Felix Kubin

Viel mehr noch als nur Musiker, Klangarchitekt und Performer ist Kubin ein multimedialer Künstler. Er hat mit Installationen, dem Theater, dem Kino, Animationen, experimentellen Hörspielen, Klangcollagen und sogar mit Autosuggestions-Kassetten gearbeitet. Als Chef des Labels Gagarin Records hat er unzählige Avantgarde-Pop-Platten veröffentlicht und ist einer der Mitbegründer des futuristischen Noise-Projekts Klangkrieg. Er war Mitglied der dada-kommunistischen Singegruppe Liedertafel Margot Honecker und komponierte außerdem elektronische Musik und Werke für das zeitgenössische Kammerorchester.
Der kreative Kosmos von Felix Kubin (dessen Künstlername vielleicht eine Referenz an den österreichischen fantastischen Schriftsteller und Illustrator Alfred Kubin ist, der von 1877 bis 1959 lebte) enthält futuristische Anklänge, wie Science-Fiction-Pop, Magnetismus, Röntgenstrahlen, Telepathie, Levitation, Okkultismus, billige Horrorfilme, Dadaismus und Anarchismus. Es ist vor allem eine Welt aus Musik und Lärm, die zugleich geordnet und chaotisch ist. Sie spiegelt das Milieu der Großstädte mit ihren U-Bahnen, Autos, Lichtern und Leuchtreklamen wider. Vielleicht findet sich auch noch irgendwo eine verlorengegangene Saite eines schrottreifen Klaviers.
Zersetzende Energie
Felix Kubin, geboren in Hamburg, begann seine künstlerische Laufbahn schon als Kind mit Klavier- und Orgelspiel. Im Jahr 1981 machte das zwölfjährige Wunderkind seine ersten absolut eigenwilligen Aufnahmen mit Tasteninstrumenten und anderen elektronischen Geräten. Kurz danach gründete er mit seinem gleichaltrigen Freund Stefan Mohr die Band Die Egozentrischen 2 und präsentierte sich live einem erwachsenen Publikum. Schon zu dieser Zeit konnte man die Energie spüren, mit der Kubin die Bühne betrat. Eine anarchische, zersetzende Energie, die der Künstler bis heute bewahrt hat.
Bald wurde Kubin durch Alfred Hilsberg entdeckt, der ein einflussreicher Musikjournalist war und den Begriff „Neue Deutsche Welle“ prägte. Hilsberg lancierte auch das bedeutende Label ZickZack Records, aus dem später weltweit hochgeachtete Bands wie Einstürzende Neubauten, Propaganda und Xmal Deutschland hervorgingen. Im Jahre 2002 wurden dann Homerecording-Aufnahmen des jungen Kubin auf dem Sampler The Tetchy Teenage Tapes of Felix Kubin 1981–1985 bei den Labels SKIPP und A-Musik veröffentlicht.Im Jahr 1987 tat sich Kubin mit Tim Buhre zusammen und gründete das Noise-Projekt Klangkrieg, das buchstäblich einen Krieg der Klänge propagierte. Kubin definiert den Begriff als utopisches Endstadium eines maximalen Lärmpegels der Großstadt. Die Idee dahinter war, den Lärm zu filtern und ihn zu verarbeiten, um ihm so eine musikalische Struktur zu geben, die dynamisch und lebendig ist. Dabei wird auch der subtile Unterschied zwischen Hören und Zuhören deutlich. Ein Beispiel für dieses Vorhaben ist die Platte Radionik aus dem Jahr 2000. Darauf bannte das Duo den Klang verschiedener fließender Elemente wie Gas und Heizungswasser, aber auch ungewöhnliche Dinge wie Geräusche von Hochspannungsleitungen und Fahrstühlen. Außerdem arbeitet Klangkrieg mit unterschiedlichen Medien und vermischt dabei immer das Elektronische mit dem Analogen.
„Syndikat für Gegenlärm“
Inspiriert durch das „traurige Summen der Protonen“, gründete Kubin 1998 schließlich sein eigenes Label Gagarin Records und ein Jahr später das Syndikat für Gegenlärm. Dies ist, nebenbei bemerkt, ein Label, das sich ausschließlich dem Psycho-Sci-Fi-Pop widmet. Die Legende sagt übrigens, dass Kubin eine direkte telepathische Verbindung zu Juri Alexejewitsch Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum, habe, der 1961 unseren blauen Planeten umrundete. Den Kosmonaut, der 1968 unter ungeklärten Umständen bei einem Flugunfall starb, benutzt Kubin seither als eine Art psychographisches Medium der Musik, um uns seine verrückten Ideen durch die bizarren Elektrokompositionen des Virtuosen aus Hamburg zu übermitteln.
Ob dies stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist, dass sowohl die Musik als auch die Videos Kubins durch alles Hör- und Sichtbare starke Emotionen wie (Alb-)träume, Gefühle der Unwirklichkeit und der Befremdung auslösen. Aber selbst in die Welt des Unhörbaren, des Geheimen und des Mysteriösen wird man hineingezogen und bekommt als Beobachter eine zugleich unterhaltsame und erschreckende Ahnung von Kubins surrealer Vorstellungskraft: Dadaismus, Surrealismus und Bizarres. Kubin spielt (un-)bewusst mit unseren Hoffnungen und Ängsten, überrascht, regt auf und beruhigt, quält und tröstet. Er zieht uns in einen bunten Strudel von verwirrenden Farben und Klängen hinein, um uns danach gänzlich verändert und verwirrt wieder ans Licht zu führen. Eines der besten Beispiele hierfür ist das Hörspiel Orpheus Psykotron.
Die Auftritte Felix Kubins sind einzigartige und verblüffende Erfahrungen. Schon in seiner Körperhaltung liegt etwas theatralisches, das uns an die performative Kunst des verstorbenen Klaus Nomi erinnert. Kubin verschmilzt in jeder Hundertstelsekunde mit seinen unzähligen analogen Tasteninstrumenten und anderem Audioequipment. Nicht selten brüllt er aggressive Punktexte oder manchmal Politisches und Antikapitalistisches. Aber stets tritt er in dieser avantgardistischen Eleganz eines Dandys auf, die schon David Bowie pflegte und die ihren minimalistischen Höhepunkt mit der Techno-Pop Band Kraftwerk erreichte. Chaos, Verwirrung und Vitalität – angesichts der Auftritte Kubins reißt das Publikum die Augen, Ohren und Münder auf.
stammt aus Rio de Janeiro. Sie ist DJ (Elektro und World-Wide-Elektro), Drummerin/Perkussionistin und freie Autorin. Sie lebt in Berlin.
Übersetzung: Matthias Nitsch
Copyright: Goethe-Institut Brasilien
August 2011
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