Episoden des Südens



EPISODEN DES SÜDENS – NEUE SICHTWEISEN

Das Projekt des Goethe-Instituts umfasst Debatten, Forschungsarbeiten, Austauschprogramme, künstlerische und wissenschaftliche Produktionen mit neuen Sicht- und Denkweisen über Deutschland, Europa und die Welt. Mehr...


    11.03.2017

    xxx


    Ein Gespräch der “URGÊNCIAS! / DRINGLICHKEITEN” über Themen der brasilianischen Gegenwart

    Die erste Begegnung des Jahres 2017 beschäftigt sich mit dem Begriff “Erde” in seinen unterschiedlichen Verwendungen, Bedeutungen, Konflikten und Potenzialen.

    Die Begegnungen unter dem Titel „Urgências! / Dringlichkeiten!“ sind eine öffentliche Plattform für Diskussionen über Fragen der Gegenwart - ein Beitrag des „Programms autonomer Kulturaktionen“ P.A.C.A., organisiert in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut São Paulo und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Zu jeder Ausgabe werden Gäste eingeladen, die sich auf brasilianischer oder internationaler Ebene in den jeweiligen Gebieten der vorgeschlagenen Debatte hervorgetan haben. 2016 wurden auf drei Begegnungen Themen wie Medien und die Errichtung von Narrativen, die politischen Grenzen der Linken, Bildung und Kolonialismus diskutiert. Die erste Begegnung des Jahres 2017 befasst sich mit dem Begriff „Erde“.

    Das portugiesische Wort Terra für Erde kommt aus dem lateinischen ters, trocken - im Gegensatz zu mars, dem lateinischen Wort für feucht. Und vom Meer (portugiesisch: mar) aus sagt man auf Portugiesisch „terra à vista“ - Land in Sicht. Groß für den, der sich auf ihr befindet, ist der Planet Erde winzig im Vergleich zu dem Raum in dem er sich befindet. „Erde“ im stofflichen Sinn ist eine Mischung mineralischer und organischer Bestandteile, ebenso kann Erde Boden bedeuten, den Grund, Territorium, Land, Nation, Heimat, den Abstammungsort, den Geburtsort, „heimische Erde“. Erde ist auch diese Welt. Und mundo (Portugiesisch für Welt) kommt von mundus, lateinisch für organisiert, elegant, sauber, rein, womit im alten Rom auch eine Art Truhe bezeichnet wurde, in der die Frauen ihre Kämme, Spiegel und Schminksachen aufbewahrten. „Welt“ bezieht sich auf den Globus, doch auch auf den Himmel, von Menschen bewohnte Welt, von Menschen möglicherweise bewohnbare Welten. Also die menschliche Gesamtheit. „Welt“ im weiteren Sinn ist das unendliche Universum. „Imundo“ bedeutet auf Portugiesisch unrein, etwas, das man nicht berühren sollte. „Imundo“ ist nicht-Welt, desorganisiert und dem menschlichen Leben nicht eigen. Was diese unterschiedlichen Bedeutungen von „Welt“ zueinander bringt und annähert, ist auch das griechische kosmos, das „gute Ordnung“ beschreibt: Alles, was ist, war und sein wird nach dem caos, der Unordnung.

    Zäune, checkpoints, Wände, Mauern, Gitter, Barriere, Grenzen, Wachtürme, Gefängnisse, Zoll, Kolonien, Demarkationslinien, Stacheldraht, Elektrozäune, Minenfelder, Überwachungskameras, besetzte Territorien, Drohnen, Pässe, Besitztitel, Eigentum, Exil, Vertreibungen, Exekutionen, Migration, Immigration, Räumungen, Verfügungen, Anordnungen, Wiederherstellung der Besitzverhältnisse. Für einige definiert Erde sich durch ihre totale Verfügbarkeit, den potenziellen Profit aus der Erde, dem Meer und der Luft, Ausbeutungsmöglichkeit, Besitz, der dem Besitzenden angeblich das Recht gibt, damit zu tun, was er will. Doch für viele heißt Erde auch Land, Bindung und Zugehörigkeit, Vorfahrenschaft und Tradition, Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, Zusammenleben und Sozialisation, Subsistenz und Widerstand, Wohnung, Verantwortung, Pflichten, Heiligkeit und ethische Ausübung von Existenz - gutes Leben -, Achtsamkeit mit sich und anderen. Für diese ist Erde Land, Sprache, Haut, Fleisch und Knochen, woher man kommt und wohin man geht. Das Recht auf Erde, die Rechte der Erde.

