Lebensqualität im urbanen Raum

Welt retten mit dem Einkaufswagen – das Lohas-Märchen

Bioladen, Copyright: www.pixelio.de/Foto: Peter von BechenDer ethische Konsum gilt als einfaches Mittel zur Weltrettung für jedermann. Doch was bringt er wirklich?

Im Bioladen bei mir ums Eck wurde der Pfandautomat entfernt, seitdem muss die Frau an der Backtheke auch noch die Flaschenrücknahme erledigen. Dafür steht jetzt an seiner Stelle ein großer Kühlschrank mit Bio-Energie-Drinks, im Sommer gab es dazu gratis Badelatschen aus aufgeschäumtem Kunststoff. In einer weiteren Kühltruhe liegen Plastiktüten mit verzehrfertig gezupftem Salat und Mini-Portionen gewürfelter Ananas in Plastikschalen. Auch sonst gibt es alles wie im gewöhnlichen Supermarkt, nur eben Bio: Tütensuppen, Tiefkühlpizza, Fischstäbchen, abgepackte Wurst, Erdbeeren aus Spanien im Februar, Spargel aus Peru im März, Ananas aus Costa Rica, Kartoffeln aus Ägypten.

So sieht „nachhaltiger Konsum“ heute aus. Dahinter steckt die Idee der sogenannten Konsumentendemokratie: Heißt, wenn möglichst viele Menschen ökologisch und ethisch korrekt einkaufen, dann stellen Unternehmen immer mehr „gute“ Dinge her. Sie tun das – aber ob das wirklich nachhaltig ist, und man ganz einfach beim Einkaufen gehen die Welt retten kann, ist eine andere Frage. Populär wurde die Idee des „ethischen Konsums“ in Deutschland mit den sogenannten Lohas. Dahinter verbirgt sich der „Lifestyle of Health and Sustainability”. „Genuss mit gutem Gewissen und ohne Verzicht“ lautet die Formel dieses neuen Trends. Danach ist es nicht der Bürger, der Veränderungen in der Politik herbeiführt, sondern der Konsument, der durch Nachfrage die Wirtschaft beeinflusst.

Auffrischung des Konsumgedankens

Biomarkt, Copyright: www.pixelio.de/Foto: Torsten BornNun ist die Idee des „mündigen Verbrauchers“ nicht neu. Umwelt- und Menschenrechtsbewegungen arbeiten seit Jahrzehnten darauf hin, dass jener Druck auf die Politik ausübt, die die Unternehmen per Gesetz zum umwelt- und sozialverträglichen Handeln zwingt. Doch bei näherer Betrachtung ist Lohas kein Update der Umweltbewegung, sondern eine Auffrischung des Konsumgedankens: Es geht nicht um politische Ziele, sondern um die pragmatische Versöhnung des individuellen Lebensstils mit Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit. Man kauft Erdbeeren im Winter, aber Bio, und Fischstäbchen aus bedrohtem Alaska-Seelachs, von deren Packung eine Spende an den Meeresschutz geht. Man fährt ein Auto von einem Konzern, der von Kindern Bäume pflanzen lässt, und isst Burger aus klimazerstörendem Rindfleisch nur noch in einem Fastfood-Restaurant mit Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach.

