Artikel und Hintergründe zum Übersetzen

„Oui, totalement, tendrement, tragiquement“

Das Übersetzen und die Schönheit des Nichtverstehens.

Auch wenn man es gerne leugnet: Das Übersetzen ist das älteste Gewerbe der Welt. Denn am Anfang war zwar das Wort, aber es verstand kein Mensch. Ja, man versteht es bis zum heutigen Tage so unvollkommen, dass des Übersetzens und Deutens niemals je ein Ende ist. Der Übersetzer mag also auf der Ständepyramide ökonomisch weit unten angesiedelt sein, in seiner Bedeutung für die Kulturgeschichte steht er ganz weit oben.


Ganz oben wie Moses, der ja auch die Gesetzestafeln nicht einfach empfangen und abgespeichert, sondern das Geoffenbarte gedolmetscht und mit einer Exegese begleitet hat. Man weiß, was daraus geworden ist: Kreuzzüge, Kruzifix-Urteile und Fisch am Freitag.

Für den Übersetzer aber hat der Text immer noch etwas von der biblischen Urschrift, so verbindlich ist er. Andererseits ist uns Gott immer etwas fremd geblieben, und lange durfte man sich nicht einmal ein Bildnis von ihm machen. Wogegen wir Moses gut genug kennen, um zu wissen, wie er in einer Soap agieren würde, und abbilden durfte man ihn ebenfalls zu jeder Zeit. Nur trägt er auf allen Darstellungen des Mittelalters Hörner, was ironischerweise auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen ist. Eine Infamie, der Vater aller Übersetzer wird selbst Opfer eines Übersetzungsfehlers! Psychoanalytisch gesprochen handelt es sich also um eine Art Vatermord der zweiten Generation. Vor allem aber handelt es sich ganz sicher um den einzigen Übersetzungsfehler der Weltgeschichte, der auch noch von Michelangelo in Stein gehauen wurde.

Der Übersetzungsfehler ist ein Ketzer, und so gibt es auch ein Beispiel christlichen Fehl-Übersetzens, das man geradezu als Musterbeispiel für den Umschlag des Heiligsten ins Ketzerische, also quasi Philosophische, betrachten muss: Denn woher kommt unser Ausdruck „Hokuspokus“? Verteilte der Pfarrer beim Abendmahl die Oblate und sprach „Hoc est Corpus“ (Dies ist der Leib), verstand man in den hinteren Bänken nur „Hokuspokus“. So übersetzte das gemeine Volk das Heiligste des katholischen Gottesdienstes in eine heidnische Beschwörungsformel.

Schon ein solcher Ausflug in die Schöpfungsgeschichte und die Folgen machen also deutlich, dass die Kulturgeschichte fortgesetzte Leistung des Übersetzens und Falsch-Übersetzens ist – wobei bisher nicht entschieden ist, ob wir dem richtigen oder dem falschen Übersetzen mehr zu verdanken haben. Vor Kurzem hob ein Kind sein Glas und prostete mir zu mit den Worten: „Auf dein spitzes Gelbes!“ Darauf trinke ich gern, auch wenn „ Auf dein Spezielles“ gemeint war.

Übersetzer und Dolmetscher haben unsere Welt so unendlich bereichert, erweitert, vertieft und koloriert, dass es ihnen genauso gestattet sein muss, Fehlbildungen hervorzubringen und die schönen Kontinente des Irrtums zu erweitern. Und lesen wir nicht rundum dankbar jenen Schweizer Filmkritiker, der seine Besprechung von Richard Geres Film No Mercy mit dem Satz beendete: „Nur warum der Film im Original ,Nein danke‘ heißt, habe ich nicht verstanden.“

Das Übersetzen muss aber noch aus anderen Gründen als das älteste Gewerbe der Welt bezeichnet werden: Gehen Sie ein paar Jahre zurück, ein paar Millionen Jahre, dann sehen Sie unsere Väter in der Grundhaltung des Übersetzers, als Fährtenleser: Von Aristoteles bis zu Voltaire, von Edgar Allan Poe bis Conan Doyle, von Charles Peirce bis Umberto Eco war man sich einig, dass dieses Rekonstruieren eines Ganzen aus der Fährte ein Lesen im ursprünglichen Sinn ist. Aus dem spezifischen Abdruck dieser Hufe im Lehm kann man diesen spezifischen Gaul wieder zusammensetzen, seinen Körperbau, seine Belastung, seine Krankheitsgeschichten sogar. Genauso liest der Arzt auf dem Körper die Symptome, die nicht die Krankheit sind, aber auf sie verweisen. Genauso liest der Detektiv die Indizien. Sie alle sind Übersetzer, Dolmetscher und für den Fortbestand unseres Lebens unersetzlich.

