Kulturelle Steilvorlage – die „cresc. Biennale für Moderne Musik“

In Frankfurt/Main hatte die „cresc. Biennale für Moderne Musik“ Premiere. Am thematischen Schwerpunkt Iannis Xenakis zeigte das Festival, wie vielschichtig Neue Musik als wichtiger Bestandteil der Gegenwartskultur dargestellt werden kann.In den Selbstverständigungs-Diskursen der Musik ist der Raum als philosophischer Topos, als aufführungspraktische Voraussetzung, als Gebilde aus Projektionen und Konventionen mittlerweile allgegenwärtig. Das Nachdenken über den Raum in der Musik, über Musik im Raum geht nicht zuletzt auf den Komponisten Iannis Xenakis zurück, der als Architekt auch Mitarbeiter von Le Corbusier war. Das von ihm ausgehende räumliche Denken in der Musik in mehr als drei Dimensionen war Thema der ersten Frankfurter Biennale für moderne Musik mit dem griffigen Titel „cresc.“ vom 25. bis zum 27. November 2011.
Vielfältige Rhein-Main-Kultur
Bemerkenswert an „cresc.“ war mancherlei. Ohnehin ist das Entstehen eines neuen Festivals für zeitgenössische Musik kein alltäglicher Vorgang in Zeiten knapper werdender Ressourcen für die Kultur. Das neue Festival entstand zudem in einer Zusammenarbeit profilierter Institutionen des Musikbetriebs im Rhein-Main-Gebiet, die sich entschlossen, ihre jeweilige Eigenbrötelei aufzugeben.
Mit zeitgenössischer Musik ist die Region gut versorgt. Der Hessische Rundfunk bietet seit Jahren mit seinem Sinfonieorchester eine entsprechende Konzertreihe und hat in erheblichen Kraftanstrengungen in den letzten Jahren drei sogenannte „Klangbiennalen“ veranstaltet. Das regional und international vernetzte und verankerte Ensemble Modern ist mit zahlreichen Initiativen in Frankfurt aktiv und kann sich auf sein Publikums-Reservoir verlassen. Die Aktivitäten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst haben in den vergangenen Jahren unter anderem in Verbindung mit dem neu gegründeten Institut für Zeitgenössische Musik an Relevanz für die regionale Öffentlichkeit gewonnen.
Das ehrwürdige Internationale Musikinstitut in Darmstadt wiederum arbeitet an Erweiterungen seiner künstlerischen Aktivitäten über die traditionsreichen Ferienkurse hinaus, konnte aber mit der öffentlichen Ausbeute des zusammen mit dem Ensemble Modern veranstalteten „Rotor“-Festivals im Jahre 2009 nicht ganz zufrieden sein. Und last not least wartet der für eine Ent-Kommunalisierung und regionale Horizonterweiterung der Kultur in der Region ins Leben gerufene Kulturfonds Frankfurt RheinMain auf angemessene Förderungsfelder.
In der gemeinsamen Biennale konnten sich nun Erwartungen, Potenzen und Publikums-Segmente zueinander addieren, ästhetische Möglichkeiten miteinander multiplizieren und Lücken geschlossen werden. Das Ergebnis war eine weiträumig konzipierte Vielfalt von thematisch wohlgeordnetem Material, das in verschiedenen Radien um Iannis Xenakis als Thema kreiste. Für die performative Seite des Festivals gesellten sich zum Sinfonieorchester und der Bigband des Hessischen Rundfunks, dem Ensemble Modern und den Musikern und Komponisten der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA) das Pariser Ensemble Intercontemporain und das famose Jack Quartet aus New York.
