Lebensqualität im urbanen Raum

Digitale Medien und Nachhaltigkeit: der Fall Brasilien

Copyright: Gambiarra Metarec Laut einem UNO Bericht ist Brasilien Weltmeister unter den Schwellenländern in der Pro-Kopf-Erzeugung von Elektroschrott. Die lokale Industrie nimmt dieses Problem kaum zur Kenntnis. Einige Projekte bieten aber innovative Lösungen und Ergebnisse an.

Soviel elektronische Geräte derzeit auch gekauft werden, immer schneller landen sie wieder im Müll. Die Gefahren, welche die Entsorgung von Computern und Handys mit sich bringt, sind längst bekannt, und auch, dass die Herstellung dieser Geräte die Umwelt stark belastet. Laut der Föderation Brasilianischer Banken (Febraban), werden für die Produktion eines Desktop-PCs mit einem Durchschnittsgewicht von 24 kg, neben 1,5 Litern Wasser, auch etwa 1,8 Tonnen natürlicher Rohstoffe und das Zehnfache seines Gewichts an fossilen Brennstoffen (d.h. also an nicht erneuerbaren Energien) verbraucht. Zur Herstellung einer Speicherkarte werden 1,7 kg fossiler Brennstoffe benötigt, was dem 400-fachen seines Gewichtes entspricht.

Zudem bestehen die Bauteile der Computer aus extrem toxischen Metallen wie Blei, Quecksilber und Arsen, die Wasser und Böden verseuchen, wenn sie in die Umwelt gelangen. Dennoch kommen immer mehr elektronische Produkte auf den Markt. Der so genannte „Produktlebenszyklus“ wird dabei immer kürzer, was den Kauf ständig neuer Produkte antreibt und die Müllerzeugung erhöht.

Größte Erzeugung von Elektroschrott

Der Fall Brasiliens bestätigt nur die weltweite Tendenz. So ist das Land laut einem von der UNO im Februar 2010 veröffentlichten Bericht, Weltmeister unter den Schwellenländern in der Pro-Kopf-Erzeugung von Elektroschrott. Ungeachtet dessen nimmt die lokale Industrie dieses Problem wenn überhaupt kaum zur Kenntnis. Trotz aller Risiken und Auswirkungen, die dieser Müll auf die Umwelt hat, mangelt es in Brasilien noch immer an gesetzlichen Regelungen zur Behandlung und Entsorgung von Elektroschrott.

Zwar verabschiedete das Land erst kürzlich ein Gesetz zum staatlichen Umgang mit Abfällen (Política Nacional de Resíduos Sólidos), dennoch mangelt es an klaren Sanktionen und der Miteinbeziehung aller Beteiligten wie Konsumenten, Industrie und Handel. Es fehlen graduelle Zielsetzungen für die Reduktion von Abfällen seitens der Industrie, ein genauer Plan zum Abfallmanagement und eine Politik, die dem Markt Anreize für mehr Recycling vorgibt.

Zur Sicherung der Zukunft nachfolgender Generationen

Es geht nicht darum, elektronische Geräte oder Technologie an sich zu dämonisieren. Sie ermöglicht uns nun mal die Erweiterung von Wissen, die Aufweichung der Grenzen zwischen Vernunft und Fantasie, dem Natürlichen und dem Künstlichen, Kunst und Wissenschaft, Fachwissen und Alltagserfahrungen.

Obwohl allgemein bekannt ist, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit einen verantwortlichen Umgang in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Umwelt erfordert, darf nicht vergessen werden, dass elektronische Geräte letztendlich zu unserer menschlichen Realität gehören. Und in der gleichen Form, wie sich Nachhaltigkeit auf die Vergangenheit stützt, um die Gegenwart so zu bewerten, dass kommenden Generationen eine angemessene Zukunft ermöglicht wird, so sollten auch die Technologien als Teil der Gesamtgesellschaft betrachtet werden. Genau genommen sind sie ein Teil kultureller und wirtschaftlicher Prozesse im geschichtlichen Verlauf dieser Gesellschaft. In Brasilien existieren bereits einige Projekte, die diese Auffassung teilen und innovative Lösungen und Ergebnisse präsentieren.

Kollektiv geteiltes Wissen

Die Projektinitiative Elektroschrott (Lixo Eletrônico, www.lixoeletronico.org) geht von der Annahme aus, dass nicht jeder Abfall sofort recycelt, sondern im Hinblick auf eine neue Nutzung überdacht und wiedergewonnen werden sollte. Besonders erwähnenswert ist auch der Ansatz des Kollektivs MetaRecycling (MetaReciclagem, http://rede.metareciclagem.org/). Das MetaRec ist ein dezentrales Netzwerk, das auf kritische Art mit den neuen Technologien experimentiert, indem es die lokale Gemeinschaft in erzieherische und künstlerische Projekte einbindet.

Copyright: Metarec Diese Initiativen wollen eine kritische Masse, ein Basiswissen über den Umgang mit elektronischen Geräten erzeugen. Dabei gehen sie nach dem „Bottom-up-Prinzip“ vor, bei dem das kollektive Wissen zum Motor für Erfahrungen wird, die an alle weitergegeben werden. Es handelt sich dabei um eine Arbeit, die einen kontinuierlichen Selektions- und Kombinationsprozess durchläuft. Dinge ohne jegliche Bedeutung (leere Räume der unbewussten Nutzung, Müll und andere Abfälle, die sich in der Stadt anhäufen), bekämen einen Sinn und verwandelten sich in ein organisiertes System, das weder vorherbestimmt noch kontrolliert wird.  

Aus urbanem Chaos und Überflusskultur Sinn erzeugen

Tritt man mit diesen oder anderen lokalen Gruppen in Kontakt, lernt man auch die örtliche Kultur kennen, ohne aber in stereotype Denkweisen zu verfallen. Danach wird Technologie oft als etwas angesehen, was dem Brasilianischen fremd ist. So vermeidet man die strikte Zweiteilung, die traditionellem Wissen technologische Kultur gegenüberstellt. In den neuen Projekten der genannten Gruppen, aber auch bei vielen anderen im Entstehen begriffenen Kollektiven im Land, gibt es eine gemeinsame Schnittstelle: Die Idee, ausgehend von dem scheinbaren urbanen Chaos und der Kultur des Überflusses, die so typisch für brasilianische Städte ist, wieder Bedeutung herzustellen und Sinn zu erzeugen.

Die Menge an kombinierten Materialien, die verschiedenen Alltagsbezüge und die für die lokale Kunst und Kultur typischen Elemente verleihen diesen Arbeiten eine Aktualität, die sie global gültig macht. Sie überwinden die Vorstellung des gesellschaftlichen Werteverfalls und der negativen Ansicht, wonach Technologie mit einer Entfremdung der Kultur einhergeht. Sucht man auch im sozialen Bereich den Dialog und bietet Raum für individuelle Visionen, die gemeinsam entworfen werden – sei es durch die Interaktion mit dem Nutzer, oder aber indem man die brodelnde brasilianische Kultur fördert –, so können diese Arbeiten neue Wege aufzeigen, ohne mit den Traditionen und Entwicklungen lateinamerikanischer Mestizität zu brechen.

Raquel Rennó
lehrt an der Bundesuniversität von Juiz de Fora (UFJF) und ist Mitglied des Kulturverbandes ZZZINC (www.zzzinc.net). Seit 2005 wirkt sie an Projekten mit, die Kunst, Naturwissenschaften, Technologie und Stadtplanung miteinander verbinden.

Übersetzung: Sarah Mischke

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

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