Die Sprache ist eine Fährte in diesem Sinn. Leib, Temperament, Biografie aber erhält der Urtext erst, wo er in unser Idiom, unsere Sprachgeschichte eingegliedert wird, und wie viele Dinge in diesem Vorstellungsbereich kulturelle Definitionen erfahren, bemerken wir erst, wenn wir den Kulturraum wechseln.

Im Dschungel Borneos, wo mehrere Hundert Sprachen und Dialekte vorkommen, aber kein Englisch, kam ich bei den Zahlen mit Indonesisch aus. Fragte ich aber, wann das Schiff ablegt, streckte mir ein Hafenarbeiter die fünf Finger einer Hand entgegen und sagte „Empat“. „Empat“ heißt „vier“. Also „Lima“, konterte ich und streckte ihm meine Hand entgegen. Nein, „Empat“, beharrte mein Gegenüber, wieder seine ganze Hand hinhaltend. Und ich wieder meine dagegen, „Lima“ rufend. Zwei Hände, zweimal fünf Finger, gegeneinander aufgerichtet, doch zwei Resultate. Die Auflösung: Für die Einheimischen Borneos zählt der Daumen nicht als vollständiger Finger. Also indiziert man mit zwei vollen Händen die Zahl Acht, und ich gewann beim Übersetzen einen neuen Blick auf den Körper.

Die Verwirrung nötigt uns eine andere Wahrnehmung auch der Kommunikationssituation auf. Eine der letzten romantischen Sachen in dieser Welt ist wohl wirklich die Vielsprachigkeit. Sie ist so liebenswert umständlich, zwingt uns in unpraktische Prozeduren, macht uns auf einen Schlag von weltläufigen, selbstbewussten Individuen zu kindlich agierenden, imbezilen Stammlern, die sich mit primitiven Gesten und blödsinniger Schauspielerei zu verständigen suchen.

Zugleich kommt dabei in Fragmenten auch wieder eine ursprüngliche Sprache des Körpers zur Erscheinung: Der Völker-Psychologe Wilhelm Wundt lehrt uns, Zeigebewegungen seien zu kurz geratene Greifbewegungen, und auch die schöne Sprache der Gebärdendolmetscher bringt oft sprechende Details ans Licht, etwa wenn „deutsch“ durch das Zeichen für „Pickelhaube“ übersetzt wird.

Faszinierend ist die Betrachtung eines Textes auch, solange er noch den Zauber dunklen Meinens und Bedeutens besitzt. Ja, selbst der misslungen übertragene Text in jenem Deutsch, das wir zu Unrecht „gebrochen“ nennen, wirft manchmal einen Schatten auf das beherrschte, syntaktisch und semantisch einwandfreie Sprechen.

Denn wenn sich schon nichts ganz übertragen und oft nicht ganz verstehen lässt, dann sind die Webfehler im Satz, die Doppelbelichtungen der Semantik auch schön, auch wahr, auch sprechend. In allem zerstückten Sprechen wird eine Sehnsucht frei nach Mehr, mehr Kommunikation, innigerer Verständigung, leidenschaftlicherem Begreifen. In Venedig fand ich in einem Restaurant einmal ein Schild mit der Aufschrift: „Der Dienst am Tisch reserviert ist nur am Ober“. So sprechen Mystiker, und bei aller Verzweiflung über das Nicht-Übersetzbare eröffnet sich das Glück der Sprache doch meist, wo sie nicht in der Informationsvermittlung aufgeht.

Aber wir wären nicht Deutsche, besäßen wir nicht einen deutschen Denker, dem ebendies ein Ärgernis war: Karl Christian Friedrich Krause entwickelte im 19. Jahrhundert eine Sprachphilosophie mit dem Anspruch, jedes Wort müsse sich sofort von selbst erklären, und er bereicherte die Sprache mit Bezeichnungen wie „vollwesengliedbaulich“ und eigenlebeburbegrifflich“. Nein, das Kostbarste, das Übersetzer und Dolmetscher an der Sprache zu übertragen haben, liegt außerhalb dessen, was sich „von selbst erklärt“, außerhalb steriler Sender-Empfänger-Modelle – es liegt in der Lebens- und Leidensgeschichte von Worten, im lyrischen Bedeuten, in der unfreiwilligen Sättigung der Vokabeln mit Erfahrungsinhalten.

