Artikel und Hintergründe zum Übersetzen

Grenzgänger der Literatur
Warum es den Deutschen Übersetzerfonds gibt

Teilnehmer des Hieronymus-Programms 2010 vor dem EÜK Straelen, Foto: DÜFDeutsch-Polnische Übersetzerwerkstatt bei der Arbeit, Foto: DÜF
Deutschland ist ein Übersetzerland, war es schon immer. Luthers Bibelübersetzung legte den Grundstein für die deutsche Literatursprache, die Blütezeit der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert war zutiefst geprägt von Übersetzungen, die Shakespeare und Homer mit großer Emphase im Deutschen heimisch machten.

Solche Traditionen wirken fort: im „Heimatland der Fremde“ (Süddeutsche Zeitung) sind im Jahr 2009 11.800 (12,7 Prozent der Erst- und Neuauflagen) übersetzte Titel erschienen – 4.155 davon allein im Bereich Belletristik, wo sie einen Anteil von 29,8 Prozent ausmachen. Die Bestsellerlisten zeigt die dominierende Rolle internationaler Literatur in der Gunst deutschsprachiger Leser. Weniger als ein Drittel der im Jahr 2009 auf den TOP 100 gelisteten Belletristiktitel sind im Original deutschsprachig! Abseits des Mainstream sind die Literaturen der Welt in einer Breite präsent, die in anderen Ländern undenkbar wäre. Ungarische Romane, die karibische Moderne, die jüngsten ukrainischen Autoren finden eine deutsche Stimme – gar nicht so selten als ersten Resonanzboden für ein internationales Echo. Eine Renaissance der großen Werke der Weltliteratur bringt Jahr für Jahr spektakuläre Neuübersetzungen hervor: Don Quijote, Licht im August, Anna Karenina, um nur drei aktuelle Beispiele mit großem Nachhall in den Feuilletons zu nennen. Im weltweiten Vergleich, mit Blick auf die Zahlen der UNESCO und die Auslagen von Buchhandlungen anderer Länder kann man hinzufügen: in keine Sprache wird so viel übersetzt wie ins Deutsche. Der Reichtum an fremder Welterfahrung, den wir auf diese Weise zu uns hereinholen, ist enorm. Unsere Lesegewohnheiten, unser Sprachgefühl werden davon geprägt. Übersetzungen sind ein Lebenselixier unserer Kultur.

Literaturübersetzer

Podiumsdiskussion im Übersetzerzentrum der Frankfurter Buchmesse, Foto Tobias Bohm Den deutschen Literaturübersetzern geht es wirtschaftlich schlecht. Wer das Übersetzen berufsmäßig betreibt, sieht sich prekären Verhältnissen ausgesetzt. Die Honorare stagnieren seit Jahren. Die Normseitenhonorare bewegen sich in der Belletristik zwischen 15 und 22 Euro, im Taschenbuch meist darunter. Erfolgs- und Nebenrechtsbeteiligungen (sofern vorhanden und nicht verrechenbar mit dem Seitenhonorar) greifen in der Regel erst bei sehr hohen Auflagen. Mit einem Monatsumsatz von 2.000 Euro ist man „gut im Geschäft“; je schwieriger das zu übersetzende Buch, umso geringer die Chance, damit seine Existenz dauerhaft zu bestreiten. Der Gesetzgeber hat das augenfällige Missverhältnis zwischen Leistung und Honorierung der Literaturübersetzer erkannt und bei der Reform des Urhebervertragsrechts 2002 die Übersetzer ausdrücklich genannt. Dennoch, die Verhandlungen zwischen Verlegern und Übersetzern über neue Vergütungsregeln kommen seit Jahren nicht von der Stelle, eine Einigung über die Frage, wie die vom Gesetzgeber geforderte angemessene Vergütung aussehen könnte, ist nicht in Sicht. Dass die Stellschrauben (Seitenhonorar, Erfolgs- und Nebenrechtsbeteiligungen, Autorenhonorar, Buchpreis) neu justiert werden müssen, erscheint jedoch nahe liegend. Gelöst wäre das Problem damit noch nicht. Wollte man bei allen Büchern die Honorare für die Übersetzer kostendeckend gestalten, müssten die heute üblichen Seitenhonorare um das Zwei- bis Vierfache steigen. Dies aber gibt der Buchmarkt nicht her.

