Literatur

Brasilianische Literatur der Gegenwart: ein Thema in Europa

Internationales Kolloquium über brasilianische Literatur der Gegenwart, Paris - Berlin
Internationales Kolloquium über brasilianische Literatur der Gegenwart, Paris - Berlin
In Berlin und Paris kommen Forscher aus mehreren Ländern zusammen, um über „Räume kultureller Übersetzungen und medialer Vermittlungen" in Hinblick auf die brasilianische Literatur zu diskutieren. Der Auftritt Brasiliens als Gastland der nächsten Frankfurter Buchmesse stärkt die Bedeutung der literarischen Produktion Brasiliens im internationalen Kontext.

Die brasilianische Literatur der Gegenwart lässt sich genau wie die bildende Kunst und andere kulturelle Praktiken schwer systematisieren. Die höhere Anzahl von Schriftstellern und Themen und der Umstand, dass die Texte immer leichter – ob nun in gedruckter oder digitaler Form – Verbreitung finden, haben ein weites und vielfältiges Panorama hervorgebracht. Aber ist es möglich, in der Verschiedenartigkeit ein paar gemeinsame Merkmale auszumachen?

Regina Dalcastagnè. PrivatarchivLaut Regina Dalcastagnè, Professorin an der Universität von Brasília (UNB), gibt es neben der großen Gruppe von Werken, die an der traditionelleren Ausrichtung und Anliegen der brasilianischen Erzählliteratur festhalten – also an Stoffen aus dem privaten Bereich, an Figuren, die aus der Mittelschicht stammen, weiß sind und oft intellektuell gebildet –, Werke, die ihr Hauptaugenmerk auf die städtischen Peripherien und Randexistenzen richten. Verstärkt wird diese Tendenz dadurch, dass sich das brasilianische Kino dieser Bereiche angenommen hat. „Es gibt jedoch ein gemeinsames Gebiet, auf dem sich alle (oder fast alle)  bewegen: den Realismus“, erklärt sie weiter.

Insbesondere die Vielfalt zieht die Aufmerksamkeit der Leser und der Forscher auf sich. Bis vor wenigen Jahren war die aktuelle brasilianische Literatur an den Universitäten nur selten Gegenstand des Studiums – in Brasilien ebenso wenig wie im Ausland. Doch das wachsende Interesse der Studenten und Professoren ändert dies gerade. „Es ist eine Literatur, die uns reizt, weil sie uns neben anderen Darstellungen der Gegenwart hilft, die Welt um uns herum zu sehen“, erklärt Dalcastagnè. „Auch halte ich es für wichtig, dass wir den Dialog mit den Schriftstellern, die momentan schreiben, aufgenommen haben“, ergänzt sie.

Prozess der internationalen Verbreitung

José Leonardo Tonus. PrivatarchivIm März wird in Berlin und Paris während des Internationalen Kolloquiums Räume kultureller Übersetzungen und medialer Vermittlungen über die gegenwärtig in Brasilien geschriebene Literatur gesprochen werden. Bei dem Treffen handelt es sich um das zweite dieser Art in Europa. Das erste wurde im Januar 2012 an der Pariser Sorbonne-Universität abgehalten und war das Ergebnis einer Kooperation der Studiengruppe für brasilianische Literatur der Gegenwart der Universität von Brasília mit der Studiengruppe Lusophonie des Zentrums für interdisziplinäre Forschungen über die Iberische Welt der Gegenwart der Pariser Sorbonne-Universität.

Laut José Leonardo Tonus, Professor an der Sorbonne, liege dem Treffen der Gedanke zugrunde, von akademischer Seite auf die internationale Verbreitung der brasilianischen Literatur der Gegenwart zu reagieren, die bislang in Europa noch wenig übersetzt worden ist. Internationale Buchmessen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, ein größeres Interesse für die Literatur aus Brasilien zu wecken – wie etwa die Frankfurter Buchmesse, auf der Brasilien Gastland 2013 ist.

