Episoden


Foto: Goethe-Institut São Paulo

Ernesto Netos „A Sacred Place“
Huni Kuin: Existenz als Kunstwerk?

Kann Existenz an sich und aus sich selbst Kunstwerk sein? Dies ist eine der Fragen, die der brasilianische Künstler Ernesto Neto aufwirft. In Zusammenarbeit mit Vertretern des indigenen Volks Huni Kuin - Ikuani, Ninawa inu, Siariani, Tadeu siã txana hui bai und Zezinho yubē - bringt er ein indigenes Ritual aus der Amazonasregion auf die 57. Internationale Kunstausstellung der Biennale von Venedig.

Um sagrado lugar (Ein heiliger Ort) ist ein hybrides Werk, eine Mischung aus Installation, Skulptur und Performance, die versucht, die Kraft einer in magischem Denken verankerten Ontologie und Epistemologie ins Hier und Jetzt, Zeit und Raum der Ausstellung zu bringen. Seit den Anfängen des Modernismus lässt sich die westliche Kunst durch den „Primitivismus“ faszinieren. Heute scheint zeitgenössische Kunst die Notwendigkeit widerzuspiegeln, ihre eigenen Strukturen durch Paradigmen anderer Wissenssysteme zu untersuchen. Der Dialog und/oder Unmöglichkeit des Dialogs von so unterschiedlichen Ontologien und Epistemologien durchzieht also das Werk von Ernesto Neto und das Leben der Huni Kuin.

Die davon ausgehenden Fragestellungen sind zahlreich: Welche Kriterien sind anzuwenden, um diese Kunst jenseits der Stereotypen und ohne Angst vor unvermeidlichen Missverständnissen zu verstehen? Bis wohin ist das Werk Teil eines künstlerischen Systems? Wie ist es ästhetisch zu verstehen? Wie „löst“ das Kunstwerk das Paradox, dass es weder als Ausdrucksform autonom existiert, noch getrennt von dem Leben der Huni Kuin? Können wir es als einzigartigen Beitrag des Südens betrachten?

Das Goethe-Institut hat seine Beteiligung am Zustandekommen des Werks Um sagrado lugar (Ein heiliger Ort) während der Eröffnungswoche der 57. Internationalen Kunstausstellung der Biennale von Venedig angekündigt. Ernesto Neto sowie Ikuani, Ninawa inu, Siariani, Tadeu siã txana hui bai und Zezinho yubē und fünf Txnas aus dem indigenen Volk der Huni Kuin stellten sich einer Begegnung mit Experten, Partnern des Projekts Episoden des Südens und dem Publikum.

Unter anderem wurden Fragen der Situation zeitgenössischer Kunst, Exotismus, Aneignung und Kommerzialisierung indigener Kultur und Praxis angesprochen, das komplexe Zusammenwirken von Leben und Kunst sowie die Verschränkung von Ritual und Performance.




Jochen Volz 

Kurator

Deutschland / Brasilien

Generaldirektor der Pinakothek von São Paulo und Kurator des brasilianischen Pavillons auf der 53. Biennale von Venedig 2017. Er war Kurator der 32. Biennale von São Paulo 2016 und von 2012 bis 2015 Programmdirektor der Serpentine Galleries, London. Davor war er von 2005 bis 2012 künstlerischer Leiter des Instituto Inhotim, Minas Gerais, Brasilien, und von 201 bis 2004 Kurator am Portikus, Frankfurt am Main. Er lebt in São Paulo.


Candice Hopkins 

Kuratorin

Kanada

Eine der Kuratorinnen der Documenta 14 und frühere Chefkuratorin des IAIA Museum of Contemporary Native Arts, Santa Fe, New Mexico, USA. Sie war kuratorisch an der National Gallery of Canada, bei Western Front und an der Walter Philipps Gallery am Banff Centre tätig und ist Mitherausgeberin des Buches Recipes for an Encounter (Western Front).


Alex Flynn 

Anthropologe

Großbritannien

British Academy Postdoctoral Fellow an der Abteilung für Anthropologie der Universität Durham, Vereinigtes Königreich. Forscht derzeit schwerpunktmäßig über zeitgenössische Kunst in São Paulo, insbesondere zu Wissensproduktion, künstlerischer Intervention mit aktivistischen Konnotationen und ethisch-ästhetischer Praxis.


Laymert Garcia

So­zio­lo­ge

Brasilien

Professor der Universität von Campinas und ehemaliger Leiter der Stiftung Kunstbiennale São Paulo (2009-2010). Seine Hauptforschungsgebiete sind Biotechnologie sowie Technologie und zeitgenössische Kunst. Er koordiniert zurzeit das Labor für Kultur und Netztechnologien.


Leigh-ann Naidoo

Forscherin und Aktivistin

Südafrika

Masterstudentin an der Wits School of Education mit dem Forschungsschwerpunkt auf der Herausbildung der südafrikanischen Studentenbewegung, sowie der Rolle des Bildungsbereichs beim Entstehen politischer Bewegungen.


Ernesto Neto

Künstler

Brasilien

Graduierter bildender Künstler, dessen Produktion seit den 1980er Jahren zwischen Skulptur und Installation zu verorten ist. 2007 schuf er in Paris die monumentale Intervention Leviathan thot. Unter seinen Einzelausstellungen stechen unter anderem Anthropodino (Drill Hall, New York 2009) und A sculpture can be anything that can stand upright (Galería Elba Benitez, Madrid 2008) hervor. Er ist einer der Direktoren der Galerie A Gentil Carioca in Rio de Janeiro.