Mercier, Pascal

Lea

»ICH KANN AUF DEN TAG, ja die Stunde genau sagen, wann alles begann. Es war an einem Dienstag vor achtzehn Jahren, dem einzigen Wochentag, an dem Lea auch nachmittags Schule hatte. Ein Tag im Mai, tiefblau, überall blühende Bäume und Sträucher. Lea kam aus der Schule, neben sich Caroline, ihre Freundin seit den ersten Schultagen. Es tat weh zu sehen, wie traurig und erstarrt Lea neben der hüpfenden Caroline die wenigen Stufen zum Schulhof hinunterging. Es war der gleiche schleppende Gang wie vor einem Jahr, als wir zusammen aus der Klinik gekommen waren, in der Cecile den Kampf gegen die Leukämie verloren hatte. An diesem Tag, beim Abschied vom stillen Gesicht der Mutter, hatte Lea nicht mehr geweint. Die Tränen waren aufgebraucht. In den letzten Wochen vorher hatte sie immer weniger gesprochen, und mit jedem Tag, so schien es mir, waren ihre Bewegungen langsamer und eckiger geworden. Nichts hatte diese Erstarrung zu lösen vermocht: nichts, was ich mit ihr zusammen unternommen hatte; keines von den vielen Geschenken, die ich gekauft hatte, wenn mir schien, ich könne ihr einen Wunsch vom Gesicht ablesen; keiner meiner verkrampften Scherze, die ich der eigenen Erstarrung abtrotzte; auch nicht der Schuleintritt mit all den neuen Eindrücken; und ebensowenig die Mühe, die sich Caroline vom ersten Tag an gegeben hatte, sie zum Lachen zu bringen.
>Adieu<, sagte Caroline am Tor zu Lea und legte ihr den Arm um die Schulter. Für ein achtjähriges Mädchen war das eine ungewöhnliche Geste: als sei es die erwachsene Schwester, die der jüngeren Schutz und Trost mit auf den Weg gab. Lea hielt den Blick wie immer zu Boden gesenkt und erwiderte nichts. Wortlos legte sie ihre Hand in die meine und ging neben mir her, als wate sie durch Blei. Wir waren eben am Hotel SCHWEIZERHOF vorbeigegangen und näherten uns der Rolltreppe, die in die Bahnhofshalle hinunterführt, als Lea mitten im Strom der Leute stehenblieb. Ich war in Gedanken bereits bei der schwierigen Sitzung, die ich bald zu leiten hatte, und zog ungeduldig an ihrer Hand. Da entwand sie sich mit einer plötzlichen Bewegung, blieb noch einige Augenblicke mit gesenktem Kopf stehen und lief dann in Richtung Rolltreppe. Noch heute sehe ich sie laufen, es war ein Slalomlauf durch die eilige Menge, der breite Schultornister auf ihrem schmalen Rücken verfing sich mehr als einmal in fremden Kleidern. Als ich sie einholte, stand sie mit vorgerecktem Hals oben an der Rolltreppe, unbekümmert um die Leute, denen sie im Weg stand. >Ecoute!< sagte sie, als ich zu ihr trat. Sie sagte es in dem gleichen Tonfall wie Cecile, die diese Aufforderung auch stets auf französisch geäußert hatte, selbst wenn wir sonst deutsch sprachen. Für jemanden wie mich, dessen Kehle nicht für die hellen französischen Laute gemacht ist, hatte das spitze Wort einen befehlshaberischen, diktatorischen Klang, der mich einschüchterte, selbst wenn es um etwas Harmloses ging. Und so zügelte ich meine Ungeduld und horchte gehorsam in die Bahnhofshalle hinunter. Nun hörte auch ich, was Lea vorhin hatte innehalten lassen: die Klänge einer Geige. Zögernd ließ ich mich von ihr auf die Rolltreppe ziehen, und nun glitten wir, eigentlich gegen meinen Willen, in die Halle des Berner Bahnhofs hinunter. Wie oft habe ich mich gefragt, was aus meiner Tochter geworden wäre, wenn wir es nicht getan hätten! Wenn uns kein Zufall diese Klänge zugespielt hätte. Wenn ich meiner Ungeduld und Anspannung der bevorstehenden Sitzung wegen nachgegeben und Lea mit mir fortgezogen hätte. Wäre sie der Faszination durch den Geigenklang bei anderer Gelegenheit, in anderer Gestalt erlegen? Was sonst hätte sie eines Tages aus ihrer lähmenden Trauer erlöst? Wäre ihr Talent auch so ans Licht