Trojanow, Ilija

EisTau

III.
S 53°22'5" W 61°02'2''



Eis zu erklären, das war es, was mich von Anfang an für diese Aufgabe eingenommen hat, die mir aus zugezoge-nem Himmel ins Haus flatterte. Kollege Hölbl stand da, maskiert als Bote, der eine freudige Nachricht zu über-bringen hat, er klappte seinen Regenschirm zu und erkundigte sich, ob er im Entree die Schuhe ausziehen solle. Ich weiß nicht mehr, ob er »Ich habe einen Anschlag auf dich vor« oder »Kannst du mir einen Gefallen tun?« sagte, ob er mich angrinste oder prüfend beäugte, im Institut gärten die Gerüchte, ich würde verwahrlosen, so ohne Arbeit ohne Ehe ohne irgend etwas, in das ich mich hineinsteigern könne, ich sei so leicht auf die Palme zu bringen, ist euch aufgefallen, er nimmt keine Einladung mehr an, obwohl, gesellig ist er ja nie gewesen (Wörter, die mit »Gesell« beginnen, waren mir schon alleweil suspekt, »Gesellschaft« - eine Fata Mor-gana, »gesellig« - ein Leichenbaumeln, »Geselle« - ein Sklave der eigenen Nützlichkeit), der mutiert gänzlich zum Klausner, den derbröselt's bald, so wurde geunkt, laut Hölbl, doch trotz seines sarkastisch beschwingten Berichts war unüberhörbar, daß auch er sich Sorgen um mich machte, mit ehrlichen Sorgenfalten, das berührte mich und erboste mich zugleich, bei den Unzähligen, die sich für letscherten Lohn in der Tretmühle aufreiben, die Blasen an den Fingern kriegen und Krätze im Gehirn, vermuten die Hölbls dieser Welt niemals geistigen Verfall. Von seiner Warte aus war ich krank, weil ich das Eis entbehrte. Gewieft, wie er war, kam er mir an diesem regnerischen Herbsttag nicht therapeutisch, vielmehr beschwor er mich, ihm aus der Bredouille zu helfen, er stehe zweifach im Wort, er habe eines zugesagt, ohne das andere abzusagen, die übliche Polygamistenfalle (Hölbl bemühte sich nach Kräften, mich aufzuheitern), er lockte mich mit allen Mitteln, er tischte mir die Liebeleien an Bord so verheißungsvoll auf, als wäre ich soeben aus einem Klosterinternat entlassen worden, eine Gespielin fange man sich da so leicht ein wie eine Erkältung, und ich könne die Sache sorglos genießen, denn das Amouröse laufe niemals Land an, Erholung sei garantiert, es befänden sich keine Studenten an Bord (Hölbl schlug sich bei seinem humorigen Bemühen etwas unter Wert), einige Vorträge, einige Ausflüge zu den Pinguinkolonien, damit sei der Dienst schon umrissen, alles in allem lukrativer Müßiggang, busy working holiday, so nenne man es an Bord, die Lingua nautica schnappst du im Nu auf, die Materie kannst du im Schlaf, Englisch aus dem Effeff, ich muß mal austreten, schau du dir derweil die Bildchen an, die ich dir mitge-bracht habe. Der Geizkragen hatte Billigabzüge machen lassen, die Formen waren vertraut, die Farben artifiziell, ich breitete die Fotos auf dem Couchtisch aus, nebeneinander, übereinander, bis von der Holzumrandung nichts mehr zu sehen war. Wohin ich blickte - eisglättender Schnee, im Sonnenlicht glänzende Rillen und Rippen, kristalline Wogen - Vertrautes, und doch blickte ich auf eine unbekannte Welt, wo Gletscher nicht ins
Tal, sondern ins Meer kalben, die Fotos fügten sich zu einem aus der Zeit gedrechselten Segen, ich wischte mir die Hände an der Hose ab, jedes Wort, das mir das antarktische Wasser zuflüsterte, war ein gefrorenes, ich berührte zaghaft einen Eisberg und hinterließ einen Fingerabdruck, nicht ohne, oder?, Hölbl stand neben mir, grinste fast anzüglich, gar nicht so ohne, oder?, schlug mit seiner Rechten auf die Sessellehne, sein Lachen explodierte wie ein Knallkörper. Es gibt Augenblicke, in denen man nolens volens mitlachen muß, will man die gemeinsame Sprache nicht verlieren. Wochen später stand ich auf etwas wackligen Beinen im Auditorium eines Kreuzfahrtschiffes und staunte, wie