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Das “gute Leben” oder gut leben


Auf den heute Amerika genannten Kontinenten existieren viele indigene Völker, die eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie man ein erfülltes Leben führen kann, in Harmonie und Gleichgewicht mit den Welten, denen sie angehören. Welten, in denen alles was existiert, Rechte und Pflichten hat, Positionen und Funktionen; Welten, in denen alles Teil kosmopolitischer Gemeinschaften ist.

In diesem Sinne ist das „gute Leben“ weit entfernt von einer Ontologie der Arbeit, des Gemeinwohls, der westlichen Demokratien, der Ideale des bürgerlichen Lebens und dem Streben nach sozialem Aufstieg und materiellem, beruflichem und sexuellem Reichtum und Vergnügen.
Für viele indigene Gemeinschaften Amerikas drückt sich dies in den Formulierungen uma qaman a (Aymara), sumak kawsay (Quechua), küme mogen (Mapuzungun) und teko porä (Guarani) aus, die im Deutschen ungefähr so viel bedeuten wie „gutes Leben“ und die im Spanischen mit Begriffen wie „vivir bien“ oder „buen vivir“ übersetzt werden. Wir sagen ungefähr, denn „gutes Leben“ ist nicht einfach nur ein Konzept, eine Idee oder etwas, das leicht zu übersetzen wäre. Das „gute Leben“ führt uns zurück zu einer präkolonialen Ontologie, einer präamerikanischen Historie und einer präkapitalistischen Gesellschaft. Das „gute Leben“ ist zuallererst ein kollektives ethisches und existenzielles Engagement, eine kosmopolitische Implikation. Und warum sagen wir nicht auch eine kosmopoetische: Etwas, das praktiziert und gelebt werden muss. Tagaus tagein, in Gemeinschaft. Das „gute Leben“ kann eine Art und Weise sein, die Gemeinschaft über das Menschliche hinaus zu denken, über das, was streng genommen wahrnehmbar und unmittelbar präsent ist. Und es ist außerdem auch eine Projektion, eine Erfindung von zukünftigen möglichen Welten.

In diesem Sinne ist das „gute Leben“ weit entfernt von einer Ontologie der Arbeit, des Gemeinwohls, der westlichen Demokratien, der Ideale des bürgerlichen Lebens und dem Streben nach sozialem Aufstieg und materiellem, beruflichem und sexuellem Reichtum und Vergnügen. Schließlich ist „gutes Leben“ keine individuelle Beziehung mit einem selbst und für einen selbst. Worauf es beim „guten Leben“ ankommt, sind die Mittel der Sensibilität und nicht der Finanzen, die Verteilung und die Organisation des Raumes und der Lebewesen sowie der Erhalt und das Sicherstellen von ex-zentrischen Arten der Existenz und den möglichen Beziehungen und Wegen in den Welten zu leben und zu teilen, in denen wir leben. Dies könnte vielleicht der Beginn einer grundlegend neuen Sichtweise sein: wir gehören zu Welten und nicht sie zu uns; dies ist kein bloßes Wortspiel, sondern eine ethisch einzigartige existenzielle Einstellung.

Es ist insbesondere die Gewalt, die die Amerikas mitbegründete, und dabei meinen wir speziell die Gewalt gegen indigene Völker, gegen die Massen an versklavten und verschleppten Menschen des afrikanischen Kontinents, die Gewalt gegenüber Frauen und Kindern. Gewalt, die bis heute andauert und sich in unterschiedlichen Formen manifestiert. Deshalb sollte das „gute Leben“ nicht mit einer Ansammlung von abstrakten und universell anwendbaren Regeln verwechselt werden, die unabhängig sind vom Territorium der Gemeinschaften und der Beteiligten. Das „gute Leben” ist nicht eine Reihe von Vorschriften und noch viel weniger ein Moralcodex, da es sich auf verschiedene und unvereinbare existenzielle Perspektiven bezieht, Orte mit spezifischer Sprache, solche, die sich nicht von ihren historischen, biologischen und sozialen Qualitäten freisprechen, noch auf diese reduzieren lassen. Aus diesem Grund ist es wichtig, auf die unzähligen möglichen Perspektiven des „guten Lebens“ zu achten.



