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Knotenpunkt mit Strahlkraft – Das Literarische Colloquium Berlin

Seit 45 Jahren ist das Literarische Colloquium Berlin als Veranstaltungsforum und Gästehaus, Arbeitsstätte und Talentschmiede für Autoren und Übersetzer eine zentrale Größe für die Verbreitung und Förderung der Literatur.


Gleich gegenüber vom Bahnhof Wannsee, im Süden Berlins, findet sich hinter einem schmiedeeisernen Tor eine prächtige Backsteinvilla aus dem späten 19. Jahrhundert. Sie beherbergt nicht etwa ein gediegenes Hotel, sondern ist „ein Nervenzentrum der gesamten deutschsprachigen Literatur“ – wie der Literaturwissenschaftler Peter von Matt einmal geschrieben hat.

Hier residiert das Literarische Colloquium Berlin (LCB). Gegründet wurde es im Jahre 1963 vom Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Höllerer. Seither ist die Villa Am Sandwerder 5 eine zentrale Adresse für Autoren und Leser, für Übersetzer und Verleger aus der ganzen Welt.

Zentrum für Literatur und ihre Vermittler

Colloqium Berlin; Copyright: LCBDas Literarische Colloquium Berlin kooperiert mit vielen Kulturinstitutionen im In- und Ausland. Als zentrales Ziel hat es sich die Verbreitung und Förderung der deutschen und internationalen Literatur auf die Fahnen geschrieben. Dafür werden Autorenbegegnungen organisiert, Literaturpreise und Stipendien vergeben, Fortbildungen für Übersetzer ausgerichtet, Informationsportale betrieben usw.

„Auch die Vermittlung der deutschsprachigen Literatur ins Ausland steht in einer Reihe von Projekten unmittelbar im Vordergrund. Doch bei fast allen unseren Aktivitäten ist sie zudem eine Art Nebeneffekt“, erklärt Sonja Müller vom Literarischen Colloquium Berlin

Vernetzung von Übersetzern

Das gilt auch für die Förderung von Übersetzern. Das Literarische Colloquium Berlin ist der Gründungsort und der Sitz des Deutschen Übersetzerfonds. Beim bislang größten Treffen von Übersetzern deutscher Literatur im März 2007 wurde die Idee geboren, etwas für die Vernetzung der Übersetzer zu tun. Mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung und der S. Fischer Stiftung ist dafür nun eine Plattform entstanden. Die Webseite des Übersetzercolloquiums vereinfacht mit einem Online-Verzeichnis und einem E-Mail-Forum den Austausch der Übersetzer untereinander; außerdem bietet sie Informationen über Stipendienangebote und Veranstaltungen.

Die jährlich im Literarischen Colloquium Berlin stattfindende „Sommerakademie für Übersetzer deutscher Literatur“ ist ein Fortbildungsangebot, das auf die Bedürfnisse professioneller Literaturübersetzer abgestimmt ist. Dabei erhalten jeweils elf Übersetzer die Möglichkeit, mit Berliner Autoren, Verlegern und Kritikern zusammenzutreffen und sich ein Bild von den aktuellen Entwicklungen in der deutschen Literaturszene zu machen. Die Sommerakademie wird in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa realisiert und vom Auswärtigen Amt finanziell unterstützt.

Austausch im europäischen Literaturraum

Logo HALMA; Copyright: HALMABesonders stark engagiert sich das Literarische Colloquium Berlin zurzeit im europäischen Austausch – etwa mit HALMA, einem Netzwerk europäischer Literaturinstitutionen, das im November 2006 gegründet wurde. HALMA will die wichtigsten literarischen Zentren Europas in einem Netzwerk vereinen. Mittlerweile repräsentiert es 22 Einrichtungen aus 16 Ländern.

HALMA vergibt zweimonatige Stipendien an Schriftsteller, Übersetzer und Literaturvermittler und organisiert deren Besuch in mindestens zwei Gastländern. Die Stipendiaten werden in den HALMA-Häusern betreut und in die Literaturszene des Landes eingeführt, um dort Kontakte zu knüpfen. Darüber hinaus haben HALMA-Stipendiaten die Möglichkeit, ihre Arbeit mit Lesungen, Workshops oder Vorträgen in der Öffentlichkeit der Gastländer zu präsentieren.

Verlagsmetropolen als Gastgeber für junge Literatur

Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede anlässlich der HALMA-Gründung; Copyright HALMAGezielt im Ausland wirbt seit 2002 das Projekt Verlagsmetropolen für die zeitgenössische deutschsprachige Literatur. Es wird vom Literarischen Colloquium Berlin in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und mit Mitteln des Auswärtigen Amtes organisiert.

Dabei reisen pro Jahr fünf bis sechs junge deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller für ein paar Tage gemeinsam in eine Verlagsmetropole. Dort haben sie vielfältige Gelegenheiten, sich und ihre Texte zu präsentieren – in der Hoffnung, so Verleger und Übersetzer vor Ort von ihrer Arbeit überzeugen zu können. Zwei Städte stehen pro Jahr auf dem Programm. Im vergangenen Jahr waren es Mailand und Kiew, 2008 werden es Istanbul und Zagreb sein.

Engagement mit langfristigen Perspektiven

„Wir pflegen in sehr vielen Projekten den Kontakt zu den ausländischen Literaturszenen. Dabei geht es uns auch immer darum zu zeigen, wie vielfältig und lebendig die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist“, erklärt Sonja Müller. „Natürlich lässt sich der Effekt, den diese Kontakte haben, selten konkret in einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis festmachen. Sie sind eben langfristig angelegt – und so wirken sie auch.“

Damit steht das Literarische Colloquium Berlin nach 45 Jahren noch ganz in der Tradition seines Gründervaters. Denn auch für das LCB gilt, was der ehemalige Präsident der Akademie der Künste in Berlin, Adolf Muschg, einmal über Walter Höllerer gesagt hat: Er ist ein „begnadeter Menschensammler, Anzünder von Talenten, Anstifter zur Gegenwart“.
Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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Juni 2008
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