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Solange Farkas

Chefkuratorin des Sesc_Videobrasil

Brasilien




Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Fragen und Problematiken des Globalen Südens?

An erster Stelle glaube ich, dass wir von drei unterschiedlichen Begriffen ausgehen müssen: Diversität, Pluralität und Dissens. Die Reinheit einer einheitlichen kulturellen Konstruktion steht uns nicht zu. Diversität ist der große Reichtum des Südens. Eine der größten Lektionen, die der Süden zum Verständnis der Kunst - oder des Menschen - beisteuern kann, ist, dass es nicht nur einen einzigen Süden gibt. Er ist so unterschiedlich, wie es Brasilien ist oder Europa und so weiter.

Doch es gibt auch viele gemeinsame Fragen, vor allem die Tatsache, dass diese Regionen in wirtschaftlicher, kultureller und militärischer Hinsicht Peripherien der Macht waren oder sind. Der Globale Süden ist zu einem gewissen Grad immer der Macht dieses Anderen - dem Norden - unterworfen und überarbeitet seit Jahrzehnten ein gewisses „westliches“ Erbe, das noch immer sehr präsent ist und starke Abhängigkeitsbeziehungen etabliert.

Wo sind die Lücken im Süd-Süd-Dialog? ?

Eine der wichtigsten Initiativen zur Anregung des Süd-Süd-Dialogs ist die Entmystifizierung dieser Ausrichtung und Weltsicht vom Norden in Richtung des Südens. Wir sind nicht hier, um den Norden abzulehnen, sondern um den Dissens kulturell sichtbar zu machen. Die Denker, Künstler, Forscher der unterschiedlichsten Fachgebiete und Aktivisten aus den Ländern des Südens suchen seit ihren Abhängigkeiten (und damit meinen wir unterschiedliche Formen der Abhängigkeit, sei es vom sowjetischen Block, sei es vom Imperialismus des 19. Jahrhundert) nach einem autonomen Denken, das die realen Bedingungen dieser Länder berücksichtigt und im Dialog mit unseren Besonderheiten und Bedürfnissen steht. Doch tatsächlich ist dieser Süd-Süd-Austausch noch komplexer, sei es wegen der großen geografischen Distanzen, die zu überwinden sind, was Aktivitäten und Begegnungen erschwert, die Anwesenheit erfordern, oder aus wirtschaftlichen Gründen, die eine Finanzierung von gemeinsamen Projekten, Forschungen und Austauschprogrammen erschweren, sogar aus kulturellen Gründen - wie etwa dem Gewicht, mit dem einige akademische und künstlerische Institutionen des Nordens noch immer auf uns lasten.

Doch wir beobachten in jüngster Zeit eine immer größer werdende Zahl von Initiativen, die diesen Süd-Süd-Austausch anregen wollen. Wichtige Namen der Kunst beginnen bedeutende Projekte zu übernehmen, wie etwa der Afrikaner Okwui Enwezor, Kurator der letzen Biennale von Venedig. Im Süden selbst sind neue Biennalen entstanden und institutionelle Projekte zur Förderung dieses Dialogs, wie die Episoden des Südens des Goethe-Instituts selbst. Initiativen, die beginnen zu zeigen, dass wir von nun an andere Narrative schaffen und die Gründe der Geschichte aus dem Süden heraus problematisieren.

Wie stellte sich „Observatorium des Südens“ zu diesen Lücken und Problematiken?

„Observatorium des Südens“ ist ein Projekt, das im Zusammenhang des Programms des 19. Festivals der Zeitgenössischen Kunst Sesc_Videobrasil| Panoramas do Sul entstand, das 2015 in Zusammenarbeit mit den Goethe-Institut organisiert wurde, koordiniert von der Kuratorin Sabrina Moura. Unsere Intention war es ein Forschungsprojekt über den Globalen Süden und seine Position in der Kunst und den Humanwissenschaften zu schaffen, in dem die Debatte um den Süden losgelöst von Geografien geführt würde. Wir konnten Künstler und Forscher aus unterschiedlichen Fachgebieten zu vier Begegnungen gewinnen, die zur Erarbeitung der Publikation „Panoramas do Sul | Leituras: Perspectivas para outras geografias do pensamento“ (Dt. etwa: Panoramen des Südens | Lesarten: Perspektiven für andere Geografien des Denkens) führten. Das Buch, das in Zusammenarbeit mit dem Verlag des Sesc São Paulo entstand, versammelt Aufsätze und künstlerische Manifeste, die eurozentrische Repräsentationen und Narrative in Frage stellen und das Konzept des geopolitischen Südens - verteidigend oder hinterfragend - vorstellen, und somit diese von ähnlichen historischen, sozialen und kulturellen Kontexten gekennzeichneten Regionen einander näher bringen und so auch dazu beitragen, die Lücke in der theoretischen Produktion über diese Süd-Süd-Dialoge zu schließen.

Solange Farkas Gründerin und Chefkuratorin des Internationalen Festivals für zeitgenössische Kunst Sesc_Videobrasil, das zu einer Referenz der Kunstproduktion des Südens geworden ist.