Literatur

Brasilien: Starke Präsenz auf der Leipziger Buchmesse und Ehrengastland auf der Frankfurter Buchmesse

Foto: Leipziger Buchmesse
Foto: Leipziger Buchmesse
„Nur die Anthropophagie eint uns“. Dieser Satz aus dem Anthropophagischen Manifest von 1928 zusammen mit den Literaturgrößen Machado de Assis und Clarice Lispector soll dem internationalen Markt das Beste der brasilianischen Literatur präsentieren. Dazu gibt es allen Anlass: Brasilien ist diesen Oktober Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.

Seit 37 Jahren lädt die weltweit größte literarische Veranstaltung ein Land ein, sich in einem besonderen Pavillon dem internationalen Markt vorzustellen. Zuletzt waren Argentinien, Island und Neuseeland Gastland der Frankfurter Buchmesse. Nun ist Brasilien an der Reihe. Das Land hat ein großes Programm vorbereitet, um für seine Literatur und andere Facetten seiner Kultur, vom Kino bis zur Küche, zu werben. Zwar werden Cachaça, Fußball und Karneval ebenfalls präsent sein, aber nicht an vorderster Front, wie dies 1994 einige Kritiker bemängelten, als Brasilien zum ersten Mal Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war.

Juergen Boos, Direktor de Frankfurter Buchmesse. Foto: Leipziger Buchmesse Dies wurde im März auf der Leipziger Buchmesse deutlich, als die Schriftsteller-Delegation von 70 Autorinnen und Autoren vorgestellt wurde, die Brasilien in Deutschland repräsentieren wird. Anschließend wurde kein Caipirinha ausgeschenkt sondern passend zum Wetter in Deutschland eine deftige Suppe serviert. „Wir wollen die Klischees über Bord werfen“, erklärte Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, und hielt dabei eine Ausgabe der britischen Literaturzeitschrift Granta in den Händen, die jungen brasilianischen Autoren gewidmet ist. „Was zeichnet Brasilien für uns Deutsche aus? Es sind verschiedene junge Stimmen – nicht aufgrund ihres Alters –, die mit Leichtigkeit und Poesie sprechen“, ergänzte er.

Vielfalt des kulturellen Schaffens und der Identität

Von den zwanzig neuen Talenten, die von der Zeitschrift Granta ausgewählt wurden, sind allerdings nur drei – Daniel Galera, Michel Laub und Carola Saavedra – Teil der Schriftsteller-Delegation, die vom Organisationskomitee des Projekts „Brasilien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2013“ vorgestellt wurde. Diesem gehören Vertreter des brasilianischen Kultusministeriums, der Nationalen Kunststiftung (Fundação Nacional de Artes [Funarte]), der Stiftung Brasilianische Nationalbibliothek (Fundação Biblioteca Nacional) und des brasilianischen Verlegerverbandes (Câmara Brasileira do Livro) an. Mit Autoren aus 16 der 27 brasilianischen Bundesstaaten, Frauen und Männern, im Ausland lebenden Brasilianern und in Brasilien lebenden Ausländern, Romanciers, Erzählern, Dichtern, Essayisten und Grafikern wurde die Delegation mit dem Ziel zusammengestellt, die Vielfalt des literarischen Schaffens des Landes widerzuspiegeln.

Unter den Autoren der offiziellen Delegation finden sich so anerkannte Namen wie João Ubaldo Ribeiro, Ignácio de Loyola Brandão, Ana Maria Machado, Ruth Rocha, Ruy Castro, Affonso Romano de SantʼAnna und Carlos Heitor Cony; Bestellerautoren wie Paulo Coelho, Laurentino Gomes, Mauricio de Sousa und Fernando Morais. Von den Talenten, die in den vergangenen zehn Jahren in Erscheinung getreten sind, sind Cristóvão Tezza, Bernardo Carvalho, Ferréz, Paulo Lins, Marçal Aquino, Luís Ruffato, Marcelino Freire und Ronaldo Correia de Brito vertreten.

Manuel da Costa Pinto. Foto: Leipziger Buchmesse„Brasilien ist ein Land, das man mit Sonne, Strand und Fußball verbindet. Das erfüllt uns bis zu einem gewissen Grad mit Stolz und es spiegelt sich auch in manchen grundlegenden Werken, wie dem von Jorge Amado. Andererseits handelt es sich dabei auch um Klischees, und wenn wir diese nicht vermeiden, laufen wir Gefahr, ein eindimensionales, in der Zeit stehen gebliebenes Bild des Landes zu vermitteln“, sagt der Literaturkritiker Manuel da Costa Pinto, der neben Antônio Martinelli und Antonieta Cunha Kurator der Auswahl-Liste ist. „Fragen der kulturellen Identität haben sich in Brasilien sprunghaft vermehrt, was dazu geführt hat, dass Autoren nicht unbedingt an die kulturellen Traditionen Brasiliens anknüpfen, sondern sich eher auf die kosmopolitischen Seiten des Landes beziehen“, ergänzt Costa Pinto.

