Erbarmungslose Menschenkunde – Das Theater des Thomas Ostermeier
Thomas Ostermeier zählt zu den international gefragten deutschen Regisseuren – im eigenen Land ist der Chef der Berliner Schaubühne mit seinem psychologisch präzisen Theater dagegen umstritten.
„Wunderknabe“, „Senkrechtstarter“, „Junger Wilder“ – solche hoch greifenden Etiketten hafteten Thomas Ostermeier zu Karrierebeginn an. Der Erfolg kam früh für den Theatermacher aus dem niedersächsischen Soltau. Unmittelbar nach seinem Regiestudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch übertrug ihm 1996 Thomas Langhoff, Intendant des Deutschen Theaters, die Leitung der Nebenspielstätte Baracke. Der Experimentierraum mit 99 Plätzen erlangte unter Ostermeier binnen kurzer Zeit Kultstatus.
Nur drei Jahre später, mit gerade 31 Jahren, wurde Ostermeier neben der Choreografin Sasha Waltz, ihrem Partner Jochen Sandig sowie dem Dramaturgen Jens Hillje ins Leitungsteam der renommierten Schaubühne am Lehniner Platz berufen – vormals Wirkungsstätte eines Peter Stein. Während Waltz, Sandig und Hillje in der Zwischenzeit ausgeschieden sind, prägt Thomas Ostermeier seit nunmehr zwölf Jahren das Gesicht der Schaubühne. Auf der vergangenen Biennale di Venezia wurde dem 43-Jährigen der Goldene Löwe verliehen – für sein Lebenswerk.
Erfolg mit Außenseitern
Einen Namen machte sich Ostermeier an der Baracke vor allem mit britischen Gegenwartsdramen. Meist kreisten diese Stücke um soziale Außenseiter wie Arbeitslose, Stricher, Dealer und Junkies. Mit seiner Inszenierung von Mark Ravenhills radikaler Kapitalismus-Farce Shoppen und Ficken sowie der Bearbeitung von David Harrowers bildmächtigem Dreiecksdrama Messer in Hennen wurde Ostermeier 1998 gleich zweifach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch an der Schaubühne setzte der Regisseur zunächst ganz auf Geschichten aus der prekären Gegenwart. Als Eröffnungsinszenierung wählte er im Jahr 2000 das fünfstündige Randfiguren-Panorama Personenkreis 3.1 des schwedischen Autors Lars Norén. Die Kritik reagierte gespalten, teils wurde ihm „Sozialkitsch“ oder „Elends-Ästhetisierung“ vorgehalten.
Klassiker für die Gegenwart
Neben den Anspruch, am Lehniner Platz vor allem zeitgenössische Dramatik durchzusetzen – wie die Stücke des Hausautors Marius von Mayenburg –, trat alsbald Ostermeiers Beschäftigung mit Werken des klassischen Kanons, die konsequent ins Heute verlagert wurden. Besondere Erfolge feierte er mit seinen Ibsen-Bearbeitungen Nora (2002) sowie Hedda Gabler (2005), die er als Höllenspiele eines gehobenen urbanen Milieus aufzog. Zu den bevorzugten Autoren des Schaubühnen-Chefs zählt mittlerweile auch William Shakespeare. Entflammt für die Werke des Elisabethaners wurde er 2006, als er zusammen mit der Choreografin Constanza Macras die Komödie Ein Sommernachtstraum als überbordend-rauschhaftes Spiel der Triebe auf die Bühne brachte. Ostermeiers in Berlin stets ausverkaufter Hamlet (2008) mit Lars Eidinger in der Titelrolle ist auf Gastspielreise bis nach Australien getourt. Unlängst inszenierte der Regisseur die Moralstudie Maß für Maß (2011) mit Gert Voss in der Hauptrolle des Herzogs Vincentio in Kooperation mit den Salzburger Festspielen.Angewandte Verhaltensforschung
Ostermeier begreift die Bühne als Spiegel gesellschaftlicher Wirklichkeiten und seine Arbeit als „Theater der Menschenkunde“ – was bei ihm oft das erbarmungslose Durchleuchten liebloser Paar-Beziehungen meint, wie zuletzt im Falle von Lars Noréns Drama Dämonen (2010). Im Zentrum steht für Ostermeier dabei der Schauspieler, nicht der Regieeinfall. Der Theatermacher setzt zwar bisweilen auf starke Effekte und Verfremdungen, hat sich im Gegensatz zu manchen Generationsgefährten aber nie als Stückezertrümmerer im Stile eines Frank Castorf gebärdet. Vielmehr zielt er – sofern er naturalistische Dramen wie die Kammerspiele eines Ibsen, Strindberg oder Norén inszeniert – auf einen konsequenten psychologischen Realismus. In seiner Auslegung verlangt dies allerdings nicht vom Schauspieler, sich in die Psyche einer hundertfünfzig Jahre alten Figur einzufühlen. Sondern vielmehr, sich in deren soziale Situation zu versetzen und entsprechend zu handeln. In seinen Shakespeare-Arbeiten vertritt Ostermeier dagegen eher einen epischen Ansatz, was der brechtschen Prägung auf der Hochschule Ernst Busch entspricht. Die beteiligten Schauspieler sind aufgefordert, als Spieler der Figur zugleich Erzähler der gesamten Geschichte zu sein und den Zuschauer stets mitzudenken.Berliner Theater der Welt
Ostermeiers Inszenierungen wird von der deutschen Kritik immer wieder Oberflächlichkeit oder Vereinfachung vorgeworfen. Auf der anderen Seite ist seine Schaubühne eines der am meisten tourenden Theater des deutschsprachigen Raums, mit engen Kontakten zu Festivals in Avignon oder Athen. Auch Ostermeier selbst ist im Ausland als Regisseur viel gefragt. Im Dezember 2011 inszenierte er in Moskau August Strindbergs Fräulein Julie als Sozialdrama aus der russischen Gegenwart am wiedereröffneten Theater der Nationen. Die weit vernetzten Arbeitsbeziehungen sind einmal im Jahr auf dem noch von Ostermeier und Hillje ins Leben gerufenen Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) zu besichtigen, das an der Schaubühne Gastspiele aus aller Welt zeigt und für den künstlerischen Leiter „Schaufenster unserer Internationalität ist“.lebt als freiberuflicher Kulturjournalist in Berlin.
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Mai 2012
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