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Fernando Arias

Künstler, Kurator

Kolumbien / Großbritannien



Welche sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Fragen und Problematiken des Globalen Südens?

Ich bin geboren in einem Land mit Konflikten und habe dort die meiste Zeit meines Lebens verbracht. Aus dieser Sicht ist nach meiner Meinung die wichtigste Ursache für diese Situation die soziale Ungleichheit. Eine Gesellschaft, die seit 60 Jahrzehnten von nur vier Familien kontrolliert wird, lässt eine akzeptable Verteilung des Reichtums nicht zu. Der Globale Süden ist gekennzeichnet von diesen Phänomen. Ein anderes Problem ist die fehlende Interaktion zwischen den Ländern, die diesen Süden darstellen. Es gibt nur wenig Interesse am gegenseitigen Kennenlernen und daran, Allianzen zum gemeinsamen Wohl zu schmieden, denn unser Blick war schon immer nach Norden gerichtet, auf die entwickelten, mächtigen Länder.

Wie stellt sich die Episode, an der Sie teilgenommen haben, zu diesen Defiziten und Problematiken?

Mir scheint, das zutreffendste Bild zur Beantwortung dieser Frage ist die Transkription eines Texts aus dem Kurzfilm LIA, den ich gedreht habe. Der Raum zum Nachdenken, den Lia Rodrigues in der Base Chocó de Más Arte Más Accion erleben konnte, gestattete uns eine Zusammenarbeit, die Lia dazu brachte, dieses Gedicht zu vollenden:

Eine unendliche Traurigkeit
Diese ganze Schönheit
Fast pornografisch, wenn man die ganze Tragödie bedenkt
Wie bringt man diese Realitäten zusammen?
Es sind unüberwindliche Grenzen, diese der Ungleichheit.

Grenzen wie Wunden, wie Schnitte, die niemals verheilt sind.
Auf Ewigkeit offen und schwärend.

Man singe, tanze, angele
Man lache, esse Fisch, Maniok, Banane
Man mache Liebe, kümmere sich, streichele.

Ach nichts, nichts heilt diese große Verletzung, die sich durch Kolumbien zieht, durch Brasilien, die Amerikas, den Orient, hoch und runter
Die Wunde des Elends, der Unterdrückung und der Misshandlung.

Während ich die Tage, die fehlen, zu zählen beginne,
Überdeckt eine Traurigkeit, fein wie Regen,
meine Empfindungen für diesen Ort
So idyllisch und furchtbar
So paradiesisch und infernal
Gegensatz
Paradox

Alle Traurigkeit der Welt ist hier versammelt im Sand dieser Strände
Im Sand so vieler Strände
Auch alle Schönheit der Welt

Flut kommt, Ebbe kommt
Ein Kommen und Gehen der widersrpüchlichsten Empfindungen

Flut kommt, Ebbe kommt

Fernando Arias arbeitet zwischen Bogotá, der entlegenen kolumbianischen Pazifikküste von Chocó und London. In seiner Fotografie- und Videokunst sowie in seinen Installationen und Interventionen behandelt er Anliegen wie Konflikte, Sexualität und Religion aber auch Sozial- und Umweltthemen.