viele zu meinem ersten Vortrag erschienen waren (zunächst auf englisch um 9:30, dann um 11:00 auf deutsch), mehr Zuhörer als je bei einer meiner Vorlesungen, was mir an jugendlichem Publikum abhanden gekommen war, wurde durch eine Überdosis Senioren wettgemacht. Diese Passagiere fühlen sich verpflichtet, die Antarktis zu erwissen, sie besteigen das Schiff mit geringen Kenntnissen, es gelüstet sie nach mehr Information, das kommt mir gelegen, erlaubt es mir doch, ihrer Sicht auf das Unbekannte meinen Stempel aufzudrücken. Auf dieser Reise, die keiner anderen Reise gleicht, versen-ken sie sich in weiterbildende Publikationen, anstatt wie anderenorts Kriminaletten zu verschlingen, zur Ent-spannung greifen sie mit Vorliebe zu »Die schlimmste Reise der Welt«, von Angesicht zu Angesicht mit dem Ewigen Eis verspüren selbst Zivilisationsautisten einen gewissen Mangel im Eigenen. Ich höre mich reden und wundere mich über meinen plaudernden Ton, als Afrika gegen Europa prallte, rutschte Antarktika in den tiefsten Süden und vereiste - die Alpen bildeten dabei die
Knautschzone. Antarktis bedeutet »Gegen-Arktis«, so benannt von Aristoteles, weil es aus Gründen der Harmonie eines Pendants im Süden bedurfte und der Mensch zunächst nur das Eis des Nordens entdeckt hatte. Ein Schelm, der behauptet, er habe niemals Arktis und Antarktis verwechselt, eine Eselsbrücke sei Ihnen ans Herz gelegt, eine Pinguin- und Bärenbrücke, um es zoologisch stimmiger zu machen, denn Pinguine finden sich, wie wir alle wissen, nur in der Antarktis und Eisbären allein in der Arktis, und das hat seinen guten Grund, denn »Arktis« stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet »zum Großen Bären gehörend«. Wenn Sie sich das merken, werden Ihnen Norden und Süden nie mehr durcheinandergeraten, im Gegensatz zu all Ihren Freunden daheim, die Sie als erstes fragen werden, wie es denn so in der Arktis gewesen sei. Sollten die Eisbären allerdings aussterben, träfe der Name »Arktis« nicht mehr zu, wir brauchten einen anderen Namen, ich nehme Vorschläge gerne entgegen, heute und an jedem weiteren Tag unserer Reise. Keine Sorge, selbst wenn es die Arktis nicht mehr geben sollte (und das werden Sie alle, die Sie hier sitzen, noch erleben, wenn Sie weiterhin brav Ihre Betablocker und Ihr Marcumar einnehmen - das sage ich nicht laut, das bleibt meiner inneren Stimme vorbehalten), die Antarktis wird für alle huma-noide Zeit Antipode bleiben. Einige Passagiere lächeln, manche schmunzeln. Gemeinsam durchwandern wir die Geschichte von Eis und Gestein mit Hilfe einer Zeittafel, auf der Homo sapiens seine Anwesenheit kaum nachvollziehen kann, an manchen Tagen muß ich hart arbeiten, damit es den Passagieren bei so vielen Nullen nicht schwindlig wird. Arktis und Antarktis, meine Damen und Herren, wir reden über extreme Gegensätze: einerseits saisonales Eis, andererseits Festland, einerseits unaufhaltsame Schmelze, andererseits ein bis zu viertausend Meter tiefes Eisschild. Einerseits zum Untergang verdammt, andererseits leidlich geschützt und noch nicht verloren. Einerseits Spiegel unserer Destruk-tivität, andererseits Symbol unserer Einsicht. Bringen wir es auf den Punkt: oben böse, unten gut, oben Hölle, unten Himmel. Wir reden, meine Damen und Herren, von den beiden Polen unserer Zukunft. Ich halte inne, länger als es braucht, die zweite Power-Point-Datei zu öffnen, ich will meiner drastischen Zuspitzung Zeit lassen, Wirkung zu entfalten, bevor ich das Behauptete bebildere, so wie einst Hölbl auf meinem Couchtisch, ob auf billigen Abzügen oder auf einer hellbeleuchteten Leinwand, die Eislandschaften sind von solcher Wucht, das Auditorium versagt sich jegliches Räuspern, vereint fallen wir in das Schweigen der Sturmvögel auf hoher See.
