Lebensqualität im urbanen Raum

Bioprodukte in Brasilien: Der Wandel vollzieht sich langsam

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Wissenschaftler und Erzeuger sind sich einig: Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich die Einstellung gegenüber Bioprodukten in Brasilien ändert. Auswirkungen auf die Umwelt spielen im Allgemeinen nach wie vor eine untergeordnete Rolle.

Fast 20 Jahre nach dem Aufschwung der ökologischen Landwirtschaft in Brasilien, der ab Mitte der 1990er Jahre als Anstieg des Angebots und der nationalen Nachfrage zu spüren war, bevorzugen Verbraucher Bio-Produkte weiterhin hauptsächlich, weil sie sich gesund und frei von Pflanzenschutzmitteln ernähren wollen. Hingegen halten es Wissenschaftler wie der Agraringenieur Richard Dulley für wichtig, sich bewusst zu werden, dass der Nutzen biologischer Produkte über das individuelle Wohlbefinden weit hinausgeht. Seiner Meinung nach sollten der Verbraucher, die Regierungen und die Erzeuger zudem den Nutzen der ökologischen Landwirtschaft für die Umwelt begreifen und wertschätzen.

„Auch wenn sie sich der positiven Wirkung ihrer Handlung auf die Umwelt nicht bewusst sind, erwerben die Verbraucher beim Kauf von Bio-Lebensmitteln tatsächlich zwei Produkte in einem: das eigentliche Nahrungsmittel und den Mehrwert für die Umwelt, nämlich deren Schutz und Regeneration”, sagt Dulley, der 20 Jahre lang am Institut für Agrarwirtschaft des Landwirtschaftsministeriums des Bundesstaates São Paulo tätig war.

Die Natur als Verbündete

Richard Dulley; © Privates ArchivDulley weist darauf hin, dass jeder landwirtschaftliche Produktionsprozess zwingend in die Natur eingreift. Dabei liegt der vorherrschenden traditionellen Landwirtschaft der Gedanke zugrunde, die Natur müsse bezwungen werden. „Diese Form der Landwirtschaft wird von Landwirten betrieben, die schnell produzieren und daher die natürlichen Abläufe bei der Entwicklung von Pflanzen und Tieren beschleunigen wollen. Dabei sind sie sich sicher, dass ihr Handeln keine Folgen für die Umwelt hat”, sagt er. Die ökologische Landwirtschaft dagegen sieht seiner Ansicht nach die Natur als Verbündete und baut auf deren Beobachtung auf. Der Natur wird so viel Zeit gegeben, wie sie benötigt; die Beschaffenheit des Bodens, des Wassers und des Klimas sowie das Verhältnis aller Umweltbestandteile untereinander werden berücksichtigt.

Dass in der Umgebung der Gemeinde Guarulhos im Großraum São Paulo günstige Bedingungen für ökologische Landwirtschaft herrschen, ist schwer vorstellbar. Diese Gegend, in der der internationale Flughafen von Guarulhos liegt und durch welche die Via Dutra, eine der meist befahrenen und verschmutzten Straßen des Landes, führt, ist hoch industrialisiert und weist massive Umweltzerstörung auf. Dies liegt auch an dem unkontrollierten städtischen Wachstum, was sich auch an den übelriechenden Bächen am Stadtrand bemerkbar macht.

Und doch sieht die Umgebung, in der Julio Oliveira, etwa 30 Kilometer außerhalb der Stadt in dem von seinem Vater geerbten Betrieb lebt und arbeitet, ganz anders aus. Gleich am Eingang seines Hofs Urso Guloso zeigt Oliveira die Artenvielfalt, die er in Mischkultur anbaut. „Hier gibt es Cayote, Jabuticaba, Kaffee, Bananen, Maulbeeren, Mandarinen, Acerola, Pflaumen, Inga, Kürbis, dicke Bohnen ... “. Laut Oliveira ziehen „viele dieser Pflanzen Vögel und Insekten an. Es gibt Vögel, die mögen Maulbeeren, andere lieber Inga“, sagt er. Trotz der großen Vielfalt verraten die vielen Bienen zwischen all den Bäumen, dass das Aushängeschild seiner ökologischen Produktion der Wildhonig ist, der einmal im Jahr gewonnen wird.

Familientradition

 Júlio Oliveira; © Tânia CaliariFür Oliveira ist der ökologische Anbau die Berufung seines Betriebs. Schon sein Vater, der den Hof 1935 kaufte, hat dort niemals industriell hergestellte chemische Produkte eingesetzt. Schon immer waren es hauptsächlich die Rotation der angebauten Pflanzenarten und Mischkulturen, die eingesetzt wurden, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhalten und den Schädlings- und Krankheitsbefall zu bekämpfen. Oliveira, der den Betrieb vor 25 Jahren übernahm, hat diese Praxis beibehalten und zudem zur Verbesserung des Bodens und der Pflanzen auf natürliche Mittel wie Phosphorpulver, Reiskleie, Rizinuskuchen, Knochenmehl sowie Rinder- und Pferdemist umgestellt. „Ein weiterer wichtiger Faktor für meinen Betrieb ist der Direktverkauf an den Verbraucher“, erklärt Oliveira, der seine ökologischen Produkte jeden Dienstag, Samstag und Sonntag auf dem Biomarkt im Park Água Branca in São Paulo anbietet. Dieser Markt, den es bereits seit 20 Jahren gibt, war einer der Ersten in Brasilien, auf dem es ökologische Produkte zu kaufen gab.

