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Marcelo Rezende

Direktor des Museu de Arte Moderna da Bahia (MAM-BA)

Brasilien


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Welches sind die aus Ihrer Sicht wichtigsten Fragestellungen und Probleme des Globalen Südens?

Die drängendste Frage ist vielleicht, wie und mit welchen Aktionen und Verfahren sich ein wirklich horizontaler Kulturdialog verwirklichen lässt. Eine Frage, die vordergründig erscheint, doch sie betrifft den gesamten Bereich der Beziehungen. Daher müssen wir uns aus diesem Blickwinkel heraus fragen: Wie ist es zu diesen Konzept des Globalen Südens gekommen? Erkennen sich die in dieses Konzept eingeschlossenen Kulturen und Nationen in der Definition wieder? Was sagt der innerhalb Deutschlands existierende Globale Süden zu dieser Definition? Alles beginnt oder zerstört sich über die Geschichte der Konstruktion eines Konzepts.

Und worin bestehen die Lücken im Süd-Süd-Dialog?

Blicken wir noch einmal auf den Vorschlag aus der ersten Frage. Ist Süden eine Definition geografischer Grenzen? Das tropische Amerika im Dialog mit Asien und Afrika? Oder können wir uns einer anderen Definition bedienen, einer, die ihr Territorium überschreitet: Süden als zivilisatorische Erfahrung, dass eine Kultur von hegemonischen Kulturen und Diskursen durchquert wird und ihr Raum, Macht und Erinnerung genommen wird? Aus dieser Sicht befinden sich die Bewohner des europäischen Ostens, indigene Völker und die Familien des brasilianischen Nordostens in genau diesem imaginären Süden. Die Lücke entsteht da, wo eine Kultur, anstatt es sich selbst zu wählen, ausgewählt wird, um zu etwas zu gehören, in dem sie sich nicht wiedererkennt, und sich dieser Wahl eines anderen unterwirft.

Wie positioniert sich die „Museumsepisode“, an der Sie teilgenommen haben, zu diesen Lücken und Problematiken?

Was ich von Anfang dieses Projekts an vertreten habe, ist, dass das Programm per Definition selbst das eigentliche Labyrinth aller behandelten Fragen ist. Das ist das Positivste daran. Die Bedeutung des Labyrinths erklärt sich daraus, dass es auf keine der aufgeworfenen Fragen (was ist der Globale Süden, die koloniale Erfahrung, der hegemonische Diskurs und so weiter) eine abschließende Antwort gibt, sondern sich daraus lediglich die nächste Frage ergibt, der nächste Zweifel, eine andere Tür, durch die man geht, nur um dahinter natürlich die nächste Frage zu finden. Und warum ist diese Erfahrung positiv? Weil das Museum, das Archiv, die Erinnerung, die Sammlung, die Ausstellung für alle Profis, die sich an der Gruppe beteiligt haben, die Struktur ist, in der sich alles Denken und alle Widersprüche entwickeln, von denen aus es sich nachdenken lässt über die Probleme der Konstruktion (oder Vorstellungen von Konstruktion) eines wirklich aufrichtigen Diskurses angesichts des von den Kulturen erlebten historischen Moments. Die Gruppe hat also Fragen aufgeworfen, und vielleicht kommen die dort von ihren Mitgliedern vertretenen Institutionen von dieser Erfahrung aus noch einmal dazu, zu lernen. Wie stellt man ein Objekt oder eine Idee angesichts dieses kulturellen Machtspiels aus? Wie kann ein Museum ein kulturell wirklich ehrliches Museum sein? Wie öffnet man dieses Fenster zu einem Blick auf die Geschichte mit ganz neuen Augen?

Marcelo Rezende ist Direktor des Museu de Arte Moderna da Bahia (MAM-BA) und Gastgeber des ersten Treffens der Musealen Episode. Neben seiner Funktion im MAM arbeitet er auch als Autor, Kritiker und Kurator. Im Jahre 2014 war er Chefkurator der 3. Biennale von Bahia.