Hat Hölbl geahnt, was er anrichten würde? Wer Eis als eingesperrtes Tier in erschlossenen Tälern kennt, den wird die radikale Freiheit des weißen Südens überwältigen. Alle Ausnahme ist hier Regel. Das Eis bedeckt alles, außer dem steilsten Felsen. Solche Landschaften existierten nicht einmal in den wagemutigsten Träumen des achtjährigen Vierkäsehochs, der im Sommer mit den anderen Buben aus dem Hausblock als Mutprobe mit dem Strohhalm Wasser aus einer Lache saugte, bis eine Mutter aus einem der offenen Fenster blickte und einen Schrei fallen ließ, der mitten in der Pfütze landete.
- Kim auffe, rief mein Vater, ohne sich aus dem Fenster zu beugen. Jetz fahr ma in di Berg. Ich ging sofort hinauf.
- Was host jetz du a kurze Hosn o?
- Draußn is hoaß, sackrisch hoaß.
- Frian werds di.
- Gwiß net, Voda, glab mas, mi friats net.
- Na, nacha sehng ma's scho ...
Aus Mittersendling raus, in meiner Erinnerung fährt Vater im zweiten Gang und hält an jeder Kreuzung. Unser Motor läuft mit guter Laune. Ich zappele auf dem Sitz, um nichts zu verpassen. Vater zwitschert, er ahmt Vögel nach, er ist Rotkehlchen Grünfink Buntspecht.
- Im Radio muaßt aufdredn, Voda.
- Mit meim Zwitschadure, oa Stund Veglgsang? Des hoit koaner aus.
- Na, i moan zam mit di andern, die da singan, a moi a Liad, a moi a Vogl.
- Wia soin des geh? Damen und Herren, des negste Stickl is da neieste Amselschlaga? Den Fred Bertelmann soi i von da Numma oans verdränga? Des hoit koaner aus. Na, nachad sehng ma's scho ...