Der Deutsche Übersetzerfonds (DÜF)

DÜF-LogoDer Blick in europäische Nachbarländer bestätigt, dass sich gutes literarisches Übersetzen nicht allein nach marktwirtschaftlichen Prinzipien finanzieren lässt. Es ist nicht weniger auf Förderung angewiesen als die anderen Künste. Diese Einsicht setzte sich in mehreren Schüben durch: mit ersten Stipendien in den 70er Jahren in Baden-Württemberg, später auch in einzelnen anderen Bundesländern, mit der Gründung des Europäischen Übersetzer-Kollegiums in Straelen (1978) und schließlich 1997 mit der Etablierung des Deutschen Übersetzerfonds (DÜF), einer Gründung von acht in der Übersetzerförderung aktiven Organisationen. Es gelang, im Budget des neuen Fonds Finanzen des Bundes wie der Länder zusammenzuführen – eine für einen Kunstfonds einmalige Situation. Die heutige Ausstattung beträgt rund 500.000 € / Jahr, wobei der Löwenanteil (350.000 €) von der Kulturstiftung des Bundes kommt, ein weiterer Bundeszuschuss vom Auswärtigen Amt (30.000 €), zugleich ist nach wie vor die Kulturstiftung der Länder mit knapp 60.000 € beteiligt. Kooperationen existieren darüber hinaus mit der Robert Bosch Stiftung GmbH, der S. Fischer Stiftung und dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien.

Stipendien als Kerngeschäft

Teilnehmer des Hieronymus-Programms 2010 vor dem EÜK Straelen, Foto: DÜFWir bauen dabei auf drei Ebenen: Vor allem wollen wir es Literaturübersetzern ermöglichen, dass sie ohne Not und Nebenverdienst, ungehetzt und locker, mit ausreichend langem Atem für sprachliche Kreativität, für Recherchen und stilistische Feinarbeit sich ihrer Arbeit widmen können. Stipendien sind das Kerngeschäft: Rund 80 Stipendien vergibt der DÜF derzeit pro Jahr, vorwiegend Arbeitsstipendien, außerdem Reisestipendien zu Recherchen im Land der Ausgangssprache oder zum Gespräch mit dem Autor, und Aufenthaltsstipendien zum Besuch eines der Übersetzerhäuser in Straelen, Arles oder Visby; hinzu kommt unsere "historische Reihe", thematisch ausgerichtete Förderungen, benannt nach berühmten deutschen Übersetzern der Vergangenheit: das Barthold-Heinrich-Brockes-Stipendium, ein "sabbatical" für erfahrene und – oft genug – erschreckend ausgebrannte Kollegen, das Johann-Joachim-Christoph-Bode-Stipendium, unser höchst erfolgreiches Mentorenmodell, bei dem ein erfahrener Kollege einem jüngeren zur Seite steht, und schließlich das Luise-Adelgunde-Victorie-Gottsched-Stipendium, das der persönlichen Weiterbildung dient.

Hohe Schule des Literaturübersetzens

Übersetzungskultur - Symposium mit Denis Scheck und Umberto Eco, Foto: Tobias Bohm  Daneben bauen wir die "Akademie der Übersetzungskunst" auf, die der Fortbildung und dem Erfahrungsaustausch dient, der Reflexion und dem sprachlichen Experiment. Zum Literaturübersetzen sind die meisten Profis über Umwege gekommen und sammeln Wissen und Können zunächst in der Vielfalt der täglichen Praxis an. Der Deutsche Übersetzerfonds veranstaltet oder unterstützt Seminare und Werkstätten, die, an wechselnden Orten, der Fortbildung der Literaturübersetzer dienen, der Diskussion und Reflexion über Qualitätsmaßstäbe und Textstrategien.
Das 2009 mit der Robert Bosch Stiftung und dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ins Leben gerufene „Hieronymus“-Programm widmet sich dem übersetzerischen Nachwuchs. Aufbauend auf den Erfahrungen aus bisherigen Seminaren wurde ein auf die Bedürfnisse der Anfänger zugeschnittenes einwöchiges Seminarprogramm im Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen entwickelt: nah an der übersetzerischen Praxis – die Teilnehmer bewerben sich mit einem eigenen Projekt; nah an der Zielsprache – bei der Übersetzung geht es, wie auch im Verlagsalltag, hauptsächlich ums Deutsche; die gemeinsame Arbeit an Texten, deren Ausgangssprache man nicht beherrscht, befördert diese Erkenntnis; offen für alle literarischen Genres – gerade an pointierteren Genres können auch Prosaübersetzer ihr Handwerkszeug schärfen; von der Erfahrung "alter Hasen" profitieren – Mentoren begleiten die Teilnehmer auch jenseits der gemeinsamen Seminararbeit; Kontakt zur Branche – Berufskunde, Einblicke in den Literaturbetrieb. Die meisten DÜF-Seminare richten sich allerdings an Übersetzer aller Erfahrungsstufen, wie "Über den Umgang mit Umgangssprache", "Imitationen – Sprach- und Stiltraining für erfahrene Literaturübersetzer", „Auf ins Getümmel! Historischer Roman“ oder „Zur Seite gesprungen – Übersetzer und Lektoren gemeinsam am Text“, um nur einige Seminarthemen zu nennen.