Neben den Buchmessen tragen andere Aktivitäten zur Verbreitung der aktuellen brasilianischen Literatur bei: „Geisteswissenschaftliche Studiengänge, die (immer noch) Leser ausbilden; die aktuelle Politik der Übersetzungsförderung der brasilianischen Nationalbibliothek; internationale Literaturpreise; die Teilnahme brasilianischer Schriftsteller an internationalen Veranstaltungen und schlussendlich die Anstrengungen der Gemeinschaft im Ausland lebender Brasilianer, die mit ihren Vereinen, Freizeitclubs, Kollektiven, Fanzines, Zeitschriften und Blogs unsere Literatur im Ausland sichtbar macht“, erklärt Tonus, Gründer und Betreiber des Blogs Estudos Lusófonos. Der seit fast zwei Jahren bestehende Blog wird regelmäßig aktualisiert und verzeichnet schon mehr als 63.000 Besucher.

„Brasilianische Brasilianistik“ und „ausländische“

Susanne Klengel. PrivatarchivDie Treffen haben auch das Ziel, lokale Forschungsgruppen zusammenzubringen, die gemeinsame Erkenntnisinteressen verfolgen, und unterschiedliche theoretische Perspektiven und methodische Ansätze gegenüberzustellen. „Wenn es einen Unterschied zwischen einer ‚brasilianischen Brasilianistik‛ und einer ‚ausländischen‛ gibt, wird dieser sichtbar bei der Wahl bestimmter Themen und des Feldes methodischer Ansätze. Zum Beispiel können wir in Frankreich die Bedeutung des Strukturalismus und der Kulturanthropologie für die Gänze literarischer Studien nicht leugnen. Das erklärt auch das Interesse der Forscher an Fragen der Erzähltheorie oder an Fragen, die mit Gender, mit interkultureller Hermeneutik oder Erfahrungen von Anderssein in Zusammenhang stehen“, erklärt Tonus weiter.

Eine der jüngsten Entwicklungen ist die Tatsache, dass die französische Institution und das Forschungszentrum Brasilien des Lateinamerika-Instituts der Freien Universität Berlin nun enger zusammenarbeiten. „Im Allgemeinen spricht man an den Instituten, in denen lateinamerikanische Literatur gelehrt wird, viel mehr über die Entwicklungen in der aktuellen hispanischen Literatur Lateinamerikas und weniger über die aktuelle brasilianische Literatur, die immer noch ziemlich wenig bekannt ist. Im Hinblick auf den Auftritt Brasiliens auf der Frankfurter Buchmesse 2013 ist es wichtig geworden, über die aktuelle brasilianische Literatur zu sprechen und zu zeigen, dass unsere Forscher sehr wohl an ihr interessiert sind“, erklärt Susanne Klengel, Professorin am Lateinamerika-Institut (LAI) der Freien Universität Berlin.

Neben den Forschern aus Deutschland, Frankreich und Brasilien nehmen an den beiden Treffen Wissenschaftler aus anderen europäischen Ländern wie Österreich, Dänemark, England und Portugal teil. Die Verschiedenartigkeit der Forscher führt zu einem Spektrum von Arbeiten mit vielfältigen Ansätzen und Perspektiven, deren Hauptachse die Reflexion über das literarische Schaffen als Raum kultureller Übersetzungen und medialer Vermittlung ist.

Internationales Kolloquium Brasilianische Literatur der Gegenwart.
Räume kultureller Übersetzungen und medialer Vermittlungen
Université de Paris-Sorbonne, am 7. und 8. März 2013.
Ibero-Amerikanisches Institut Berlin, am 11. und 12. März 2013.
Camila Gonzatto
ist Drehbuchautorin und Regisseurin für Film und Fernsehen. Sie verfasst zurzeit eine Doktorarbeit zur Literaturtheorie an der Universität PUC-RS in Porto Alegre.

Übersetzung: Timo Berger

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Februar 2013

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