Löhr, Robert

Der Schachautomat

Am Ende des Spieles gab es ein Remis und zwei Verlierer – oder vielmehr zwei Gewinner, denn der Applaus für János Baron Andrássy und Wolfgang von Kempelens Schachtürken war ohrenbetäubend. Auch jene, die mit den Regeln des Spieles nicht vertraut waren, hatten instinktiv verstanden, welche Züge schlecht und welche gut waren für ihren Favoriten, und der ganze Saal hatte applaudiert, wenn Andrássy eine weiße Figur vom Feld nahm, und aufgestöhnt, wenn der Türke Rache nahm. Einige Damen verließen während des Spieles gar den Saal, um ihre Nerven zu schonen, andere wichen auf den offenen Balkon aus. Und was für eine blutige Partie es gewesen war! Jeden zweiten Zug fiel auf einer der Seiten eine Figur. Und wie Andrássy dem Türken auch optisch die Stirn geboten hatte! Obwohl er an einem separaten Tisch saß, schaute der Husar, sobald er gezogen hatte, dem Androiden in die falschen Augen, und immer umspielte ein Lächeln seine Lippen unter dem schwarzen Schnurrbart, ein Lächeln, das entweder Überlegenheit oder aber Anerkennung ausdrückte.
»Österreich gegen den Türken«, murmelte Nádasdy-Fogáras, an niemand Bestimmten gewandt, »der Kaiser gegen den Sultan, das ist ein zweites Mohács.«
Der Applaus dauerte noch an, als sich Andrássy erhob und an den Tisch des Türken trat. Noch bevor Kempelen ihn daran hindern konnte, packte er die verletzliche linke Hand des Androiden und schüttelte sie mit beiden Händen. »Wir sehen uns wieder, mein guter Freund«, sagte er. »Dies soll nicht das letzte Duell zwischen uns beiden gewesen sein.«
Fürst Grassalkovich dankte derweil Kempelen für diese sensationelle Vorführung und dafür, dass er die Walzen seines Automaten so eingestellt hatte, dass er nur ein Remis gespielt und Andrássy nicht besiegt hatte.
Dann richtete der Fürst das Wort an seine Gäste. »Mesdames et Messieurs, Herzog Albert, Herzogin Christine, meine lieben Gäste! Es scheint ganz, als hätte uns dieser Abend zwei weitere Sterne am Firmament beschert: Baron Andrássy, dem es gelungen ist, der unbesiegbaren Schachmaschine ein mehr als ruhmvolles Remis abzutrotzen und uns derweil für eine ganze Stunde in den Bann seines mutigen Spiels zu ziehen.« Andrássy nahm den Beifall mit erhobener Hand entgegen. »Und natürlich den Mann, der überhaupt möglich gemacht hat, dass uns eine Ansammlung von Rädern und Walzen den Schweiß auf die Stirn treibt und in Frage stellt, ob wir tatsächlich die Krone der Schöpfung sind oder ob nicht vielmehr die Automaten uns diesen Titel streitig machen: Wolfgang Ritter von Kempelen, der kunstfertigste Mechaniker unseres Reiches, ach, was sage ich, der Welt! Er kann beruhigt sein, was die Unsterblichkeit seines Namens betrifft!«
Andrássy krönte seinen Applaus mit einem laut geschmetterten »Vivat!«.
»Und ich darf hinzufügen«, fuhr Grassalkovich fort, als der Applaus verhallt war, »ein bis dato mustergültiger Beamter meiner Ungarischen Kammer. Wie hätte ich wissen können, dass Ihr zu Höherem bestimmt seid, wenn Ihr mir nie davon erzählt habt?«
»Vergebung, mein Fürst«, erwiderte Kempelen lächelnd und deutete eine Verbeugung an.
Fürst Grassalkovich tat das Gesuch mit einer Geste ab. »Euch sei vergeben, mein guter Kempelen, wenn Ihr mir versprecht, dass Ihr uns auch weiter mit derlei fähigen Maschinen versorgt. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass diese Maschine nur die erste von vielen ist. Leibniz gab uns die rechnende, Kempelen die denkende Maschine! Viel zu wenige haben meiner Meinung nach begriffen, was das für die Welt bedeutet: Das Schachspiel ist doch nur ein Übungsfeld! Malen wir uns nur aus, welch mannigfaltige Möglichkeiten es noch gibt, denkende Maschinen einzusetzen: in der Verwaltung… in den Finanzen... in den Manufakturen; ja, warum nicht auch auf dem Acker oder gar im Krieg? Ich sage: Baut uns Hunderte mechanischer Soldaten, Ritter von Kempelen, und schickt sie anstelle unserer Söhne ins Gefecht, denn sie brauchen keinen Schlaf und keinen Proviant, sie kennen keine Furcht, sie machen keine Fehler, und sie bluten nur Öl! Lasst uns ein automatisches Heer fabrizieren, und damit treiben wir den Fritz wieder aus Schlesien heraus und den Türken ein und für allemal zurück über den Bosporus!« Hier drehte sich Grassalkovich zum Schachtürken und fügte zur allgemeinen Erheiterung hinzu: »Du darfst natürlich bleiben.«

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