Magazin


21.06.2017

Foto: Luigi Novi CC-BY-3.0​


Binyavanga Wainaina: „mein wahres ich“

In seinem eigens für das Magazin des Projekts „Episoden des Südens“ geschriebenen Essay spricht der kenianische Schriftsteller über sein Coming Out aus soziopolitischer Perspektive, aber auch und vor allem aus einem sehr persönlichen Blickwinkel. Er schreibt von einem mystischen Ort aus, in dem Zeit und Vernunft eingebunden sind in ein Denken, das zutiefst durchdrungen ist von der Sorge um den Weg, den die Welt im Augenblick einschlägt. 

Ich finde faszinierend, da Afrika als Wiege des modernen Menschen gilt, und da ich in letzter Zeit viel darüber nachgedacht habe, wie der moderne Mensch die Spiritualität erschaffen hat, dass die traditionelle afrikanische Spiritualität bereits sehr alt sein müsste. Dann haben einige wenige Menschen Afrika verlassen, um in der Welt ihre Kolonien zu errichten, und haben viele Schätze mitgenommen, so dass genau diese Dinge derzeit anscheinend wieder zur traditionellen Spiritualität zurückkehren.

Je mehr der technische Fortschritt voranschreitet, so scheint es mir, desto mehr wächst auch die afrikanische Spiritualität. Ich habe bereits seit zehn Jahren einen Schutzengel, der in der spirituellen Welt viel Macht besitzt. Am Anfang habe ich nicht an ihn geglaubt, inzwischen muss ich sagen: Doch, irgendwie glaube ich an ihn …

Der Engel hat mir im Jahr 2014 einen sehr hilfreichen Rat gegeben. Was er genau gesagt hat, will ich gerne Ihnen mitteilen.

Es fällt mir auf, dass das Wiedererwachen Afrikas gerade in diese von Technologie geprägten Zeiten fällt. Zunächst hat mir der Engel von meinem Coming Out berichtet, mit dem ich vor drei Jahren an die Öffentlichkeit ging. Danach sprach er von einem Hurrikan. Ich denke, gemeint war Hurrikan Sandy, der vor drei Jahren an der Ostküste Amerikas wütete. Genau zu dieser Zeit hatte ich viele aufwühlende Träume und habe viel geschrieben, auch den Essay „Since Everything Was Suddening into a Hurricane.” 

„So wie ich hier sitze und wie ich die Dinge lese, liegt das ‚Problem‘ darin, dass dein wahres Ich gerade erst zum Vorschein kommt. Es ist dein erstes Coming Out, also hast du offenbar vorher ein Narrativ gelebt und mit einer Stimme gesprochen, die deinem wahren Ich nicht entsprachen. Und das hat eben seinen Preis. Man verschwendet so viel Energie und Lebenskraft, um eine ‚halbe‘ Person zu sein, die nicht seinem wahren Ich entspricht. Und so gibt es im Kopf all diese Fächer und Räume, die ständig versuchen, nach außen hin eine Geschichte zu erzählen, die nicht der Wahrheit entspricht, und diese ‚halbe‘ Person, die man geworden ist, zu stützen und aufrechtzuerhalten. Macht das Sinn? Jetzt, wo du dich zu deiner Sexualität bekannt hast, scheint das Bild deiner Seele, das du bis dahin von dir nach außen getragen hast, innerlich nicht mehr zu funktionieren – es hatte ja auch vorher schon nicht funktioniert. Deine Seele versucht nun, ein neues Narrativ zu formulieren, das zu deinem wahren Ich passt, das noch nie zuvor offen gelebt hat. Im Grunde lernt deine Seele quasi nach über 40 Jahren erstmals ‚sprechen‘. Sie muss also jetzt im mittleren Alter jene Erfahrungen und Geschichten formulieren, die du als Homosexueller/Afrikaner eigentlich als Jugendlicher hättest erleben müssen und dabei versuchen, das jahrzehntelang aufrechterhaltene falsche Bild zu überwinden. Es geht hier gar nicht um das ‚Schwul sein‘ an sich, sondern darum, wie sich deine Seele damals ausgedrückt hätte, wenn sie nur gekonnt hätte. Sei einfach echt. Sei echt und respektiere die Erfahrung, für die deine Seele hier ist, eine Erfahrung, die du ihr all die Jahre bewusst verwehrt hast, indem du dich versteckt hast. Sieh das Ganze einfach nur als Segen, denn jetzt öffnen sich endlich so viele neue Fächer und Räume in deinem Kopf, die jahrelang verschlossen waren und die du nun öffnen kannst, um sie zu betrachten und kreativ zu nutzen.

Wenn es um die Schwierigkeit geht, Hilfe für sich in Anspruch zu nehmen, dann lerne schnell, mein Lieber. Lerne, wie du dir Hilfe holst, wie du dir Liebe holst und das benennst, was du brauchst. Wie du dich komplett öffnest und so leben kannst, wie du wirklich bist. Verschwende dieses Leben nicht.

Es scheint kein Zufall, dass du den Hurrikan (Sandy, wie ich annehme) erwähnst, denn dieser ist einer jener kosmischen Ereignisse, die genau in diese Zeiten des Wandels fallen, die ich in meiner letzten E-Mail erwähnt habe. Das Leben, wie wir es kannten, ist eindeutig vorbei. Das Karma ist allgegenwärtig, und es bedeutet nicht immer nur etwas ‚Schlechtes‘. Es heißt einfach, dass wir eben tun müssen, was zu tun ist, und zwar jetzt. Das ist auch der Grund, warum die Welt momentan offenbar in sich zusammenfällt.“

Die zentrale Rolle des Begriffs „Geburt” in vielen traditionellen Religionen Afrikas finde ich sehr interessant. Für uns als die ersten Menschen der Welt, da der Tod lange Zeit allgegenwärtig war, war es nichts Ungewöhnliches, wenn aus nur zwei Menschen wieder ein ganzes neues Volk hervorging. Interessanterweise passten Schwule in dieses Schema nicht hinein. Nur wenige Menschen waren unverheiratet. Es ging stets darum, eine neue Generation zu gründen. Dies war der wichtigste Zweck des Lebens und galt natürlich eine lange Zeit als das Wertvollste überhaupt.


Binyavanga Wainaina ist Autor, Verleger und Kulturschaffender aus Kenia. Als Redakteur hat er eine der führenden literarischen Institutionen Afrikas mitbegründet, Kwani?. Sein Essay How To Write About Africa (Wie man über Afrika schreibt) hat weltweit Beachtung gefunden und seine Memoiren One Day I Will Write About This Place (Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben) ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. 2007 wurde er vom World Economic Forum zum Young Global Leader ernannt, er lehnte die Auszeichnung jedoch ab. Binyavanga Wainaina erhielt ein Sterling Brown Stipendium am Williams College, Massachusetts; wurde vom Lannan Fellows Program gefördert und war Gastautor am Union College, New York. Bis 2012 war er Leiter des Chinua Achebe Center For African Writers And Artists am Bard College in Upstate New York. Seit mehr als elf Jahren engagiert sich Binyavanga Wainaina für den literarischen Nachwuchs Afrikas: Er spürt einige der spannendsten Talente auf, arbeitet mit ihnen zusammen, verlegt ihre Werke und berät und begleitet sie auf ihrem Weg. 2014 hat er sich öffentlich als schwul geoutet. Im selben Jahr wurde er vom Time Magazin als einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt bezeichnet.


Übersetzung aus dem Englischen: Sabine Bode