    An Urgências! / Dringlichkeiten „Erde“ beteiligen sich: Diara Tukano, Érica Maunguinho, Pai Flavio Kosta (Babakekere Oluko Kareka Kosta), Bàbálòrişà Ranato Ty Logun Edé, Ruth Kadubla und Hasan Zarif.

    Über die Teilnehmenden:

    Daiara Tukano Verteidigerin der Menschenrechte vom indigenen Volk der Tukano aus Amazonien ist Dozentin, Künstlerin, indigene, feministische Aktivistin, zurzeit politische Korrespondentin für Rádio Yandé, das erste indigene Radio Brasiliens. Sie forscht am Masterstudiengang Menschenrechte über das Recht auf Wahrheit und indigene Geschichte im brasilianischen Bildungssystem. Sie lebt in Brasilia.

    Flávio Donizete da Costa ist Portugiesischlehrer im städtischen Bildungsdienst von São Paulo und Priester des Umbanda Bàbákekere am Ilê Aşè Alaketú Oba Ofá Omi.

    Renato Cândido Ramos
    ist Sportstudent und Bàbálòrìşà am Ilê Aşè Alaketú Oba Ofá Omi.

    Ruth Camacho
    ist als Rechtsanwältin tätig. 1993 bis 2003 war sie juristische Beraterin am Pastoralzentrum für Migration / Friedensmission. Sie ist Mitbegründerin des Presença América Latina (PAL) und der brasilianischen Vereinigung für Folklorekultur Brasilien - Bolivien. Zurzeit ist sie in der Vereinigung der bolivianischen Kommunikatoren in Brasilien (Ascombolbra) aktiv.

    Hasan Zarif
    , brasilianischer Palästinenser und Vertreter der „Bewegung Palästina für alle“ (MOP@AT).

    „Urgências! / Dringlichkeiten“ ist Teil des Programms Episoden des Südens“ über andere Sichtweisen in Kunst, Wissenschaft und Kultur unter nicht-eurozentristischen Perspektiven.

    
11. März 2017 (Samstag)
    
10h bis 18h
    
Kostenlose Anmeldung:cultura@saopaulo.goethe.org
    60 Plätze
    
Organisation: P.A.C.A. / Amilcar Packer

    Über P.A.C.A. PROGRAMA DE AÇÕES CULTURAIS AUTÔNOMAS:
    
P.A.C.A. – Programm autonomer Kulturaktionen äußert sich durch regelmäßige, öffentliche und kostenlose Veranstaltungen, offene Seminare, Textproduktion, Gruppenarbeiten und andere Formate der Darstellung sowie kollektive Dynamiken der Diskussion und Produktion. Es ist der Versuch, zur Verschiebung und zum Abbau kolonialer und hegemonischer kapitalistischer Kartografien beizutragen, sowie zur Entkolonisierung des Lebens mit Blick auf den Aufbau öffentlicher und performatischer Diskussionssituationen.

      18.02.2017

      Claudia Andujar vor ihrer Ausstellung Marcados; © Daniela Paoliello


      Claudia Andujar - Morgen darf nicht gestern sein

      Erstmals in Europa gibt diese Ausstellung im MMK 1 des MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main einen umfangreichen Einblick in das fotografische Werk der in Brasilien lebenden Künstlerin Claudia Andujar (1931 in Neuchâtel, Schweiz).

      Im Rahmen ihres aktivistischen Engagements zum Schutz der Yanomami, Brasiliens größter indigener Volksgruppe, entstand in den 1970er-Jahren ihre bedeutende Serie „Marcados“ (dt. „Die Markierten“). Diese Porträts waren für die Künstlerin der Beginn einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Kultur der Yanomami.

