Lebensqualität im urbanen Raum

Kunst, die den öffentlichen Raum neu definiert

„Opavivará: Dreirad; Copyright: Opavivará“
„Opavivará: Dreirad; Copyright: Opavivará“
In Zeiten, in denen sich die größten Städte des Landes auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 vorbereiten, sind Veränderungen im städtischen Raum im Zuge dieser Großereignisse erkennbar.

Angesichts dieses Szenarios bewirken künstlerische Eingriffe geistige, sensorische oder physische Veränderungen und Reaktionen. Der aus Rio de Janeiro stammende Künstler Daniel Toledo schuf seine Arbeit Cabeção interditado (Versperrter Kopf) im Jahre 2009. Dafür umwickelte Toledo die Büste des Ex-Präsidenten Getúlio Vargas auf dem Luís de Camões-Platz, in Rios Stadtteil Glória, mit schwarz-gelbem Absperrband. Dies löste eine Diskussion über die schon von Anwohnern heftig kritisierte Errichtung der Skulptur an diesem Ort, und ganz allgemein über Installationen im städtischen Raum aus. „Als ich das Gesicht verdeckte, fragten sich die Leute, was denn hier vor sich ginge. Die Kunst kann ein Mittel sein, um dem öffentlichen Raum eine neue Bedeutung zu geben und eine Reflexion über die Stadt anzuregen“, meint der Künstler.

Aktionen in der Stadt

„Versperrter Kopf; Copyright: Daniel Toledo“In Brasilien verstärkten sich die künstlerischen Eingriffe in den städtischen Raum in den 1970er Jahren, gewannen aber erst ab den 1990ern einen politischen Charakter. Überhaupt ist es schwierig, die Kunst im öffentlichen Raum von der Politik zu trennen. Man muss sich auch fragen, wie die öffentlichen Organe mit der Kunst in der Stadt umgehen, um über die Resonanz der von Künstlern realisierten Aktionen innerhalb dieses kollektiven Raumes nachzudenken.

Einige brasilianische Künstlerkollektive erweitern den Rahmen der Debatte über die Vereinnahmung des öffentlichen Raumes durch Kunst. OPAVIVARÁ! aus Rio und die Gruppe Poro aus Belo Horizonte agieren direkt in der Stadt und stellen so die Lebensweise der zeitgenössischen Metropolen in Frage. Im Jahre 2010 realisierte OPAVIVARÁ! auf Einladung des Viradão Cultural Carioca (ein jährlich stattfindendes Kulturfestival in Rio) die Arbeit Transporte Coletivo (Öffentliches Verkehrsmittel): Drei Verbände von je zehn aneinander montierten Fahrrad-Trikes wurden durch künstlerische Kraft bewegt. Acht Stunden lang folgten die 30 Trikes einer spontan ausgewählten Strecke rund um den Tiradentes-Platz, im Zentrum von Rio. „Opavivará: Dreirad am Abend; Copyright: Opavivará“Auf den Trikes nahmen Kritiker, Kuratoren, Obdachlose, Prostituierte und all jene Platz, die die Stadt einmal von einer ungewöhnlichen Perspektive aus sehen wollten. Einige Punkte, um die es dabei der Gruppe OPA ging, waren die Förderung des Austauschs zwischen den Menschen, eine Annäherung an den städtischen Raum, die anders ist als die alltägliche, und außerdem die Betonung der Wichtigkeit eines umweltfreundlichen Verkehrsmittels.

Eine Strategie, den städtischen Raum zu überdenken

Anlässlich des Kulturfestivals Viradão im Jahre 2009 präsentierte die Künstlergruppe auf demselben Platz die Arbeit Pulacerca (Zaunklettern), ein poetischer Eingriff, der sich auf die Umzäunung des Platzes bezog. Acht Stehleitern wurden über die Gitter gestellt, die den Tiradentes-Platz umgeben, um so den Menschen die Überquerung zu ermöglichen: eine vorübergehende Aufhebung der Grenze zwischen der Straße und dem Platz. Im August dieses Jahres konnte die Gruppe dann voller Genugtuung der Beseitigung des Zauns beiwohnen. Im Jahr 2012 wird OPAVIVARÁ! mit ihren Studien auf dem Tiradentes-Platz fortfahren und während eines einmonatigen Aufenthalts täglich Aktionen durchführen.