Obwohl die brasilianische Schriftsteller-Delegation groß und umfassend ist, fehlen jedoch einige bedeutende Namen. Milton Hatoum, erklärt der Kurator Martinelli, konnte die Einladung nicht annehmen, weil er an seinem neuen Roman arbeitet. Auch Chico Buarque, Ferreira Gullar, Antonio Candido, Luís Fernando Veríssimo, Alfredo Bosi und Lygia Fagundes Telles werden nicht in Frankfurt sein. „Um ihr Fehlen ein wenig wettzumachen, werden wir ein Video drehen, in dem sie zu Wort kommen werden“, erklärt Martinelli.

Exilliteratur

Von den neun brasilianischen Autoren, die Gast der Leipziger Buchmesse waren, sind Carola Saavedra und Ronaldo Correia de Brito die einzigen, die auch nach Frankfurt eingeladen sind. Bei seiner Lesung trug Brito einen Auszug aus dem Roman Galileia vor und sprach über das Verhältnis zwischen der modernen, „sogenannten zivilisierten“ Welt und der anderen, vermeintlich archaischen, „die in Trümmern liegt, und in der eine Frau ermordet wird. Mein ganzes Werk beruht auf dieser schuldbeladenen Beziehung des Mannes zur Frau, die zum Verbrechen führt”.

Tatiana Salem Levy. Foto: Leipziger BuchmesseDas jüdische Erbe und die Exilliteratur waren andere Hauptanliegen der brasilianischen Autoren. Während der Leipziger Buchmesse stellten die Schriftsteller Tatiana Salem Levy (Dois Rios [Zwei Flüsse]) und Luis Krausz (Desterro [Verbannung]) ihre Werke vor. „Ich wurde in Portugal geboren, weil meine Eltern während der Militärdiktatur nach Lissabon ins Exil gingen. Danach lebte ich in Paris und den USA. Ironischerweise stamme ich aus einer jüdischen Familie, die von der Inquisition vertrieben Portugal verließ und in die Türkei ging. Und von der Türkei kamen sie nach Brasilien. Deswegen habe ich mich immer für andere Länder und Kulturen interessiert. Ich reise gerne. Und die Vertreibungen, Migrationen und das Exil sind zu dem Thema geworden, über das ich schreibe“, erzählt Levy.

Neue Namen und Übersetzungsförderung

Nicht alle brasilianischen Schriftsteller, die in Leipzig waren, sind schon ins Deutsche übersetzt worden. Das ist etwa der Fall bei Maria Rita Kehl und Teixeira Coelho, Intellektuelle, die der entsandten Delegation nur ihr Ansehen beisteuern konnten. Dasselbe gilt für die Grafiker Marcelo Lélis, Lourenço Mutarelli (Schriftsteller und Illustrator), die Brüder Fábio Moon und Gabriel Bá (die international ausgezeichnet wurden) und Fernando Gonsales (Níquel Náusea).

Bis Oktober werden 70 neue Titel in Deutschland veröffentlicht, ein Großteil davon mit der Unterstützung des Übersetzungsprogramms, das die brasilianische Regierung aufgelegt hat und das mittels einer Ausschreibung 40 Stipendien über je 8.000 US-Dollar vergibt, um ausländische Verleger, die an brasilianischer Literatur interessiert sind, anzuspornen. Eines dieser Stipendien ging an Entre as quatro linhas (Zwischen den vier Linien), eine von Luis Ruffato zusammengestellte Sammlung von Fußballerzählungen, die auf Deutsch beim Verlag Assoziation A erscheinen wird. „Ohne dieses Programm könnten wir dieses Projekt nicht verwirklichen“, räumt der Verleger Rainer Wendling ein.

Fábio Lima. Foto: André Dib„Das Ziel ist es, die Übersetzung auf die vielfältigste Weise zu unterstützen”, sagt Fábio Lima, verantwortlich für das Programm, das Reisen brasilianischer Schriftsteller ins Ausland unterstützt (2012 waren es 16 Autoren), die Zeitschrift Machado de Assis herausgibt, in der ins Englische und Spanische übersetzte Auszügen von Werken brasilianischer Autoren veröffentlicht werden, und zehn Stipendien für Verlage aus portugiesischsprachigen Ländern vergibt.

Außer der Ausschreibung für die Übersetzungsförderung hat das zur Stiftung der Nationalbibliothek gehörige Internationale Buchzentrum (Centro Internacional do Livro [CIL]) weitere Ausschreibungen wie eine Übersetzerresidenz, die mit bis zu 15.000 Real einen mindestens fünfwöchigen Aufenthalt ausländischer Übersetzer in Brasilien unterstützt. Eine der Ausgewählten, Wanda Jakob, bekam die Gelegenheit, mit der Stimmung und der Kultur Rio de Janeiros in Berührung zu kommen, bevor sie sich an die Übersetzung des Romans A guerra dos bastardos von Ana Paula Maia setzte.