Eine gestiegene Nachfrage reicht nicht aus

Gerade der Bio-Boom gilt als Beleg für die „Konsumentendemokratie“. Doch er zeigt auch, was passiert, wenn man die Öko- der Marktidee unterwirft. Zwar ist die ökologische Landwirtschaft im besten Sinne das, was der inflationär gebrauchte Begriff „nachhaltig“ bedeutet. Sie schützt Boden, Wasser und Biodiversität, kommt ohne Pestizide und Gentechnik aus und steht für eine artgerechte Tierhaltung. Doch die ökologische Umgestaltung der Landwirtschaft muss politisch gewollt sein, eine gestiegene Nachfrage reicht nicht aus. Im Boom-Jahr 2007 wurden die Fördermittel für den Öko-Landbau gekürzt, die deutschen Bio-Bauern konnten den Markt nicht ausreichend bedienen, Bio-Ketten, Supermärkte und Discounter kauften im Ausland zu. Noch heute wird die Hälfte des Gemüses importiert. Weil der Lifestyle-Öko ganzjährig auf die ganze Angebotspalette besteht, stammt das Sommergemüse, das er im Winter will, aus heißen Ländern, wo auch der Bio-Anbau Wassermangel und Umweltschäden verursacht. Weil der neue Bio-Kunde nicht aufs Frühstücksei verzichtet, werden auch Bio-Hühner massenhaft gehalten und seine Fertigprodukte werden mit einem Energie-Aufwand hergestellt, der alles andere als Öko ist. Auf die deutsche Landwirtschaft hat der Boom wenig Einfluss: Die Öko-Anbaufläche stagniert bei 5,4 Prozent, der Bio-Anteil von 3,5 Prozent am Lebensmittelmarkt ist winzig.

Von Verzicht kann keine Rede sein

Siegel „Fairtrade“, Copyright: TransFairDenn trotz der Popularität des „nachhaltigen Konsums“ erreicht dieser keine Massen. Laut einer EU-Studie wissen 86 Prozent der Menschen in den wohlhabenden Ländern Europas, welche Rolle ihr Verhalten beim Umweltschutz spielt. Doch für fast drei Viertel kommt eine Änderung des Lebensstils nicht infrage. Laut der Studie Umweltbewusstsein in Deutschland glauben 84 Prozent der Befragten, dass sie durch richtiges Einkaufen zum Umweltschutz beitragen können. Aber 61 Prozent knüpfen daran die Bedingung, dass ihr Lebensstandard nicht beeinträchtigt wird. Entsprechend mager sieht es bei der Umsetzung aus: Nur drei Prozent der deutschen Haushalte nutzen Ökostrom. Der Anteil fair gehandelter Produkte ist mit ein bis zwei Prozent Marktanteil eine Nische – obwohl seit mehr als 40 Jahren bekannt ist, wofür der faire Handel steht. Und von Verzicht kann keine Rede sein: Der Fischverzehr steigt, obwohl die Ozeane fast leer gefischt sind, der Deutsche vertilgt im Schnitt 89 Kilo Fleisch pro Jahr, obwohl jüngste Zahlen belegen, dass die Haltung von Nutztieren für die Hälfte der klimaschädlichen Gase verantwortlich ist.

Gesetze sind erforderlich

Buchcover „Ende der Märchenstunde“, Copyright: Blessing VerlagDie viel gerühmte Konsumentendemokratie bedeutet Stillstand. Sie ändert die Wirtschaft nicht, im Gegenteil. Konzernen sind die neuen Ökos kein Dorn im Auge wie Umweltaktivisten, die mit Kampagnen am Image kratzen. Sie sorgen für mehr Profit. Und wenn es die kaufkräftigen Kunden wünschen, stellen ihnen die Konzerne gern Umweltschutz und Menschenrechte ins Supermarktregal. „Greenwashing“ heißt diese Form der Krisen-PR, mit der sich Unternehmen mittels Selbstdarstellung als „verantwortlich“ gesetzliche Auflagen vom Hals halten und sich aus der Schusslinie von Politik und Gesellschaft bringen. Auch das ist eine Folge des „nachhaltigen Konsums“. Aber nach wie vor lässt sich umso mehr verdienen, je billiger gekauft und hergestellt wird – nämlich da, wo man auf Menschenrechte und Umweltschutz keine Rücksicht nehmen muss. Ändern können diese Strukturen nur Gesetze, nicht das moralische Wohlgefühl westlicher Konsumenten. „Nachhaltiger Konsum“ ist ein Ablasshandel, unter dessem grünen Mäntelchen alles bleibt, wie es ist: Die Unternehmen behalten ihre verheerende Wirtschaftsweise, die Konsumenten ihren aufwendigen Lebensstil.

Kathrin Hartmann
ist Autorin des Buchs „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“ (Blessing-Verlag).

Foto „Bioladen“ © Peter von Bechen / PIXELIO
Foto „Biomarkt“ © Torsten Born / PIXELIO

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Dezember 2010

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