gekommen? Oder wäre sie ein ganz gewöhnliches Schulmädchen mit einem ganz gewöhnlichen Berufswunsch geworden? Und ich? Wo stünde ich heute, wenn ich mich nicht der ungeheuren Herausforderung durch Leas Begabung gegenübergesehen hätte, der ich in keiner Weise gewachsen war? Ich war, als wir an jenem Nachmittag den Fuß auf die Rolltreppe setzten, ein vierzigjähriger Biokybernetiker, das jüngste Mitglied der Fakultät und ein aufsteigender Stern am Himmel dieser neuen Disziplin, wie die Leute sagten. Ceciles Agonie und ihr früher Tod hatten mich erschüttert, mehr, als ich wahrhaben wollte. Aber ich hatte der Erschütterung äußerlich gesehen standgehalten und es durch akribische Pla nung geschafft, den Beruf mit meiner Rolle als Vater, der nun allein verantwortlich war, zu verbinden. Nachts, wenn ich am Rechner saß, hörte ich aus dem Nebenzimmer, wie Lea sich hin und her wälzte, und ich bin selbst kein einziges Mal schlafen gegangen, bevor sie zur Ruhe gekommen war, gleich gültig, wie spät es wurde. Die Müdigkeit, die anwuchs wie ein schleichendes Gift, bekämpfte ich mit Kaffee, und manchmal war ich kurz davor, wieder mit dem Rauchen anzufangen. Aber Lea sollte nicht mit einem süchtigen Vater in einer verrauchten Wohnung aufwachsen.« Van Vliet holte die Zigaretten aus der Jacke und steckte sich eine an. Wie heute morgen im Cafe schirmte er die Flamme mit seiner großen Hand gegen den Wind ab. Jetzt, aus größerer Nähe, sah ich das Nikotin an den Fingern.
»Alles in allem hatte ich die Situation unter Kontrolle, wie mir schien; nur die Ringe unter den Augen wurden größer und dunkler. Es hätte, denke ich, alles gut werden können, wenn wir beide damals nicht die Rolltreppe betreten hätten. Aber Lea war mit dem einen Fuß bereits auf dem gleitenden Metall, und sie hatte doch solche Angst vor Rolltreppen, sie hatte diese Angst von Cecile übernommen, so vieles war von der vergötterten Mutter in sie eingedrungen wie durch Osmose. Die Musik war in jenem Moment stärker als die Angst, deshalb hatte sie den ersten Schritt getan, und nun konnte ich sie unmöglich allein lassen und strich ihr beruhigend übers Haar, bis wir unten angekommen waren und in die Menge von atemlos lauschenden Menschen eintauchten, die der Geigerin verzaubert zuhörten.« Van Vliet warf die halb gerauchte Zigarette in den Sand und verbarg das Gesicht in den Händen. Er stand neben seiner kleinen Tochter im Bahnhof. Es gab mir einen Stich. Ich dachte an meinen Besuch bei Leslie in Avignon. Was Lea für Martijn van Vliet gewesen war, war Leslie für mich nie gewesen. Es war nüchterner zugegangen zwischen uns. Nicht lieblos, aber spröder. War es, weil ich in den Jahren nach ihrer Geburt fast nur gearbeitet hatte und aus der Bostoner Klinik oft tagelang nicht herausgekommen war? So stellte es Joanne dar. As a father you're a failure. Wir hatten kein einziges Mal richtig Urlaub gemacht; wenn ich verreiste, dann zu Kongressen, auf denen neue Operationstechniken vorgestellt wurden. Leslie war neun, als wir in die Schweiz zurückkamen, sie sprach ein Melange aus Joannes Amerikanisch und meinem Berndeutsch, die Spannungen zwischen den Eltern machten sie verschlossen, sie suchte sich Freunde, die wir nicht kannten, und als Joanne für immer nach Amerika zurückging, kam sie in ein Internat, ein gutes, aber ein Internat. Sie war nicht unglücklich, glaube ich, aber sie entglitt mir noch mehr, und wenn ich sie sah, war es mehr wie die Begegnung zwischen zwei guten Bekannten als zwischen Vater und Tochter. Van Vliets Geschichte würde die Geschichte eines Unglücks sein, das war klar; aber dieses Unglück war aus einem Glück herausgewachsen, wie ich es nicht gekannt hatte, warum auch immer.

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