„Opavivará: Über den Zaun; Copyright: Opavivará“Das Projekt ist eine Zusammenarbeit mit Studio-X, einem globalen Netzwerk, geschaffen durch die Graduate School of Architecture, Planning and Preservation der Columbia University in den Vereinigten Staaten, um über die Zukunft der Städte nachzudenken. Nachdem sich das Netzwerk von Amman über Peking, Moskau, Mumbai und New York ausbreitete, erreichte es im März dieses Jahres Rio de Janeiro, wo es seinen Sitz auf dem Tiradentes-Platz eingenommen hat.

Der Architekt Pedro Rivera, Leiter des Studio-X in Rio, erläutert die Zusammenarbeit: „Die Kunst ist nur eine weitere Strategie, über den städtischen Raum nachzudenken. Sie ist wichtig für die Konstruktion neuer Betrachtungsweisen eines Ortes, die wiederum zu anderen Formen der Wertschätzung anregen“. Die Architektur macht sich die Kunst zu eigen, um die Bedingungen zu schaffen, die der Bevölkerung erlauben, einen anderen Blick auf diese Räume zu entwickeln.

Orte der Ablenkung

 „Bottons Verschwende Deine Zeit, Kollektiv Poro; Copyright: Poro“Die Künstlergruppe Poro aus Belo Horizonte ist seit 2002 in den Städten aktiv. Im Katalog der Gruppe, der dieses Jahr unter dem Titel Intervalo, respiro, pequenos deslocamentos (Pause, Atemzug, kleine Veränderungen) veröffentlicht wurde, findet sich eine ausgezeichnete Beschreibung ihrer Tätigkeit: „Wir wollen Orte des Zaubers, der Einkehr und der Ablenkung erschaffen. Wir wollen, dass das Subtile, das Vergängliche in kleinen Tröpfchen in der schnelllebigen Stadt sichtbar wird. (...) Uns interessieren die Beziehungen und möglichen Übertretungen zwischen den Eingriffen in den städtischen Raum und den Institutionen der Kunst“.

Die Arbeit Perca Tempo (Verliere Zeit) aus dem Jahr 2010 besteht darin, in dem Moment auf Straßenkreuzungen große Banner mit selbigem Titel zu entrollen, wenn die Ampel für die Autos rot zeigt. Als Teil der Aktion werden Flyer mit der Aufschrift „10 unglaubliche Wege, Zeit zu verlieren“ verteilt. Außerdem tragen alle Beteiligten einen Anstecker mit den Worten „Verliere Zeit. Frage mich wie“.

Freie Urheberschaft

„Schwebender Garten, Kollektiv Poro; Copyright: Poro“Ganz ähnlich ist die Arbeit Reduza a Velocidade (Runter vom Gas!), bei der T-Shirts mit dieser Aufschrift verteilt werden. Die Idee dahinter ist, dass auch andere Leute an der Aktion der Gruppe teilnehmen und deren Botschaften mit verbreiten. Sie praktizieren damit eine Art freier Urheberschaft, und obwohl sie sich als Autoren der Aktion sehen, finden sie Gefallen an dem Gedanken, dass andere Menschen sie nachmachen können. Ein weiterer künstlerischer Eingriff, den die Gruppe seit 2008 unternimmt, sind die Azulejos de papel. Die „Papierfliesen“ werden an Fassaden verfallener Häuser geklebt und so dem Zahn der Zeit ausgesetzt, der auch an den Wänden nagt, an denen sie kleben.

All diese Strategien weisen den Passanten darauf hin, seiner Stadt gegenüber aufmerksam zu sein, denn es kann gleich drüben an der Ecke eine Ausstellung geben. Und nach einer solchen Ausstellung ist es gut möglich, dass sich die Stadt verändert hat. Auch wenn es nur ein kleines bisschen ist.

Ana Hupe
ist Künstlerin mit einem Masterabschluss an der Universität von Rio de Janeiro (UERJ) und Journalismus-Absolventin an der Universität PUC-Rio. Sie gehört dem Künstlerkollektiv OPAVIVARÁ! an.

Übersetzung: Matthias Nitsch

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
November 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
feedback@saopaulo.goethe.org

    Umwelt in Deutschland

    Artikel und Links zu ausgewählten Themen

    Dossier: Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit

    Als Leitbild ist Nachhaltigkeit heute akzeptiert. Jetzt kommt es darauf an, dieses Leitbild in konkretem Handeln umzusetzen.

    goethe.de/klima

    Plattform für künstlerische und kulturwissenschaftliche Reflexionen von Kultur und Klimawandel sowie für Projekte weltweit