      Neben der umfangreichen Serie „Marcados“ präsentiert die Ausstellung fotografische Werkgruppen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Die subjektive Perspektive der Fotografin spiegelt sich auch in den aus dem Helikopter aufgenommenen Bildern des endlos scheinenden, modernistischen Straßennetzes São Paulos sowie des von üppiger Vegetation umgebenen traditionellen Rundbaus der Yanomami im Amazonasgebiet wieder. Für die Serie „Rua Direita“ setzte sie sich auf die gleichnamige Straße, einer viel bevölkerten Verkehrsader São Paulos und fotografierte die Passanten mit einem Weitwinkelobjektiv.

      Kurz vor dem Putsch, der die bis 1985 andauernde Militärdiktatur des Landes einleiten sollte, dokumentierte Andujar 1964 in der Serie „Marcha da Família“ die Demonstrationen in São Paulo, die sich aus nationalistischer und konservativer Richtung gegen die Gründung einer kommunistischen Regierung richteten. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der anhaltenden Proteste in Brasilien und der kürzlich verkündeten Klima-Ziele des Landes zeichnet sich Andujars Werk bis heute durch eine hohe Aktualität und Brisanz aus.

      Ausstellung + Symposium
      MMK Talks
      Samstag, 18. Februar 2017, 15.30 Uhr

      Carolin Köchling (Kuratorin der Ausstellung)
      Einführung: Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin Goethe-Institut, São Paulo

      Details
      Sprache: Symposium/Englisch
      Preis: 12 Euro / ermäßigt 6 Euro
      Symposium: Eintritt frei
      069 - 212 30447
      mmk@stadt-frankfurt.de

        24.01. – 28.01.2017

        Goethe-Institut São Paulo


        Museale Episode: Zur globalen Zukunft von Museen

        Vom 24. bis 28. Januar 2017 treffen sich in Johannesburg und Cape Town fünfzehn internationale MuseumsdirektorInnen und KuratorInnen, um sich über aktuelle und zukünftige Herausforderungen für Museen auszutauschen. Die TeilnehmerInnen setzen damit ein Gespräch fort, das im Oktober 2015 im brasilianischen Salvador da Bahia und in La Paz (Bolivien) begann. Am 28. Januar um 13.30 Uhr werden im Goethe-Institut Johannesburg die Ergebnisse öffentlich zur Diskussion gestellt.


        Wie sieht die Arbeit mit Sammlungen in Zukunft aus? Werden Museen zunehmend zu hybriden Institutionen? Wie demokratisch kann ein Museum sein und wie lassen sich koloniale Perspektiven vermeiden? Wie bezieht man die Nachbarschaft in die Museumsarbeit ein?

        Fünfzehn AusstellungsmacherInnen und MuseumsmanagerInnen aus Südamerika, Europa und Afrika werden sich mit diesen Fragen in dem mehrtägigen Treffen auseinandersetzen und dabei verschiedene Orte in Bolivien bereisen. Die Gruppe hat sich zum Auftakt der mobilen Konferenz „Museale Episode“ bereits im Oktober 2015 in Salvador da Bahia zusammengefunden und einen ersten Bericht verfasst. Bei dem Austausch steht die Perspektive des globalen Südens im Zentrum. Nach Bolivien treffen die Teilnehmer in Johannesburg, bevor im Rahmen der documenta 2017 ein Fazit gezogen werden soll.

        Zu den TeilnehmerInnen zählen:
        Marion Ackermann, Kunstsammlungen NRW, Düsseldorf
        Övül Durmusoglu, freie Kuratorin Berlin/Istanbul
        Elvira Espejo, Musef, La Paz
        Marina Fokidis, documenta / Kunsthalle Athen
        Anna-Catharina Gebbers, Hamburger Bahnhof, Berlin
        Nydia Gutierrez, Museo de Antioquia in Medellín
        Pablo Lafuente, freier Kurator, Porto Seguro Bahia
        Natalia Maljuf, Museo de Arte de Lima/ Beirat Humboldt Forum
        Matthias Mühling, Lehnbachhaus, München
        Gabi Ngcobo, freie Kuratorin/São Paulo Biennale
        Hermann Parzinger, Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Berlin
        Luiza Proença, MASP, São Paulo
        Marcelo Rezende, freier Kurator Salvador de Bahia/Sao Paulo

        Eine Veranstaltungsreihe des Goethe-Institut São Paulo und der Kulturstiftung des Bundes