Zukunftsvisionen

Ein Gruß

Foto: Cristovão Tezza
Foto: Cristovão Tezza
Alles ist anders und nichts hat sich verändert. Ich wurde gebeten, Dir einen Brief zu schreiben, aber es ist schwie-rig: Du verstehst nicht, was ich sage. Du hast noch keine Sprache, und wenn ich Dir einen Spiegel vorhalte, was ist zu erkennen? Ein Fleck, dessen Bedeutung erst sehr viel später erscheinen wird - ein noch von der Plazenta ver-schmiertes Baby, das sich vor etwas fürchtet, das noch kei-nen Namen besitzt: Kälte, Angst. „Willkommen“ ist alles, was ich sagen kann. An dem Punkt, an dem Du Dich befindest, hat auch alles, was zählt, noch keinen Namen, der Schoß, der erste Kontakt mit dem Wasser, das Schaukeln der Wiege, es ist Juni 2014 in Deiner bis hierher noch unmittelbaren Geschichte.

Fünfzig Jahre, wer hätte das gedacht. Hilft es, von äußeren Dingen zu sprechen, deren Existenz Du erst wahrnehmen wirst, wenn sie nicht mehr sein werden? Wie in einem ver-schimmelten Buch: Ganz gleich, ob ich Jesus Christus erwäh-ne, Joseph Blatter, Attila oder den Uno. Alles wird vorher gewesen sein. Du wirst, um die Totenwelt wie-der hervorzuholen, einen Ausdruck verwenden: früher. Früher gab es Fische und Wälder. Es gab Grenzen zwischen den Ländern (Worte: Land, Regierung). Es gab ein Sy-stem, das sich Demokratie nannte (Wort: Kongress, sagt Dir das etwas? Was sagt es mir im Jahr 2064?). Doch es gibt auch, was wir Gegenwart nennen: Die Lungen atmen, die Nie-ren filtern, das Herz schlägt, diese Maschine aus Knochen und Muskeln und Sehnen und Ganglien und Schleimhaut und Blutkreislauf, hey, das sind wir, danke, dass nicht alles vorzeitig fertiggemacht wurde – ich werde Deine Vernunft brauchen, fünfzig Jahre danach, wenn ich ewig in diesem Au-genblick sein will, der in einem Augenblick schon vorbei sein wird.

Morgen gehen wir nach Hause. Es hat Indianer gegeben (Indianer), Computer, die keine Implantate benötig-ten, Kriege um Öl (Öl), Fußballturniere, die für dreißig Tage die ganze Welt stillstehen ließen (heute: Filme, Foto-grafien, Zeitzeugen). Es gibt Dinge, die ich dich bitten könnte zu vermeiden, Menschen, bei denen es mir lieber wä-re, du würdest sie nie kennenlernen, doch wenn du das alles nicht tust, höre ich auf, der zu sein, der ich bin (gefällt mir, wer ich bin? kann ich mich als ein anderer denken?). Die Gerüche und wie Dinge schmecken: Du wirst dich daran gewöhnen. Orte, Arbeit. Die Totenwache eines Freundes an einem Samstag. Das Ende: alles, was war, bevor Du in die Kälte und die Angst gezogen wurdest. Du bist diesem Nichts näher als ich. Oder weiter entfernt: An einem sonnigen Tag wie morgen (die Ewigkeit sind vierundzwanzig Stunden, wenn du vor vierundzwanzig Stunden geboren wurdest), auf dem Weg nach Hause (das Universum ist ein laues Licht, und der Wunsch schläft, als würde er nie wiederkehren), beginnst du die Grenzen deiner Gefühle zu ahnen. Es ist das Gefängnis eines jeden - der Körper. Später wird dieser Raum sich er-weitern - Deine Erscheinung, der Atem beim Schwimmen, dein Gehör für Musik, die Größe Deiner Nase und die Anordnung von Genen, die Dir Intelligenz oder die Disposition für ge-wisse Arten von Krebs verleihen wird, und äußere Faktoren (Ernährung, Schule, wie Vater und Mutter dich behandelt ha-ben, der Zufall, dass während Du die Straße überquert hast, keine Kuh vom Himmel gefallen ist) werden sich so gut wie vermischen mit dem, was wie die natürliche Ordnung von al-lem daherkommen wird.

2064 ist eine schwierige Zeit. Aber hilft es, zu erklären, wie es hier ist? Wenn die Zeit schließlich gekommen sein wird, wirst du darauf vorbereitet sein. Das ist der Sinn dessen, dass wir jetzt nach Hause gehen: der erste Baustein zu diesem Training für Tage und Jahre. Zähne fallen aus. Zähne wachsen nach. Haare wachsen. Haare fallen aus. Krank-heiten, Verletzungen, Medaillen. Der Körper gewöhnt sich an heftige Reize, dann beginnt er zu klagen, dann gewöhnt er sich wieder, und der Geist warnt uns vor unserer Sturheit und Eitelkeit, und die Welt verpasst uns jedes Mal eine Tracht Prügel, wenn wir uns täuschen lassen von Liebe, Po-litik, Geschichte, Kunst, Geld und dem Mangel an Geld, Macht und der Machtlosigkeit, dem Schrecken, den wir bekom-men, wenn der Spiegel der ersten Minuten uns heute meinen leeren Blick wiedergibt und meine von der Ernsthaftigkeit vernichteten Ticks, ein wandelndes Museum der Erinnerungen, die zu nichts mehr gut sind. Fünf Jahrzehnte, und die Zeit gibt es nicht. Doch da ist eine widersprüchliche Schönheit: Willkommen, die Zeit ist noch immer Dein bester Verbünde-ter.

Michel Laub
ist Verfasser von bisher sechs Romanen, darunter „Diário da Queda“ (2011), der bisher in 11 Ländern veröffentlicht wurde und dessen Verfilmung geplant ist. In Deutschland erschien der Roman unter dem Titel „Tagebuch eines Sturzes“ in der Übersetzung von Michael Kegler bei Klett Cotta (2013). Michel Laub ist einer der „zwanzig besten brasilianischen Schriftsteller“ einer Anthologie der englischen Zeitschrift „Granta“.

Übersetzung: Michael Kegler

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
November 2014

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