Artikel und Hintergründe zum Übersetzen

„Fremdheit erscheinen zu lassen ist eine Chance und die Kunst von Übersetzungen“

Porträt Ulrike Draesner. Foto: AmselDie Schriftstellerin Ulrike Draesner übersetzt auch Gedichte aus dem Englischen ins Deutsche. Im Gespräch verrät sie, warum ihr die Rolle als Vermittlerin zwischen den Kulturen dennoch suspekt ist.

Frau Draesner, sind Schreiben und Übersetzen für Sie sehr verschiedene Tätigkeiten?

Das Übersetzen fühlt sich oft abgesicherter an als das eigene Schreiben. Da liegt der fremde Text – und auch, wenn ich ihn über Nacht loslasse, wird er nicht verschwinden. Schon einmal wurde er, in einer spezifischen Sprachform, an Land gezogen; als Übersetzerin kann ich stets auf diese Gestalt zurückgreifen. Beim eigenen Schreiben hingegen gibt es zunächst nichts. Es ist unsicher, ob der Text überhaupt bis zu seinem Ende entstehen wird, und wie er sich, im Schreibprozess, formt. Vielleicht gleitet er mir auch ganz aus den Händen.

Im Jahr 2000 sind von Ihnen „Radikalübersetzungen“ von Shakespeare-Sonetten erschienen. Inwiefern ist diese Übersetzung radikal?

Die Übersetzungen transponieren die ausgewählten Sonette, sie verpflanzen sie in die Jetztzeit. So wird jede Technik, die Shakespeare erwähnt – etwa die Kulturtechnik des Schreibens –, zu einer heutigen Technik des Archivierens und Aufzeichnens. Unter der Hand, angestoßen von der Reproduktionsthematik der Originalsonette, verwandeln sich die alten Verse in geradezu unheimlich utopische Reden von Klonen zu Klonen, von Klongebern vor ihren Produkten.

Radikal ist vor allem aber das Sprachverfahren: Ich nehme Worte bei ihrer Wurzel, der radix, stärke Nebenbedeutungen und folge den Randgeräuschen des Sprechens, dem falschen Hören, den feinen Zwischentönen, den idiomatischen Wendungen beider Sprachen.

Alte Sonette mit aktuellen Fragestellungen

Buchcover Louise Glück: Averno. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner. Luchterhand Verlag, München, 2007, ISBN 978-3-630-87251-3 (Copyright: Luchterhand Verlag)Warum sollte die Übersetzung „radikal“ werden?

Es gab kein vorgefasstes Programm, etwas „radikal“ zu machen, sondern eine Idee, die aus den Shakespeare-Texten selbst kam, ja mich geradezu ansprang: Ich las das erste der Sonette im Frühjahr 1997 wieder, als soeben das Lamm Dolly alle Nachrichten beherrschte, und erkannte, wie die fast 400 Jahre alten Texte sich mit dergleichen Frage in anderem historischem Gewand auseinandersetzen: Welche Strategien erfinden wir, um zu überleben? Wie entkommen wir der Zeit?

Worum geht es Ihnen als Übersetzerin? Spielt die Vermittlung zwischen den Kulturen eine Rolle für Sie?

Die sogenannte Vermittlung zwischen den Kulturen ist mir suspekt und scheint mir oft ein vor allem schönredender Begriff. Wenn es mir „um etwas geht“ beim Übersetzen, dann um den doppelten Text – und dabei übrigens jenen in meiner Muttersprache zuerst.

Natürlich setzt man sich beim Übersetzen mit kulturellen Unterschieden auseinander, eben in der Form, in der sie sich sprachlich äußern. Besonders schön: Man stößt vor allem auch auf das, was sich nicht vermitteln lässt. Da fehlt ein deutsches Wort für „mind“, dort ein englisches für „Geist“. Oder es gibt die „Sache“ – eine Pflanze, ein Instrument – nicht. Besser als Vermittlung um jeden Preis scheint mir Fremdheit; sie erscheinen zu lassen ist eine Chance und die Kunst von Übersetzungen.