Susanne Lange bei ihrer Schlegel-Antrittsvorlesung 2010, Foto: Tobias Bohm Das neue Programm „ViceVersa“ – auch dies eine Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung und dem Auswärtigen Amt – fördert den internationalen Austausch. Diese Übersetzerworkshops mit Teilnehmern eines Sprachenpaares erlauben durch die Konzentration auf ein Sprachenpaar eine besonders intensive Textarbeit. Mit einer paritätisch besetzten Gruppe von 8-12 Übersetzern etwa aus dem Deutschen ins Polnische und umgekehrt vom Polnischen ins Deutsche lässt sich ein idealer Diskussionsraum für die Feinheiten literarischer Übersetzungen herstellen. Neben dem qualifizierten Echo auf die eigene Arbeit – jeder Teilnehmer stellt einen in Arbeit befindlichen Text zur Diskussion – und dem kollegialen Austausch laden die Werkstätten dazu ein, „in die andere Richtung" zu denken. Eine Sensibilisierung für den Reichtum der Ausgangssprache und der eigenen Sprache also – und eine Lockerungsübung. „ViceVersa“ wird ab 2011 eine wachsende Zahl solcher Werkstätten fördern können: Deutsch-Englische, Deutsch-Spanische, Deutsch-Italienische, Deutsch-Polnische, Deutsch-Russische und Deutsch-Türkische Übersetzerwerkstätten wurden beispielsweise in Straelen und Berlin, im Übersetzerhaus Looren, in der Villa Ocampo in Buenos Aires und im Tolstoi-Museum in Jasnaja Poljana realisiert, jeweils in Kooperation mit Partnern wie dem Instytut Książki, dem Goethe-Institut, der S. Fischer Stiftung und der Robert Bosch Stiftung. Die Resonanz der Teilnehmer ist geradezu euphorisch. Die internationalen Werkstätten sind mittlerweile ein wichtiges Instrument der Qualitätsförderung, unerlässlich für die Fortbildung und den Wissenstransfer über die Sprachgrenzen hinweg.

Frank Günther, erster August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessor, Foto: Tobias Bohm Zu unserem „Akademieprojekt“ gehört auch die an der Freien Universität ins Leben gerufene August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung, die erste derartige Professur im deutschsprachigen Raum, die großes Aufsehen erregt hat. Nach Frank Günther, Burkhart Kroeber und Stefan Weidner übernimmt nun Susanne Lange das Amt, die mit ihren Übersetzungen von Fernando del Paso, Juan Villoro, Theaterstücken von Federico Garcia Lorca und ihrer preisgekrönten Neuübersetzung des „Don Quijote“ Maßstäbe gesetzt hat. Leitgedanke und Fernziel der „Akademie“: eine Hohe Schule der deutschen Sprachkunst, damit die übersetzte Literatur tatsächlich im Deutschen „ankommt“, Vielfalt und Reichtum des Deutschen nutzt und erweitert. Das dritte Standbein: wir wollen in der Öffentlichkeit für das Übersetzen werben, wollen aufklären über diese Kunst, Übersetzer darstellen als Sprachwerker mit besonderer Verantwortung für den Literaturaustausch wie für das Deutsche. Der Deutsche Übersetzerfonds versteht sich als Versuchsfeld für die öffentlichkeitswirksame Präsentation des Literaturübersetzens: Symposien wie „In Ketten tanzen – Übersetzen als interpretierende Kunst“ oder der jährlich stattfindenden „Übersetzertag“ im Literarischen Colloquium zeigen Übersetzer als Sprachkünstler, Essayisten, als bühnenreife Performer.

Übersetzer sind in den letzten Jahren sichtbarer geworden, treten aus dem Schatten, ohne Zweifel. Der Deutsche Übersetzerfonds hat seinen Anteil daran: die Fundamente für den Neubau „Übersetzerförderung“ sind gelegt.

Jürgen Jakob Becker
stellvertretender Geschäftsleiter des Literarischen Colloquiums Berlin (lcb) und Geschäftsführer des Deutschen Übersetzerfonds

Der Artikel ist erschienen in „politik und kultur“, November/Dezember 2008

Aktualisierung: Dezember 2010
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