„Ein Fisch auf dem Trockenen“

Biobetrieb Jatobá; © Luciano GambariniEin weiterer landwirtschaftlicher Betrieb, der seine Produkte an den Markt liefert, ist der Hof Jatobá, ein Familienunternehmen aus der Gemeinde Inconfidentes in Minas Gerais. Der Hof wird von Luciano Gambarini geleitet, der seit 1986 ökologische Landwirtschaft betreibt und sich, trotz seines Erfolgs, als ein „Fisch auf dem Trockenen“ beschreibt, denn in seiner Gegend wird hauptsächlich auf konventionelle Landwirtschaft, vor allem auf Kaffeeanbau, gesetzt.

„Die Landwirtschaft hier bietet ein sehr einseitiges Szenario. Ein vielfältigeres Produktangebot wäre dringend notwendig, doch scheinen viele Landwirte stehen geblieben zu sein“, sagt Gambarini, der seinen Hof nicht für eine ökologische „Oase“ hält, denn seiner Meinung nach kann man angesichts der Ausmaße des ökologischen Ungleichgewichts nicht „wie unter einer Glasglocke“ leben. „Die Zerstörung hat nationale Ausmaße. Die konventionelle Landwirtschaft schafft durch Brandrodung, übertriebene Mechanisierung und fehlende Produktion von Biomasse eine katastrophale Situation für die Umwelt“, analysiert er.

Luciano Gamberini; © Tânia Caliari„Nach fast 20 Jahren ökologischer Bewirtschaftung hat sich der Betrieb enorm und sichtbar verändert. Wir haben hier bereits wieder viele Bäume; Vögel und andere Tiere kehren zurück. Die Quellen trocknen nicht mehr aus. Unsere Produktivität liegt weit über dem Durchschnitt. Die Leute finden toll, was wir hier machen, aber ich habe immer noch nicht herausgefunden, was sie daran hindert, ihre Einstellung zu ändern“, sagt Gambarini, der jedoch weiß, dass der Umstieg vom konventionellen auf den ökologischen Anbau weder automatisch geschieht noch einfach ist.

Die Einstellung muss sich ändern

Der Wissenschaftler Dulley erinnert sich noch daran, dass während seiner Vorträge zu Bio-Produkten in den 1980er Jahren die Wirtschaftlichkeit des ökologischen Anbaus Hauptdiskussionspunkt war. Und bis heute ist dies für ihn keine unwichtige Frage, da die Bio-Lebensmittel den Verbraucher bis heute mehr kosten als konventionelle Produkte. Dulley schlägt jedoch vor, auch die Wirtschaftlichkeit der traditionellen Landwirtschaft infrage zu stellen, die weitreichende Auswirkungen auf die Umwelt hat und deren Betreiber komplett von den Produktionsmitteln abhängig sind, die die großen internationalen Unternehmen der Agroindustrie herstellen.

„Auch handelt es sich um einen Trugschluss, wenn konventionell angebaute Produkte allgemein als günstig wahrgenommen werden, weil der Verbraucher beim Kauf weniger bezahlt. Auf den ersten Blick mögen die Preise niedrig erscheinen, doch die Folgen der durch den Produktionsprozess hervorgerufenen massiven Umweltzerstörung führen zu indirekten Kosten, die am Ende von der gesamten Gesellschaft getragen werden müssen“, erklärt er.

Zu diesen indirekten Kosten gehören laut Dulley zum Beispiel die für die Wasseraufbereitung benötigten öffentlichen Mittel, die besonders hoch ausfallen, sobald spezielle Prozesse notwendig werden, um agrochemische Rückstände zu beseitigen. Dazu kommen dann unter anderem noch die wachsende Verknappung von gesunden Böden, die durch Verseuchung und Unfruchtbarkeit hervorgerufen wird, und die steigenden Kosten im Gesundheitssystem als Folge der durch Pflanzenschutzmittel hervorgerufenen Vergiftungen und Krankheiten. „In der ökologischen Landwirtschaft hat die Notwendigkeit der Erhaltung der Arten, der Wasserqualität und die Wiederherstellung des mikrobiologischen Gleichgewichts des Bodens und seiner Struktur in vielen Fällen Vorrang vor wirtschaftlichen Gesichtspunkten", fasst der Fachmann zusammen.

Tânia Caliari
ist Journalistin. Sie lebt und arbeitet in São Paulo.

Übersetzung: Cornelia Blome

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
November 2011

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