Stimmen



Jota Mombaça

Performer

Brasilien




Welche sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Fragen und Problemstellungen des Globalen Südens?

Ich finde das Konzept des Globalen Südens viel zu umfassend, um darin alle Örtlichkeiten und Positionen zu berücksichtigen, die er zu erfassen versucht. So sehr es auch ein Konzept auf der Grundlage komplexer Perspektiven sein mag, es zu einem großen globalen Narrativ der von der Reproduktion von Extraktivismen und neokolonialen Bewegungen im Verlauf der Geschichte unter Spannung gesetzten Kontexte zu erklären, ist eine Art von Vereinfachung. Darüber hinaus scheint mir das Konzept Globaler Süden bestimmte Möglichkeiten lokaler Erscheinungen zu unterbinden. Dies wird sehr deutlich bei der Betrachtung der besonderen Geopolitik Brasiliens, in der die Gegenüberstellung von Norden und Süden eine genau umgekehrt proportionale Bedeutung zu der des Globalen Südens bekommt. Wie artikuliert sich meine Positioniertheit des Binnenmigranten und Nordostbrasilianers unter den Vorzeichen des Globalen Südens?

Darüber hinaus neigen viele der Versuche, diese Vielfalt und Unförmigkeit des Globalen Südens zu erarbeiten, zu einer Auflösung, die mir ebenfalls Sorge macht. Das heißt, der Süden erscheint oft als Synonym für Bedürftigkeit und politische Spannung und kann als solches von historisch dominanten Positioniertheiten als Werkzeug der Reartikulation angesichts der Krise vereinnahmt werden. Das größte Problem dabei ist, dass einmal mehr historisch unterworfenes Wissen, Strategien und Praktiken („des Südens“) das Arbeitsfeld für die Neuausrichtung der historisch dominanten Position („des Nordens“) darstellen. Das stört mich besonders, weil der „Süden“ als auf globaler Ebene bemühte analytische Kategorie umstritten ist, und dieser Streit sich stark auf das koloniale Erbe stützt, das die so genannte postkoloniale Welt überschattet.

Wo sind die Lücken in Süd-Süd-Dialog? ?

Angenommen, ich wüsste, was Süd-Süd bedeutet, so halte ich diese Lücken für Bewegungsspielräume, und ich würde sagen, dass sie überall sind. Sie sind es, die den Dialog möglich machen. Weil es aufgrund der gängigen Definition des „Südens“ keinerlei Raum gibt für homogene Lesarten für keinen der damit bezeichneten Kontexte. Und die Heterogenität begünstigt die Lücke, sie ist die undefinierte Aktualisierung dieses Lückenraums, die es zulässt, dass Wirklichkeiten sich bewegen und die Welt sich verändert.

Wie hat Epistemisches Risiko, die Episode, an der Sie teilgenommen haben, sich zu diesen Lücken und Problematiken positioniert?

Ich glaube, Epistemisches Risiko hat mir Gelegenheit gegeben, die Kraft einer Allianz zwischen dem brasilianischen und dem südafrikanischen Kontext zu begreifen, weil es uns gemeinsam gelungen ist, die Ähnlichkeiten unserer Positionen zu artikulieren, ohne sie dadurch auf ein jeweils synthetisches Bild zu reduzieren. Es war möglich, in die Komplexität unserer Fragestellungen einzutauchen, ohne unbedingt übereinzustimmen oder in Gleichklang zu verfallen, und doch gemeinsam zu produzieren. Das war recht kraftvoll und schön. Und ausgehend von diesen Risiken - die nicht nur epistemisch sind, sondern auch politisch, wirtschaftlich, ethisch, konkret, lebensgefährlich u.s.w. - können wir uns Allianzen, Dialogen und Koalitionen annähern. Denn im Süden gibt es viele sehr kaputte, sehr divergierende, sehr vielfältige Personengruppen. Und wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, Netze zu knüpfen oder Gemeinschaften, hängt dies sicherlich davon ab, dass man ein nicht simplifizierendes Zuhören erreicht, das keine voreiligen Gegenüberstellungen macht und dem Lückenhaften und Unbekannten Raum lässt, von dem unsere Kraft abhängt, trotz allem darauf zu beharren, zu leben.

Jota Mombaça ist nicht-binär schwul, dunkelhäutig rassialisiert, geboren und aufgewachsen im brasilianischen Nordosten, performt und forscht über das Verhältnis von Monstrosität und Humanität, Queer Studies, Antikolonialität, Neuverteilung der Gewalt und visionäre Fiktion.