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Techno-Schamanismus Treffen

Die Begegnung „Techno-Schamanismus“ im Goethe-Institut São Paulo fällt in einen Moment äußerster Notwendigkeit, sich aufmerksamer mit Fragen wie Recht auf Boden, Klimaveränderung, Umweltkatastrophen, Menschenrechte und Konzentration in der Verfügungsgewalt über Massenmedien zu beschäftigen, vor dem Hintergrund, dass kolonialistische Kräfte nach wie vor traditionellen Völkern und anderen nicht-normativen Entwürfen Rechte vorenthalten. In einer Zeit, in der die menschliche Zivilisation deutliche Zeichen des Scheiterns aufweist, sind neue Technologien der Koexistenz zu erschließen.

Für die Begegnung haben Fernando Gregório und Tamara Gigliotti vom Netzwerk „Tecnoxamanismo“ das Projekt Baobáxia, Guarani-Vertreter der indigenen Gebiete des Jaraguá und andere aktive Mitglieder des Netzwerks eingeladen, wie Fabiane Borges und Marcelo Braz, um einen gemeinsamen Raum der Kosmogonie von Diskursen und darin enthaltener Themen zu schaffen. In Zusammenarbeit mit Zona da Mata konnten für die Veranstaltung auch der Anführer der Guarani von Perelheiros, Jerá, gewonnen werden, sowie der guatemaltekische indigene Künstler Edgar Calel, Teilnehmer des von Beatriz Lemos (LASTRO) koordinierten Residenzprogramms der Organisation Lanchonete.org.

Techno-Schamanismus geht von dem Gedanken aus, dass Schamanismus ein Konglomerat von Technologien ist, die vom profunden Wissen der Vorfahren über materielle und immaterielle Wesenheit der Natur bis hin zu Prozessen der Reinigung, des Recyclings, von Wiederherstellung und „Heilung“ (in erweitertem Sinn auch der alchemistischen Heilung) reichen, welche den Kosmos in seiner Komplexität durchdringen; oder davon, dass in einer zusammenfließenden Bewegung materielle Technologien (etwa Elektrotechnik) auch eine Art Erfahrung der Ekstase und materieller Erweiterung von Schamanismus auf eine andere Sprache, eine andere Ebene sind. Oder auch, dass die Vereinigung/Spannung dieser Bereiche Wissensgebiete zusammenfügen und verwandeln, die im Verlauf der Geschichte getrennt wurden: das profunde Wissen der Vorfahren und die Wissenschaft im erweiterten Sinn.

A Das Netzwerk Techno-Schamanismus besteht aus Personen, die sich für DIY-Kultur interessieren, indigenen Aktivisten, Hackern, Produzenten, Wissenschaftlern, Permakulturschaffenden und anderen und funktioniert online über Mailingliste und Facebook-Gruppe, sowie über persönliche Begegnungen in unterschiedlichen Kontexten und Ländern wie Brasilien, Ekuador, Dänemark und Deutschland. Die Projekte, die sich ihm anschließen, summieren sich in Bedeutung und Konzeption. Die Begegnungen versuchen, über persönliche Begegnung das Netzwerk zu knüpfen, DIY-Rituale nach dem Konzept einer freien Kosmogonie abzuhalten und aus dem Austausch von Personen mit unterschiedlichen Sichtweisen neue Fragestellungen entstehen zu lassen.

DAS INDIGENE GEBIET JARAGUÁ

Jaraguá ist heilig und Jaraguá ist Guarani

Rund 900 Guaranis leben rund um den Berg Pico do Jaraguá auf weniger als zwei Hektar Land, was ihr Leben zu einer dramatischen Situation der Unwürdigkeit werden lässt. Dieser Teil des Hochplateaus von São Paulo wird seit urdenklichen Zeiten von ihnen bewohnt. Nachdem sie im Verlauf der invasorischen Kolonisierung für eine Zeit dort vertrieben wurden, kehrten sie als Hüter der grünen Grenze zurück, welche die Stadt zu verschlingen droht.

2015 wurde das Gebiet rund um den Nationalpark Pico do Jaraguá in São Paulo durch einen Bundeserlass zum indigenen Territorium sowie auf lokaler Ebene zum Sonder-Naturschutzgebiet (Zona Especial de Proteção Ambiental) erklärt. Doch die vollständige Umsetzung dieser Erlasse, der letzte Schritt, der den Guarani volle Verfügungsgewalt überträgt, ist noch nicht erfolgt.

BAOBÁXIA

Baobáxia wurde erdacht und entwickelt vom Netzwerk Mocambos, einem technologischen Zusammenschluss von Quilombos in ganz Brasilien. Es stellt digitale Infrastruktur für das Teilen und den Erhalt des kulturellen Erbes dieser städtischen oder in entlegenen Regionen bestehenden Gesellschaften afrobrasilianischen Ursprungs zur Verfügung. Als solches ist es auch für indigene Gemeinschaften interessant für den Erhalt und die Weitergabe ihrer Kultur in digitalen Formaten. Es funktioniert wie ein multimedialer Speicherplatz für den Betrieb in ländlichen Communities ohne oder mit nur wenig Internet.





Projekt BAOBÁXIA


Marcelo Braz

Technologe, Community educator

Brasilien

Spezialist für schulische und Volksbildung. Als von institutionellen Zwängen freier Wissenschaftler widmet er sich dem Zusammenfluss kosmologischen Denkens und indigener Philosophie mit der Diversität autonomer Kulturproduktion libertärer Prägung.


Sônia Barbosa

Erzieherin

Brasilien

Aus dem Guarani-Dorf in Itanhaém an der Küste stammend, kam sie 1998 nach São Paulo. Ihr Guarani-Name ist Ara Mirim. Sie unterrichtete im Dorf Tenondé Porã und arbeitete an der dortigen Gesundheitsstation, bis sie 2002 Jandira, den Kaziken des Dorfs Jaraguá kennenlernte. Seit 2013 kämpft sie gegen die Privatisierung des Jaraguá-Parks.


Márcia Venício

Indigene Anführerin

Brasilien

Lebt im Dorf Tekoa Ytu, seit sie mit fünf Jahren von der ersten weiblichen Kazike Brasiliens, Jandira Keretxu, adoptiert wurde. Ihr indigener Name ist Djerarete. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und Kazike des Dorfs Tekoa Ytu, sowie Leiterin des Chors Keretxu. Ihre Funktion ist, sich um die Gemeinschaft zu kümmern, bei Fragen der Demarkation indigener Gebiete zu helfen und zu helfen, gute Lebensbedingungen zu bekommen.


TC Silva

Koordinator des Kulturhauses Casa de Cultura Tainã

Brasilien

Koordinator dieser 1989 gegründeten Kultur- und Sozialeinrichtung, die sich zum Ziel setzt, Zugang zu Information zu ermöglichen und Zivilgesellschaft sowie kulturelle Identität zu stärken.


Fabiane M. Borges

Essayistin und Künstlerin

Brasilien

Fabiane M. Borges hat einem Doktor in Klinischer Psychologie. Ihre Forschung konzentriert sich auf space-art, Kunst und Technologie, Schamanismus, Performance und Subjektivität.

Realisierung:
Goethe-Institut | Mata Adentro | Lanchonete.org | Rede de Tecnoxamanismo
Gefördert von: Lanxess | Brasilianisches Kulturministerium