Wieland Freund

Lisas Buch

Eigentlich konnte sich hier überhaupt niemand verstecken. Die Stämme waren dürr und schmal und boten keinen Sichtschutz. Altes Laub bedeckte den Boden, viele braun gewordene Nadeln und kleine trockene Zweige. Sie knackten und brachen unter Sanchos Schritten. Nichts, hier war gar nichts.
Sancho drehte wieder um. Er wollte zurück zum Weg an der Mauer, da traf ihn ein heftiger Schlaf genau ins Kreuz. Augenblicklich blieb ihm die Luft weg. Schwer stürzte er auf den Waldboden.
„Halt!“
Tannennadeln spuckend, hob Sancho gleich wieder den Kopf. Da war der Übeltäter! Mit wehendem Mantel lief er in Richtung der Mauer. Doch wie er lief!
Dumm!
Dumm!
Dumm!
So hatte Sanchos Herz noch nie Alarm geschlagen, denn vor ihm hebelte Ahab mit seinem Walfischbein durch das Wäldchen. Sancho wusste es sofort. Jesusmariaundjosef!, schoss es ihm durch den Kopf, und gleich war er wieder auf den Beinen. Humpty Dumpty mochte ein Scheusal sein, aber mutterseelenallein dem Käpt’n Ahab gegenüber zu stehen, das hatte nicht einmal er verdient.
Sancho stolperte mehr voran, als dass er lief. Schon hatte er Ahab aus den Augen verloren. Dann endlich brach er auf den Weg hinaus.
„Hiiilfe!“, hörte er Humpty Dumpty in höchsten Tönen schreien. „Hiiilfe!“ Doch in diesem Moment ahnte Sancho Pansa schon, dass er zu spät kommen würde. Ahab, groß gewachsen, stand vor der Mauer und hatte Humpty Dumpty an einem seiner dürren Beinchen gefasst.
„Hiiilfe!“ Es ging Sancho durch Mark und Bein.
Dann riss Ahab das Ei einfach von der Mauer. Es gab ein hässliches Geräusch beim Aufprall. Nur mehr aus dem Augenwinkel konnte Sancho sehen, wie Ahab sich erstaunlich behände auf die Mauer schwang und mit einem einzigen Satz im Dunkelgrün des Regenwalds verschwand. Dann hatte Sancho das gefallene Ei erreicht.
Humpty Dumptys großes, breites Gesicht war Schmerz verzerrt. Die linke Hand hatte er fest gegen seine Brust gedrückt.
„Das Herz?“, fragte Sancho, ohne groß nachzudenken, und kniete neben dem Verwundeten nieder.
„Das Herz, du Trottel? Ich habe einen Riss in der Schale zum Teufel!“ Humpty Dumpty stöhnte schwer.
„Einen Riss? Läufst du jetzt aus?“
Einen Moment schien Humpty Dumpty seine Schmerzen zu vergessen und schaute Sancho finster an. „Könntest du mir meine Jacke aufknöpfen, bitte?“, schnarrte er.
Sofort begann Sancho, an den großen Goldknöpfen von Humpty Dumptys Jacke zu nesteln. Als er sie endlich aus den Knopflöchern gedrückt hatte, konnte er den Schaden schon sehen. Ein Riss so lang wie ein Unterarm lief in Brusthöhe quer über Humpty Dumptys Schale.
„Mir wird schlecht!“, stieß das Ei hervor und sackte in Sanchos Armen zusammen. „He! Hallo! Humpty!“ Sancho wurde von einer großen Verzweiflung gepackt. Er allein mit einem auf den Tod Verwundeten irgendwo im Niemandsland am Rande des Nationalparks! Doch noch bevor diese Gedanken auf ihn einstürzen konnten wie die Steine eines Torbogens auf einen ahnungslosen Fußgänger, begann Humpty Dumpty heiser zu flüstern. Erst verstand Sancho ihn nicht, dann aber wurden die Worte klarer und deutlicher. Humpty Dumpty sagte ein Gedicht auf! „Humpty Dumpty saß auf der Wand, Humpty Dumpty fiel in den Sand, Da hat der König seine Reiter gesandt, Doch Humpty Dumpty schafft keiner mehr zurück auf die Wand.“
Als Humpty Dumpty zu Ende war, standen Sancho die Tränen in den Augen. „Armer Humpty“, flüsterte er. „Alles wird gut.“ Sancho schniefte. So laut, dass er im ersten Moment nicht wusste, ob er wirklich Hufgetrappel gehört hatte. Dann aber wurde es überdeutlich.
„Humpty!“, schrie Sancho und sprang auf, was dazu führte, dass das verwundete Ei recht unsanft von Sanchos Schoß auf den Weg rutschte. „Humpty! Da kommt Hilfe!“ Und wirklich! Es waren Artus’ Leute, die da die Mauer entlang geprescht kamen. Und an ihrer Spitze ritt niemand anders als Don Quixote. Sie mussten Humpty Dumptys Hilferufe gehört haben.
Sancho wusste nicht, ob es die Sorge, die Anspannung oder die Erleichterung war, aber er konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen.
„Hier! Hier!“, rief er und hüpfte und schluchzte und winkte und flennte. „Hier sind wir!“ Sand stob auf, eines der Pferde wieherte, als die Ritter sie endlich erreicht hatten. Sofort war Lancelot aus dem Sattel, gleich kniete er neben Humpty Dumpty. „Ach! Alles nicht so wild, du dickes Ei! Das kleben wir einfach.“ Sancho hörte es nur mit halbem Ohr und spürte doch, wie ihm ein Stein vom gebeutelten Herzen fiel. Dann legte sein Herr ihm den Arm um die Schulter.
„Ahab?“, fragt er bloß.
Sancho schluchzte und nickte.
„Dann, Freund Sancho, haben wir keine Zeit zu verlieren. Auf in die Halle des ewigen Ruhms!“ Und ehe Sancho auch nur irgendetwas begreifen konnte, war sein Herr auf dürren, langen Beinen auf die Mauer zugestürmt und schon knirschend über sie hinweg gesetzt.
„Halt! Herr!“
Was blieb Sancho schon übrig? Durch gerüttelt von so vielerlei Gefühlen, wischte er sich den Rotz von der Nase, ließ ein halbes Dutzend bass erstaunter Ritter stehen und setzte seinem Herrn nach.
Hinter der Mauer roch es nach warmer, nasser Erde.

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