Auf das stoßen, was sich nicht vermitteln lässt

Buchcover Ulrike Draesner: Spiele. Luchterhand Verlag, München, 2005, ISBN 978-3-630-87208-7 (Copyright: Luchterhand Verlag)In jedem Text drückt sich ja eine besondere Wahrnehmung der Welt aus. Was bleibt auf der Strecke, wenn man die Wahrnehmung eines anderen in eine andere Sprache überträgt?

Ein Stück der Wahrnehmung, also die spezifische emotionale Musik eines Lebensblickes. Aber es wird auch etwas hinzugefügt, zumindest bei einer guten Übersetzung. Man verwandelt. Gelingt es, halten sich Verlust und Gewinn die Waage. Aber natürlich ist es eine schiefe Waage! In Wirklichkeit, also in der Wirklichkeit der Sprachen, lässt sich das nicht gegeneinander aufrechnen.

Wenn Sie als Schriftstellerin ins Ausland reisen, verstehen Sie sich dann als Vermittlerin der deutschen Kultur?

Porträt Ulrike Draesner – auf dem Sofa stehend. Foto: Amsel So würde ich nie von mir sprechen, doch ein derartiger Prozess kommt in Gang, ob man möchte oder nicht. Er gilt übrigens für jeden Reisenden. Man wird zu einem Beispiel. Ich weiß noch, dass ich mich zum ersten Mal als Deutsche fühlte, als ich mit 20 zum Studium nach Oxford ging. Es war gleichgültig, was ich davon hielt: Meine neuen Kommilitonen sahen mich als Deutsche und entdeckten folgerichtig deutsche Eigenschaften an mir. Zugleich verglich natürlich auch ich stets, was ich kannte oder was mir neu war, und erzählte davon. So vermittelt man Lebensweisen vielleicht am besten: erzählend. Durch Geschichten, in Gesten, in der Beschreibung des Einzelnen.

Sie haben geschrieben: „Deutsch oder englisch oder xy sein, ist eine Fiktion.“ Inwiefern?

Identitäten, auch nationale, sind Kästchen, in die man gesteckt wird, weil wir Kästchen brauchen, um wahrzunehmen und zu erinnern. Kästchen kürzen ab. Sie sind aber nichts Festes, wie jeder rasch am eigenen Leib erfährt, der für längere Zeit in einer anderen Sprache und Kultur lebt. Man wird zu einem bzw. einer anderen: einem Mischwesen, das gar nicht vorgesehen, aber sehr real ist. Auch daran sieht man, wie die Kästchen Normen vorgeben, und ihrerseits doch nur Entwürfe sind, komplexe Gebilde aus Stereotypen, Gewohnheiten, Geschichte, Selbst- und Fremdbebilderung.

Zu Besuch im Kopf eines Anderen

Buchcover Ulrike Draesner: Berühmte Orte. Gedichte. Luchterhand Verlag, München, 2008, ISBN 978-3-630-87268-1 (Copyright: Luchterhand Verlag)Haben Ihre Übersetzungsarbeiten Einfluss auf das Schreiben Ihrer eigenen literarischen Texte?

Nicht so, dass ich direkt sagen könnte: „Hier sehen Sie, wie etwas abgefärbt hat.“ Übersetzen ist die intensivste Weise, die ich kenne, einen Text zu lesen. Man geht nicht nur in die Werkstatt eines anderen Autors, man betritt seinen Kopf, steckt hinter seinen Augen – aber ohne er zu werden.

Für mich gibt es dabei oft das Gefühl: „Ah, so wird das hier gemacht“, verbunden mit der inneren Klarheit: „Ich bin das nicht.“ So bin ich zu Besuch, für eine ganze Weile, und gehe dann wieder – mit etwas Neuem im Gepäck, gewiss, und wenn es nur dies sein sollte: Ich habe etwas über meine eigene Sprache gelernt. Ihre Löcher, ihre blinden Stellen – und hoffentlich den kleinen Bereich, in dem sie scharf sieht. Ursprünglich ist man ja ganz blind in ihr: Sie ist die Welt, Alternativen gibt es nicht. Nur mithilfe anderer Sprachen hat man die Möglichkeit, das spezifische Netz aus Strukturen und Metaphern, Redeweisen und Erfahrungen wenigstens ansatzweise zu erkennen, dieses Netz, das Sprache einem über die Welt wirft, damit man die Welt mit ihr sehen und sprechen kann.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Juli 2008

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