er Jahre suchte Oiticica nach Formen, die sich im Raum erweiterten. Für die Hinwendung Oiticicas zu einer Kunst, die auf die Interaktion zwischen Publikum und Kunstwerk abzielte, waren jedoch vor allem zwei Momente von Bedeutung. In den Gartenanlagen des Museums für Moderne Kunst in Rio de Janeiro wurde 1965, im Rahmen der Eröffnung der Sammelausstellung Opinião 65, die Serie Parangolé, bestehend aus verschiedenen Umhängen und Standarten, von Tänzern und Musikern der Sambaschule Mangueira vorgeführt. Den Mitgliedern der Sambaschule, Freunde des Künstlers, wurde kein Zutritt in das Gebäude des Museums gewährt – man hatte Bedenken angesichts dieser lautstarken Invasion von „Elementen aus der Favela“. Ein zweiter Moment war das Werk Tropicália von 1967, ausgestellt im selben Museum, bestehend aus einer Reihe von „Durchlässigen“ (Penetráveis). Oiticica war in diesen Ausstellungen stets anwesend, unterhielt sich mit den Besuchern über deren Eindrücke und machte Vorschläge, wie seine Kunstwerke zu erfahren seien.

Ende der 60er Jahre folgte Oiticica einigen Freunden nach London und wurde von dem Kritiker Guy Brett eingeladen, dort eine Einzelausstellung zu konzipieren. Diese hatte großen Erfolg beim Publikum und wurde in den Medien breit diskutiert. 1971 zog Oiticica nach New York, wo er bis Februar 1978 blieb. Fernab des Ausstellungsgetümmels widmete er sich der Frage der Möglichkeit von Kunst über die gängigen Kunstformen hinaus. „Ich werde nie mehr meine künstlerischen Erfahrungen vom wahren Leben trennen“, sagte er damals. Daraufhin schrieb er sich für ein Filmstudium an der Universität von New York ein und drehte Filme, die von seinen Entdeckungen und Experimenten zeugen. Oiticica kehrte 1978 nach Brasilien zurück und schuf unablässig neue Werke, obwohl er Schwierigkeiten hatte, geeignete Ausstellungsräume und die notwendige Öffentlichkeitsarbeit für seine unkonventionelle Kunst zu finden. Oiticica verstarb im März 1980 und hinterließ eine Unmenge an Objekten und Texten, Modellen und unvollendeten Projekten. Sein umfangreicher Nachlass wurde von Freunden und der Familie zusammengetragen, welche zusammen, ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, das Projekt Hélio Oiticica gründeten. Zahlreiche Ausstellungen in Brasilien und weltweit zogen während der 80er Jahre die Aufmerksamkeit von Kritikern, Forschern und Kunstliebhabern auf sich.

Die Werke Hélio Oiticicas werden in Berlin mit Unterstützung vom Goethe-Institut Rio de Janeiro gezeigt.

Beatriz Scigliano Carneiro
ist Soziologin und Autorin von „Relâmpagos com claror: Lygia Clark e Hélio Oiticica, vida como arte“ (2004). 2008 veröffentlichte sie innerhalb des Sammelbandes „Fios soltos: a arte de Hélio Oiticica“, der Beiträge von Autoren aus Brasilien, Großbritannien, den USA, Portugal, Argentinien und Deutschland enthält.

Übersetzung: Heike Muranyi

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Januar 2013

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