In der Zusammenarbeit mit Dolmetschern habe ich oft ihr absolutes Gehör für Vierteltöne bewundert, ebenso wie ihre Fähigkeit, den Gedolmetschten zu erfühlen, ihn im Idiom wie im Habitus zu verkörpern, ihm Sprache auf den Leib zu schneidern und sich in diesem bewegen zu können. Dazu bewunderte ich aus der Ferne ihren Heroismus: Sie werden von Jelzin gekniffen, müssen in dunklen Kabinen hausen wie Höhlenmenschen, selten dürfen sie ins Bild, wenn doch, dann im Hintergrund. Sie haben keine Psychologie, keine Bedürfnisse, keine Schauseite. Sie werden vor allem nach Eigenschaften bewertet, die man an einer Maschine loben würde: Erträgliches Design, Effizienz, gute akustische Features, sparsam im Verbrauch, und am Ende sind sie an allem schuld.

Die Sprache der Liebe ist Inbegriff des Missverstehens. Sie bedeutet immer etwas anderes, und so lautet die Grundüberzeugung in Liebesverhältnissen: Du verstehst mich nicht, Komparativ: Du willst mich nicht verstehen, Superlativ: Du kannst mich nicht verstehen. Die Sprache der Liebe ist in der Regel unübersetzbar, jedes Liebespaar schafft seine eigene Sprache. Wenn ein Übersetzer versagt, dann nicht selten vor der Sprache der Liebe. In einer der schönsten filmischen Liebesszenen, der Eröffnung von Godards Le Mépris (Die Verachtung), liegen Brigitte Bardot und Michel Piccoli post coitum auf dem Bett. Er beobachtet ihren nackten Körper. Sie fragt: „Siehst du meine Füße. Magst du sie?“ „Oui.“ „Und meine Waden?“ „Très.“ „Und meine Oberschenkel, tu les aimes?“ „Beaucoup.“ Als sie den Körper auf diese Weise von unten nach oben durchgegangen sind, folgert sie: „Also liebst du mich totalement?“ Er erwidert: „Oui, totalement, tendrement, tragiquement“, also sinngemäß: „Ja, ganz und gar, zärtlich, tragisch.“ Die deutsche Übersetzung entschied sich lieber für: „Ja. Von Herzen, mit Schmerzen, über alle Maßen.“

Am tiefsten interessiert sich die Übersetzung für das Hinausflattern über die Grenzen des Semantischen. Genau wie sie setzt sich der emphatische Begriff einer Weltsprache der Dichtung am Ende über alle Einschränkungen hinweg. Er ist weit kosmopolitischer, als die Politik oder das Erziehungswesen ihn denken können, und fasst alle disparaten Anstrengungen von Übersetzern, Dolmetschern und Nachdichtern als Arbeit an einem einzigen großen Werk zusammen, ganz so, wie es die große, verzweifelte russische Dichterin Marina Zwetajewa an ihren Freund Rainer Maria Rilke schrieb: „Dichten ist schon übertragen – aus der Muttersprache – in eine andere, ob französisch oder deutsch, wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist nachdichten. Darum versteh’ ich nicht, wenn man von französischen oder russischen Dichtern etc. redet. [...] Orpheus sprengt die Nationalität oder dehnt sie so weit und breit, dass alle (gewesene und seiende) eingeschlossen sind.“ So sei es.


Auszug aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 27. Juli 2007
Roger Willemsen (1955, Bonn)
ist Publizist, Autor, Essayist und Fernsehmoderator. 2010 erscheint sein literarisches Reisebuch Die Enden der Welt. Der Autor besuchte 23 Orte auf der ganzen Erde (Patagonien, Himalaya, Polynesien, Kamtschatka, Timbuktu, Horn von Afrika, den Nordpol etc.), von denen er behauptet, hier sei die Welt zu Ende. Im Bereich des humanitären Arbeitens engagiert er sich als Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins e.V., außerdem arbeitet er im Kuratorium von CARE International und ist Botschafter von Amnesty International.

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