Ich darf das Fenster hinunterkurbeln, danach höre ich das Gezwitscher nicht mehr. Vaters Brezelkäfer besitzen wir erst seit einigen Wochen, davor nahm er die Tram, uns blieb der Bürgersteig. Dort, wo uns die eigenen Füße nicht hinbrachten, hatten wir nichts verloren. Ich zähle die entgegenkommenden Autos, ebenso jene, die uns überholen. Rote Autos zählen doppelt, ich weiß nicht mehr, wieso. Kaum habe ich hundert Punkte erreicht, verkündet Vater, wir seien fast da. Weit hatten wir es nicht, drei Stunden, vielleicht dreieinhalb, wir parken das Auto und wandern einen Pfad hoch, und auf einmal sehe ich eine Wand und spüre eine für den Hochsommer ungewohnte Kälte. Als wir Stunden später zurückfahren, reibe ich meine Hände über die Gänsehaut auf meinen Oberschenkeln, spüre meine nassen Schuhe und starre auf das Entschwindende, do werd's da schlecht, warnt Vater, doch ich will nicht loslassen, ich sehe den Gletscher durch die zwei Scheiben, ein Feldstecherblick in meine Zukunft, ich habe nicht losgelassen. Ois is wia umdraht, erzählte ich nachher Mutter, wia wenn a Dracha eiskoid schnaufa dad. Doliegn duad er, Eis spuckt er, gibt koa Rua. Du glabst es net, wos do ois gibt, Wassafälle, die san zuagfrorene Höhln, des san gar koane Höhln net, des san Kapelln, blau is drin, blau wia dei Lieblingskleid, und glatt. Kaum host di aufm Hosnbodn gsetzt, bist scho obi grutscht. Woaßt was Voda erzählt hat: Wenn oana stirbt aufm Gletscha, werd sei Leich verschluckt und erst wieda ausgspuckt, wenn eam seine Enkel suacha. In dem Eis gibt's lauter eigfrorene Gfriesa, hat Voda gsogt (als Student verkün-dete ich mit der Arroganz des Eingeweihten, keine Bildhauerei könne es mit den Eisskulpturen aufnehmen, ein Tag am Gletscher sei mehr wert als hundert Jahre in der Pinakothek). Von meinem Gletscher, von meiner Entdeckung, erzählte ich den Spezln im Innenhof, den Schulkameraden, den Vettern und Basen beim Geburts-tag der Oma in Wolfratshausen. Sogar dem Großvater erzählte ich davon. Er saß im Herrgottswinkel, in seinen Nüstern schwarze Krümel wie Nasenraml, hörte regungslos zu und sagte schließlich: Du werst di um-schaun, Bua. Geredet habe ich, mich heißgeredet, nun höre ich mich wieder reden, nach einer Talfahrt des Schweigens, jetzt erst recht, da mir aufmerksam zugehört wird, die Passagiere sitzen aufgereiht da, die Antarktis ist unser aller Archiv, im Eis werden Luftbläschen aufbewahrt, jahrtausendealt, als würde sich die Erde regelmäßig die Gegenwart von der Lunge pusten, alles wird in diesen natürlichen Schatullen festgehalten, jeder Vulkanausbruch, jede Sonnenfinsternis, jeder Atomwaffentest, jede Veränderung des Kohlendioxidgehalts in der Luft (jeder Furz der Menschheit, pflegt Jeremy zu sagen, wenn wir unter uns sind). Vergessen Sie nicht, schließe ich, Sie werden auf unserer Reise viel Eis sehen, es wird Sie frösteln, manche von Ihnen werden einer unvertrauten Kälte begegnen, und doch werden wir über den Bananengürtel der Antarktis nicht hinauskommen, wir werden in ihrem mildesten Sommer bleiben. Denken Sie daran, kaum eine Region der Welt erwärmt sich so schnell wie die antarktische Halbinsel, bald wird man hier Eriken setzen, Kartoffeln an-bauen, Schafe weiden, dann dauert es auch nicht mehr lange, bis antarktischer Wein gekeltert wird. Mit der unbarmherzigen Kälte des Polarplateaus werden Sie nicht in Berührung kommen. Sie werden nur den äußersten Zipfel von Antarktika kennenlernen, and that's going to knock you flat! Dankbarer, anhaltender Applaus. Wenn doch die Schule nur halb soviel Spaß gemacht hätte, komplimentiert mich beim Hinausgehen ein Mann, dessen Gesicht mir jetzt, beim Aufschreiben einige Stunden später, nicht mehr gegenwärtig ist. Eis erklären zu dürfen, und sei es zweimal am Tag, versöhnt mich, vorübergehend, mit dem Sterben meines Gletschers.


