Lebensqualität im urbanen Raum

Nachhaltigkeit – vom Leitbild zur Umsetzung

Weltklimakonferenz auf Bali - Tänzer vor Globus; Copyright: picture-alliance/ dpa Nachhaltigkeit ist ein schillernder und oft beliebig verwendeter Begriff. Häufig wird „nachhaltig“ auch nur als Synonym für „dauerhaft“ verwendet. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Prinzip der Nachhaltigkeit?

Wurzeln der Nachhaltigkeit

Die Wurzeln der Nachhaltigkeit liegen in der Forstwirtschaft. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war der Silberbergbau das ökonomische Rückgrat Sachsens. Aufgrund eines akuten Mangels an Holz war der sächsische Silberbergbau jedoch in seiner Existenz bedroht. Der Grubenausbau, der Erzabbau sowie die mit Holzkohle betriebenen Öfen der Schmelzhütten verschlangen ganze Wälder.

Der zur damaligen Zeit für den sächsischen Silberabbau zuständige Oberberghauptmann von Carlowitz kritisierte das auf den kurzfristigen Gewinn ausgerichtete Denken seiner Zeit. Der schnelle Profit zerstöre den Wohlstand. Carlowitz forderte deshalb einen, wie er es nannte „pfleglichen“ Umgang mit Holz, der gewährleistet, dass immer nur soviel Holz abgetrieben wird, wie nachwächst.

Für dieses Konzept aus der Forstwirtschaft, demzufolge für die nachfolgenden Generationen stets ein ausreichender Holzbestand gesichert wird, hat sich heute der Begriff der „Nachhaltigkeit“ oder des „Sustainable Development“, der nachhaltigen Entwicklung eingebürgert. Wie damals ist auch heute die Nachhaltigkeitsidee ein Kind der Krise. Karriere machte der Begriff in den Siebzigerjahren, als erstmals, auch durch einen Bericht des Club of Rome, die globalen „Grenzen des Wachstums“ sichtbar wurden.

Definition der Nachhaltigkeit durch die Brundtland-Kommission

Weltweite Beachtung fand das Konzept der Nachhaltigkeit durch den Bericht der Kommission der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung „Unsere gemeinsame Zukunft“ im Jahr 1987, der sogenannten Brundtland-Kommission. Die unter Vorsitz der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland arbeitende Kommission entwickelte die heute allgemein akzeptierte Definition des Nachhaltigkeitsbegriffs. Nachhaltige Entwicklung ist demnach eine Entwicklung, „welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“. Es geht also im Kern um Generationengerechtigkeit. Nachhaltigkeit ist eine Forderung, unseren Kindern eine Erbschaft zu hinterlassen, die nicht wesentlich schlechter ist als das, was wir selbst vorgefunden haben. Anders ausgedrückt: wir sollen von den Zinsen leben, und nicht den Kapitalstock angreifen.

Chronik der Nachhaltigkeit; Cop: picture-alliance/ obs/Holzabsatzfonds

Rio-Konferenz und das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit

1992 fand in Rio de Janeiro die erste UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung statt. Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Frage nach dem Verhältnis von umwelt- und entwicklungspolitischen Zielstellungen. Auf dieser Konferenz, an der rund 10.000 Delegierte teilnahmen, wurden neben der Erklärung von Rio insbesondere die Agenda 21 beschlossen, ein Aktionsprogramm für eine weltweite nachhaltige Entwicklung, welches das Konzept der Nachhaltigkeit nun formal zum Leitprinzip der Politik machte. Es hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass globaler Umweltschutz nur dann möglich ist, wenn gleichzeitig auch wirtschaftliche und soziale Aspekte berücksichtigt werden.

Auf ihrem Kopenhagener Gipfel und mit dem Vertrag von Amsterdam von 1997 formulierte die EU drei Säulen der Nachhaltigkeit. Dieses als „Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit“ bezeichnete Prinzip besagt, dass Nachhaltigkeit nicht nur das Naturerbe umfasst, das wir an die nächste Generation weitergeben. Es bedeutet, dass auch die wirtschaftlichen Errungenschaften sowie die sozialen Institutionen unserer Gesellschaft, wie etwa die demokratische Willensbildung oder die friedliche Konfliktregelung, zur Nachhaltigkeit dazu gehören. Nachhaltige Entwicklung fußt damit auf einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Säule. Bricht eine der drei Säulen weg, fällt das Haus der Nachhaltigkeit in sich zusammen.

Das Verhältnis der drei Säulen der Nachhaltigkeit zueinander

Weltklimakonferenz auf Bali – Weltklimatag; Copyright: picture-alliance/ dpaOffen ist die Frage, wann eine positive nachhaltige Entwicklung vorliegt. Müssen dazu alle drei Bereiche der Nachhaltigkeit eine positive Entwicklung aufweisen, oder reicht es aus, wenn sich eine Säule positiv entwickelt? Strittig ist insbesondere, in welchem Verhältnis die drei Grundpfeiler der Nachhaltigkeit zueinander stehen. Ist es beispielsweise zulässig, dass sich die drei Bereiche der Nachhaltigkeit gegenseitig ersetzen? Könnte also ein hohes Wirtschaftswachstum eine Verschlechterung der Umweltqualität ausgleichen?