María Galindo

Mitbegründerin der 1992 in La Paz, Bolivien gegründeten Gruppe Mujeres Creando

Bolivien

Maria Galindo ist eine bolivianische anarchistische Feministin. Sie ist Mitbegründerin der 1992 in La Paz, Bolivien gegründeten Gruppe Mujeres Creando ("Women Creating"), die durch Straßenaktionen, Videoproduzierungen und eine eigene Zeitung feministische Theorien verbreitet und gegen Homophobie kämpft.


Baby Amorim

Koordenatorin des Institutes Ilu Obá de Min

Brasilien

Baby Amorim ist als Koordenatorin des Institutes Ilu Obá de Min tätig. Sie ist Feministin und setzt sich für die afrikanische Kultur in Brasilien ein.


Damián Cabrera

Schriftsteller

Paraguay

Damián Cabrera ist ein paraguayischer Schriftsteller, der sich in seinen Werken vor allen Dingen mit seinem Land, der drei Ländergrenze, aber im Besonderen der Grenze zwischen Brasilien und Paraguay beschäftigt. 2012 wurde er für sein Buch „Xiru“ mit dem Roque Gaona Preis ausgezeichnet.


Baby Amorim

Koordenatorin des Institutes Ilu Obá de Min

Brasilien

Baby Amorim ist als Koordenatorin des Institutes Ilu Obá de Min tätig. Sie ist Feministin und setzt sich für die afrikanische Kultur in Brasilien ein.


Oscar Vega Camacho

Dozent

Paraguay

Ausgebildet in hispanischer Sprache und Literatur, publizierte Oscar Vega Camacho viele Bücher und ist zudem als Dozent tätig.


Daniel Munduruku

Schriftsteller

Brasilien

Daniel Munduruku ist einer der wichtigsten und der im Ausland bekannteste brasilianische Schriftsteller indigener Herkunft. Er gehört zum indigenen Volk der Munduruku. Er ist Präsident des Instituto Indígena Brasileiro da Propriedade Intelectual und Direktor des Instituto Uk'a – a casa dos saberes ancestrais. Er ist Berater des Museu do Índio in Rio de Janeiro und unterrichtet auch dort.


Elvira Espejo

Bildende Künstlerin, Weberin, Erzählerin und Dichterin

Bolivien

Als Absolventin der Nationalen Akademie der Schönen Künste in La Paz hat sie Erfahrung in Modedesign und im Multimedia-Bereich. Im Jahre 2005 war sie Ko-Dozentin des Duke-Programms in den Anden. Espejo ist Direktorin des Musef in La Paz und eine der Teilnehmerinnen am Projekt Museale Episode.


Suely Rolnik

Psychoanalytikerin, Kuratorin, Kunst- und Kulturkritikerin

Brasilien

Als Professorin an der PUC-SP koordiniert sie u.a. das Zentrum für Studien und Forschungen der Subjektivität.


Amilcar Packer

Fotograf, Künstler und Philosoph

Brasilien

Seine Video- und Fotoarbeiten untersuchen die Grenzen des Körpers und dessen Verhältnis zum Raum. Er koordiniert das P.A.C.A. (Programm für autonome Kulturaktionen) und wurde 2012 für den Pipa-Preis nominiert.

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Amilcar Packer spricht über das Projekt Episoden des Südens.

Juan Ñanculef Huaiquinao

Forscher

Chile

Mapuche-stämmiger Forscher der Nationalen Korporation für Indigene Entwicklung der Republik Chile, Betriebswirtschaftsingenieur.

Realisierung: Goethe-Institut La Paz, Goethe-Institut São Paulo, Amilcar Packer