Um mich herum unbeschwerte Stimmen in sonniger Wärme. Ricardo wacht am Eingang zum Restaurant neben seinem Pult, zieht seine Partitur zu Rate und winkt ab: For you we have no seat, es seien weniger Plätze als Passagiere vorhanden, es tue ihm leid, aber das Problem sei vorhersehbar gewesen. Eine ältere Frau richtet sich neben mir auf und bietet mir, mit schwyzerischem Akzent, einen Platz an ihrem Tisch an, ihr Gatte fühle sich nicht wohl und sei in der Kabine geblieben. Ricardo beeilt sich, seinen Witz einzugestehen, die Frau zu beschwichtigen, mich zum Lektorentisch zu scheuchen. Einige Passagiere nicken mir zu, gegen Ende der Reise werden mich die meisten namentlich grüßen. Freundlich erwidere ich ihren Gruß, Höflichkeit bereitet mir keine Mühe, ich verachte die Passagiere nicht, auch wenn mir Paulina in diesem Punkt hartnäckig wider-spricht, ich weiß aus Erfahrung, sie werden durch die Einblicke der nächsten Tage andächtiger gestimmt wer-den, aber soll ich deswegen ignorieren, daß sie auch nach der Heimkehr auf ihre zerstörerische Bequemlichkeit nicht verzichten werden? Du urteilst über andere Menschen so streng, sagt Paulina, als hätten sie dich persönlich enttäuscht. Wenn alle Menschen so wären wie ich, sagt sie, wäre manches besser, aber auch einiges schlechter. Wenn ihr jemand mißfällt, sagt sie mit unaufgeregter Stimme: Bestimmt hat er seine guten Seiten, nur habe ich sie bislang noch nicht entdeckt. Realität ist für sie etwas, womit man sich abfinden muß. Am Büffet bediene ich mich am grünen Salat und an den Vorspeisen. Je alltäglicher dieses kalte warme süße Büffet für mich wird, desto schwerer fällt mir die Entscheidung. Statt Zwieback und Salzheringe große Bleche voller Allerlei, farblich so vielfältig wie das Fahnenspalier vor einem Fünfsternehotel (alles dreht sich um das Essen, Anlandungen können mißlingen, die ganze Antarktis im Nebel verschwinden, undenkbar aber, daß eine Mahlzeit ausfällt). In den ersten Wochen auf diesem Kreuzfahrtschiff, meine allererste Schiffserfahrung, aß ich viel, stopfte mehrere Gänge in mich hinein, nach Jahren der ausgefallenen Mahlzeiten und flüchtigen Snacks war mir das reichhaltige Essen ein mürber Trost, ich mästete mich, ich aß und aß, und je mehr ich aß, desto maßloser würde ich weiteressen, dieses Schicksal sah ich voraus, aus allen Töpfen würde süßsaurer Brei quellen, den ich in Raten zu vertilgen hätte, bis sich mir kein anderer Ausweg, keine andere Erlösung bieten würde, als zu platzen. Wer dem gnadenlosen Überangebot entkommen will, muß sich in strenge Bescheidung flüchten. Ein Löffel Mais, ein Löffel Thunfisch, ein Löffel Shrimps mit Melone, einige geviertelte Tomaten, einige entkernte schwarze Oliven. Natürlich ist am Tisch der Lektoren ein Platz für den Expeditionsleiter frei. An manchen Tagen würde ich lieber mit Paulina zu Mittag speisen, aber das ist nicht möglich, nur die Brahmanen dürfen auf Tuchfühlung mit den Passagieren gehen, die niederen Chargen müssen in der Kantine unter Deck essen, manche von ihnen kommen den Passagieren während der gesamten Reise kein einziges Mal unter die Augen. Darf ich dich zitieren? El Albatros löffelt seine Suppe aus und blickt mich über seinen schräg geneigten Teller an. Wie bitte? Diesen Satz von dir, »letztlich wird das Murmeln des Meeres verstummen, denn was sollte dem Wasser seine Geheimnisse abringen, wenn nicht das Eis«, diesen Satz würde ich gerne ver-wenden.
- Du hast dir meinen Vortrag angehört?