Lässt man eine Ausgleichsmöglichkeit zwischen den drei Säulen der Nachhaltigkeit zu, spricht man von „schwacher“ Nachhaltigkeit, im anderen Fall von „starker“ Nachhaltigkeit. Der wachsende Druck auf die Umwelt und die zunehmende Verknappung natürlichen Ressourcen führt allerdings zunehmend zu einem Nachhaltigkeitsverständnis, in dem die Umwelt nicht nur eine gleichberechtigte Säule, sondern auch das Fundament der Nachhaltigkeit ist. Nur wenn grundlegende ökologische Funktionen sicher gestellt sind, kann wirtschaftliche und soziale Entwicklung stattfinden.

Nachhaltigkeitsstrategien zur Verankerung des Nachhaltigkeitsprinzips in Politik und Gesellschaft

Im Jahr 2002, zehn Jahre nach der Rio-Konferenz, fand in Johannesburg der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung statt. Er sollte die Fortschritte bewerten, die seit Rio im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erzielt wurden. Die Bilanz war jedoch ernüchternd: in den meisten Staaten der Erde hatte sich die Situation für die Umwelt und die Bevölkerung sogar verschlechtert.

Man beschloss eine Agenda mit fünf Schwerpunkten: Bis 2015 soll der Anteil der Bevölkerung ohne Zugang zu grundlegenden sanitären Einrichtungen halbiert, negative Einwirkungen auf die Gesundheit der Menschen minimiert, der Rückgang der weltweiten Fischbestände gestoppt, der Verlust an Artenvielfalt aufgehalten und nationale Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt werden.

Die EU hat bereits im Jahr 2001 in Göteborg eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Sie sollte die Lissabon-Strategie, die auf die ökonomische Entwicklung der EU abzielt, ergänzen. Klimawandel und saubere Energie, öffentliche Gesundheit, demografische Entwicklung und Migration, die Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen sowie globale Armut und Entwicklung sind die Schwerpunkte der Strategie.

Inzwischen haben nahezu alle EU-Mitgliedstaaten eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie auf den Weg gebracht. Deutschland hat 2002 eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie gestartet. Auch einige Bundesländer, beispielsweise Schleswig-Holstein, Sachsen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, haben begonnen, das Prinzip der Nachhaltigkeit durch eine Nachhaltigkeitsinitiative stärker zu verankern.

Vielfach zeichnen sich Nachhaltigkeitsstrategien dadurch aus, dass sie gesellschaftliche Akteure, wie Verbände, Umweltorganisationen, Vereine und Kommunen, eng einbinden. Dahinter steckt die Grundüberlegung, dass sich eine nachhaltige Entwicklung nicht per Gesetz vorschreiben lässt, sondern dass alle Akteure einen Beitrag leisten müssen.

Blick in die Zukunft – Wohin muss die Reise gehen?

Umweltorganisationen fordern von Europäern auf Bali Standhaftigkeit; Copyright: picture-alliance/ dpaAls Leitbild ist Nachhaltigkeit heute akzeptiert. Jetzt kommt es darauf an, dieses Leitbild in konkretem Handeln umzusetzen. Viele Unternehmen gehen hier mit gutem Beispiel voran. Die Zahl der Unternehmen, die ein Umwelt- oder Nachhaltigkeitsmanagementsystem eingeführt haben, die einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen oder dem UN Global Compact für umwelt- und sozialverantwortliche Unternehmensführung beigetreten sind, wächst ständig. Die Global Reporting Initiative erarbeitet weltweit gültige Standards für die Berichterstattung von Unternehmen im Nachhaltigkeitsbereich. Obwohl nicht verbindlich, gelten die Kriterien heute als der Standard für Nachhaltigkeitsberichte. Auf ISO-Ebene wird derzeit eine Norm für betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement entwickelt.

Der private Sektor ist hier dem öffentlichen sicherlich einen Schritt voraus. Auch in der Politik, der Verwaltung und den Kommunen muss nachhaltige Entwicklung fest verankert werden. Dies kann damit beginnen, dass Umwelt- und Sozialkriterien für die öffentliche Beschaffung vorgegeben werden. Es kann vom kommunalen Energiemanagement bis hin zu Masterplänen für die Gestaltung des demografischen Wandels reichen. In letzter Konsequenz bedeutet Nachhaltigkeit aber auch, dass sich die öffentlichen Haushalte an den Kriterien der Nachhaltigkeit orientieren. Nachhaltigkeit muss zu einem festen und verbindlichen Bestandteil aller politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen werden. Nur so wird es gelingen, vom Leitbild zur Umsetzung zu kommen.

Literatur zum Thema

Meadows, Donella H. and Dennis L. Meadows, Jørgen Randers, William W. Behrens III: The Limits to growth: A report for the Club of Rome's Project on the Predicament of Mankind, 1972

Dr. Pascal Bader
ist Referent im Grundsatzreferat des Umweltministeriums Baden-Württemberg. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und Forschungsaufenthalt in Harvard betreut er heute die Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Baden-Württemberg. Er ist darüber hinaus zuständig für die Themen Wirtschaft und Umwelt, Corporate Social Responsibility sowie den produktbezogenen Umweltschutz.

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