Brasilien in Frankfurt

Der brasilianische Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse dreht sich um drei Hauptachsen: das literarische Schaffen des Landes, die Kultur in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und die wirtschaftliche Dimension des Buchmarkts. Die größte Herausforderung bestand darin, erklärt Galeno Amorim, Präsident des Organisationskomitees und der Stiftung Nationalbibliothek, die Vielfalt Brasiliens zu repräsentieren, sowohl in der Auswahl der Autoren, als auch bei den Aktivitäten, die auf der Messe stattfinden werden. Dafür wird ein 2.500 Quadratmeter großer Pavillon zur Verfügung stehen, der Platz für Ausstellungen, eine Bühne und einen gastronomischen Bereich bietet und der von Daniela Thomas und Felipe Tassara gestaltet wird. Die gesamten Investitionen der brasilianischen Regierung für den Ehrengastauftritt belaufen sich auf zehn Millionen Real (rund 3,9 Millionen Euro).

Dazu kommt der Gemeinschaftsstand der brasilianischen Verlage, der über 500 Quadratmeter verfügt und auf eine Delegation von mindestens 70 Schriftstellern aus allen Regionen des Landes zählen kann. Brasiliens Literatur und Kultur wird aber nicht nur auf der Buchmesse, sondern auch in den Kultureinrichtungen der Stadt gewürdigt, zum Beispiel in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und in zehn Museen, die Ausstellungen zeigen werden, sowie auf Kino-, Theater-, Literatur- und Popmusikfestivals, deren Programme von der Nationalen Kunststiftung (Funarte) organisiert werden. Ausstellungen von Hélio Oiticica und Grafitti-Aktionen werden zudem direkt in den Straßenraum eingreifen.

Galeno Amorim. Foto: Leipziger BuchmesseAmorim verrät, dass er derzeit noch versucht, weitere Kooperationen mit lokalen Akteuren in Brasilien zu vereinbaren, damit Verlage aus allen Bundesstaaten Brasilien in Frankfurt vertreten sein können. Luiz Álvaro de Menezes, vom brasilianischen Verlegerverband, erklärt, dass die Anwesenheit von 50 Verlagen bereits von dem „Brazilian Publishers“ bestätigt wurde, einem Projekt, das den Erwerb und Verkauf von Autorenrechten in Zusammenarbeit mit Apex-Brasil, der brasilianischen Agentur für Export- und Investitionsförderung, unterstützt. „Wir wollen zusammen mit der Nationalbibliothek die größtmögliche Zahl von Verlagen einladen. Bis zum Augenblick haben wir 65 neue Anmeldungen. Wir hoffen, dass es 150 werden. Selbst wenn sie in Frankfurt keine Geschäfte abschließen, ist unsere Idee, dass sie mal ausprobieren, was es bedeutet, am internationalen Markt teilzunehmen, dass sie das Gefühl bekommen, dass es nichts Unmögliches ist.“

Brasilien ist Gastland bei der Frankfurter Buchmesse 2013 und Deutschland ist Gastland bei den Buchmessen Rio und Porto Alegre 2013. Literaturfestivals in Deutschland (Leipzig, Berlin und Köln) werden brasilianische Autoren empfangen. Das Deutschlandjahr in Brasilien dauert von Mai 2013 bis Mai 2014. Aus diesem Zusammentreffen ergibt sich eine außerordentliche Möglichkeit des deutsch-brasilianischen Literatur-Austauschs mit vielen Projekten. Die Zusammenarbeit beider Länder zielt darauf, den Horizont für die Verbreitung der Literatur beider Länder zu erweitern. Interessiert am brasilianischen Verlagsmarkt hat Deutschland Ressourcen für die Initiative bereitgestellt, die im Verlauf der nächsten beiden Jahre in Ausstellungen, Lesungen und Gesprächen mit deutschen und brasilianischen Autoren, sowie Begegnungen über die Entwicklungen auf dem Buchmarkt investiert werden.

Im Gegenzug hat die brasilianische Regierung eine Reihe von Projekten angekündigt, die die Veröffentlichung von brasilianischen Schriftstellern im Ausland fördern sollen, wie die Übersetzung von Büchern, die einer Gesamtinvestition von 35 Millionen US-Dollar bis zum Jahr 2020 entsprechen. Diese Strategie hat die ereignisreiche internationale Agenda der brasilianischen Literatur im Blick, auf der andere wichtige Buchmessen stehen, wie die Kinderbuchmesse im italienischen Bologna, auf der Brasilien 2014 Ehrengast sein wird".

André Dib
ist Journalist. Er reiste nach Deutschland mit Unterstützung des Deutschen Konsulats in Recife und des Programms „Deutschland + Brasilien 2013-2014”.

Übersetzung: Timo Berger

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
April 2013

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