- Das Ende.
- Ich schenke ihn dir.
- Keine Sorge, dein Copyright bleibt gewahrt.
- Copyright? Wovon sprichst du? Auf Terra Nullius gibt es kein Copyright.
- Ich habe vor, dich auch auf Erden zu zitieren.
El Albatros stellt seinen Suppenteller ab. Ein Gefühl wallt in mir auf, das ich früher Brüderschaft genannt hätte. Seinen Spitznamen verdankt er Jeremy, der Unmengen von Salat verspeisen kann und der in San Diego übersommert, wo er ultraleichte Zelte und ultraleichte Rucksäcke an den Abenteurer bringt.
- Habt ihr schon einmal einen Flieger knapp verpaßt und euch dann, gierig nach dem Gefühl existentiel-len Auserwähltseins, den Absturz des Flugzeuges gewünscht?
Jeremy hat seinen Salatteller leer gegessen, was ihm die Gelegenheit gibt, unsere Reaktionen mit seiner Videokamera festzuhalten. Nun belagert er uns, um sein visuelles Logbuch zu führen, das er »Alltägliche Turbulenzen« getauft hat. Beate kommt vom Büffet zurück und schaut verwundert in die verstummte Runde.
- Ihr schweigt hinter meinem Rücken?
- Du meinst, Jeremy, einen dieser Momente, in denen es dich wurmt, nicht Gott zu sein?
- Gott? Die Rolle ist schon vergeben, schlecht gecastet, daran ändern auch die vielen reruns nichts.
- Mich interessiert vielmehr, sagt Beate, möchtet ihr lieber als Tier oder als Roboter wiedergeboren werden?
- Mich darfst du nicht fragen, antwortet als erster unser Ornithologe, mich habt ihr schon zu Lebzeiten zum Vogel ernannt.
»El Albatros«, das ist Jeremy eines Tages einfach so herausgerutscht, nachdem er zum wiederholten Male Ohrenzeuge einer Eloge auf den großen weißen Vogel mit der größten aller Flügelspannweiten geworden war. Jeremy sprach den Namen eigenwillig aus, das »El« wie ein Chicano, das »Albatros« gedehnt, als hätten die Vokale ihre Schwingen ausgebreitet. Kaum ist das Mittagessen eingenommen, schart El Albatros die Vogelbeobachter um sich wie ein Guru seine kleine Sekte. Man erkennt sie sogleich am mächtigen Feldstecher um den Hals, sie stehen nebeneinander auf dem offenen Achterdeck und blicken konzentriert hinaus, sie sammeln Sichtungen, während die Gischt sie durchtränkt, die Ellenbogen auf der Reling, das Fernglas aufgestützt, einer hat Posten hinter einem Spektiv bezogen, auf der Jagd nach einem lifer, nach dem ersten Blick auf eine Ant-arktikskua, der Subantarktikskua zum Verwechseln ähnlich, Prädikat extrem rar. Es herrscht Konkurrenz untereinander (angeblich messen Vogelbeobachter ihre Sehkräfte gelegentlich beim Twitchen), es ist nicht leicht, sich gegen soviel ambitionierten Gegenwind zu behaupten, selbst El Albatros ist schon das eine oder andere Mal eines Flüchtigkeitsfehlers überführt worden. Danach stecken sie ihre Köpfe zusammen, über einem aufgeschlagenen Band von »Birds of the Antarctic«, Finger gleiten über Federn, Schattierungen entfachen Streitereien, wenn sie sich nicht einigen können, welche Raubmöwe sie erblickt haben, gescheiterte Zuordnungen verderben die Freude an der Sichtung. Bei einer der vorangegangenen Reisen positionierte ich mich in Hörweite der Vogelfreunde, wartete eine Weile, bevor ich erregt ausrief:
- da da, schwarzer Rußalbatros (den seltenen Vogel hatte ich mir zuvor in der Bibliothek auserkoren),
die Vogelnarren stürzten herbei, es tönte:
- wo, wo?
ich stocherte mit dem Finger in die Luft:
- da, da,
und sie beugten sich mit dem Oberkörper nach vorn,
- jetzt ist er abgetaucht, und sie starrten in die Wellen,
- jetzt seh ich ihn nimmer,
sie ließen ihren Blick über das Wasser gleiten,
- jetzt ist er weg,
sie gaben nicht leicht auf, sie suchten beharrlich Meer und Himmel ab,
- wie schade, wirklich jammerschade.