Nachhaltiges Konzept
Das Konzept des „cresc.“-Festivals war umfassend angelegt und konzentrierte sich nicht nur auf musikalische Aspekte. Eine von der Bayerischen Architektenkammer übernommene Ausstellung im Sendesaal-Foyer des Hessischen Rundfunks beispielsweise zeigte neben einem biografischen Abriss Material zum Philips-Pavillon, den Xenakis und Le Corbusier für die Weltausstellung 1958 in Brüssel entworfen hatten. Es handelt sich um eine verwickelte Raumkonstruktion auf einem Grundriss, der einem menschlichen Magen nachempfunden ist, anhand von hyperbolischen Kurven, die auch Xenakis’ Komposition Metastasis zugrunde lagen. Der Pavillon war mit einer aufwendigen Tonanlage ausgestattet, für die Edgard Varèse das „Poème électronique“ komponierte.
Xenakis’ künstlerische Doppelbegabung war allerdings nur am Rande Gegenstand des Festivals. Ein am Institut für Zeitgenössische Musik der Frankfurter Musikhochschule konzipiertes Symposium mit dem Titel „Xenakissplitter“ unternahm eine diskursive Auseinandersetzung mit dem komponierenden Philosophen, Mathematiker und Weltentwerfer, fächerte die formalen, maschinellen und plastischen Aspekte in Xenakis’ Auffassung vom Komponieren sowie seinen musikrelevanten Raumbegriff auf, versuchte philosophische Verortungen und ließ gelegentlich mythisch anmutende Orientierungen gerade in Xenakis’ algorithmischen Kompositionsverfahren aufleuchten.
Vom Ensemble Modern bis zum Jack Quartet
Der performative Teil des Festivals war hochkarätig bestückt, umsichtig kuratiert und thematisierte Xenakis im Kontext seiner Zeit mit Zeitgenossen wie Edgard Varèse, Olivier Messiaen, Karlheinz Stockhausen, Elliott Carter. Ein Konzert mit der geballten Klangkompetenz des HR-Sinfonieorchesters und des Ensemble Modern stellte Xenakis’ Terretektorh (1965) für 88 im Publikumsraum verteilte Musiker, eine Art ausgetüftelter Naturprozess mit Klangmassen, neben Stockhausens vertrackte Komposition Gruppen (1955-57) für drei Orchester (und die drei Dirigenten Matthias Pintscher, Lucas Vis und Paul Fitzsimon). Ort der Handlung war die Böllenfalltorhalle in Darmstadt, die auf Musik und Publikum einen unkonventionellen Großturnhallen-Charme ausstrahlte.
Im Club 603qm in der Innenstadt präsentierte Reinhold Friedls Xenakis (a)live ein synästhetisches Film-Musik-Projekt mit den Ensemble zeitkratzer und dem Live-Video-Künstler Lillevan. Das Jack Quartett stellte in einem erstaunlich vitalen und virtuosen Konzert Streichquartette von Xenakis (Tetora, 1990, und Tetras, 1983) neben Quartette von Ligeti und Scelsis und zeichnete nebenbei ein mehrpoliges konzeptionelles Spannungsfeld in der Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
In die Gegenwart wies das Abschlusskonzert im Sendesaal des Hessischen Rundfunks. Das Ensemble Modern präsentierte hier sechs Uraufführungen aus einem Kompositionsseminar der Internationalen Ensemble Modern Akademie unter der musikalischen Leitung von Pablo Rus Broseta und Johannes Kalitzke und mit der essentiell wichtigen Klangregie Norbert Ommers. Sechs Uraufführungen fügten sich zu einem Panoptikum von Musik internationaler Provenienz und darin eingelassenen Weltbildern, Kunst-, Klang- und Raum-Konzepten – als hätte sich im Werk und in der Gedankenwelt Xenakis’ die Energie eines Urknalls versammelt gehabt, die heute noch Antrieb aktueller Bewegung ist. Es wird nicht ganz leicht sein, in zwei Jahren in der Region wieder ein ähnlich perspektivenreiches und intensives Festival zu präsentieren. Aber Kunst lebt ja von Herausforderungen.
ist freier Journalist, schreibt regelmäßig für die Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung und neue musik zeitung über moderne Musik und Jazz.
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Dezember 2011
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