El Albatros erkundigte sich mit seriösem Interesse nach der Beschaffenheit des Kopfgefieders, den Eindunklungen an den Handschwingen, ich gab den unsicheren Zeugen, bis mich ein Wetterleuchten im Auge überführte. El Albatros zwang mich zu einem Geständnis: Ich bin mir sicher, die geritzte Front eines Tafeleisbergs erblickt zu haben, aber diesen seltenen Vogel, ich würde nicht schwören wollen, daß ich den tatsächlich gesehen habe. El Albatros war mir nicht wirklich böse, eigentlich mißfallen auch ihm jene Passagiere, die ihren artenzählenden Listen mehr Bedeutung beimessen als dem Wunder eines einzelnen Vogels, dem Wunder seines stundenlangen Flugs, dem Wunder seiner Entsalzungsanlagen im Schnabel, dem Wunder seiner Tauchfähigkeiten und Navigationskünste. Statt dessen führen sie penibel Buch über jede Sichtung, über Ort, Zeitpunkt und Zeugen, so daß Historiker eines Tages aus reichhaltigen Belegen schöpfen können, um die einstige Verbreitung der diversen Vogelarten auf Erden nachzu-vollziehen. Nein, so weit wird es nicht kommen, die Historiker werden aussterben, bevor es den letzten Vogel erwischt.
Ändern sich die Alpträume, unsere kollektiven Alpträume? Das Destillat unserer trunkenen Dispute? Sind die Alpträume einer Epoche ihr ehrlichster Ausdruck? Mein Vater verirrte sich im Schlaf (das hat er mir eines Tages als Gunstbeweis verraten) in einem Schneesturm, seine blinden Schritte führten ihn zu einem Haus ohne Türen und ohne Fenster, ohne Schornstein, ein bewohntes Haus, es roch nach Leben (Krautwickel, so kulinarisch präzise alpträumte mein Vater), es strahlte eine Wärme aus, die seine durchfrorenen Hände auftaute, und wenn er sein Ohr an die hölzerne Außenwand legte, hörte er gedämpfte Stimmen. So laut er auch schreien mochte, selbst als er seine Fäuste blutig getrommelt hatte, die im Inneren des Hauses hörten ihn nicht, oder sie hörten ihn und beachteten ihn nicht. Sein Überlebenstrieb weckte ihn, bevor er vor dem mitleidlosen Haus verendete. Ein solcher Alptraum möge mir vergönnt sein, ich würde jubeln, im Schneegestöber meine Mütze hochwerfen, alles wäre besser, als auf einem Felsen zu sitzen mit einem Klumpen Eis in den Händen, einem schmelzenden Klumpen Eis, das Wasser rinnt mir über die Unterarme, es rinnt und rinnt, ins Hemd und über die Oberschenkel, es tropft und tropft, zu einer Lache zwischen meinen Beinen. Egal, wie behutsam ich das Eis in den Händen halte, es schmilzt weiter. Ich versuche es wegzulegen, auf einen Felsen zu legen, aber es klebt an meinen Händen, es klebt so lange an ihnen, bis ich nichts mehr in den Händen halte außer einem triefenden Andenken. Was für ein widerlich sentimentaler Traum, wie verständnislos würden die Kollegen darauf reagieren, Hölbl würde mich abwatschen, dir haben sie echt in den Traum geschissen, würde er sagen. Manche Alpträume kann man keinem anderen Menschen anvertrauen.

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