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Rua Treze-de-Maio. Foto Patricia Oliveira


Ein Weg im Süden
Die Rua Treze de Maio und ein Porträt Brasiliens

Die Historikerin Patrícia Oliveira unternimmt einen Spaziergang durch die Erinnerung dieser Straße im Stadtviertel Bexiga von São Paulo, um an die Bedeutung dieses Ortes für das Wissen um die Rolle der Schwarzen und der Einwanderer bei der Errichtung Brasiliens zu erinnern.

Liebe zur Straße. Dieses unerschütterliche, unauflösliche Gefühl, das der Dichter und Journalist João do Rio (1881-1921) so detailliert dargestellt hat, besitzt die Macht, uns zu einen, auszugleichen und zusammenzuschweißen. Ausgestattet mit diesem Gefühl und der von ihm ausgehenden Kraft der Motivation folgen wir den Parallelen zwischen einem Weg in São Paulo, der Stadt und ihrer Geschichte und, warum nicht, auch dem Süden der Welt.

Ich gehe von dem territorialen Grundgedanken der Straße aus als ein Ort des Verkehrs, des Verweilens und des Zusammenlebens, der städtebaulich multifunktional eine Verbindung zwischen einem Punkt A und einem Punkt B darstellt, doch ich will vor allem die Kraft derjenigen betonen, die auf ihr in urbanen Zusammenhängen interagieren und reagieren. Die Seele einer Straße steckt in der Dinglichkeit, die sich in den Fassaden, den Wohnhäusern, den Geschäften ausdrückt, aber auch in den Subjekten, ihren Erwartungen und Erfahrungen. Wir sprechen also vom Leben, vom Überleben, vom Sein und vom Widerstehen in einem sozial konstruierten Raum, der so anders ist als der private, von Mauern umgebene, aber auch anders, als der viel weitläufigere einer ganzen Stadt. Es ist ein sehr fruchtbares Terrain zur Erforschung von Identitäten und auch zur Erarbeitung von Entsprechungen zu anderen Orten der Welt: von der Straße zum Viertel, vom Viertel zur Stadt, von der Stadt zum Land, vom Land zur Welthalbkugel.

Die Straße des Dreizehnten Mai in São Paulo ist eine Straße in einem Stadtviertel, das innerhalb eines Quilombos entstand und in einer auf dem Schweiß und dem Blut vieler Migranten errichteten Mega-City in einem Land des Südens der Welt. Es sind Schichten und Schichten eines Raums, der Ergebnis und Zeugnis großer historischer Veränderungen der Welt ist, die sich auf den kleinen Maßstab des Stadtviertels auswirken.

Schatten der Vergangenheit ohne Heilung

Der Weg des Südens der Welt ist unauslöschlich eingeschrieben in sein Straßenpflaster, in dem sich all die Widersprüchlichkeit des Prozesses der Sklavenbefreiung in Brasilien ausdrückt, die spät kam, dem Süden vom Norden auferlegt wurde und bis heute als Schatten einer Vergangenheit nachhallt, die noch nicht verheilt ist. Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt mit dem Niedergang der Sklavenarbeit wegen weltweiter Restriktionen gegenüber der Verschleppung und dem Verkauf von Afrikanern der Einfluss europäischer Einwanderer auf den Stadtbezirk Bela Vista zu, in der auch die „Treze“ liegt. Das koloniale Drängen Europas auf ein Ende des Sklavenhandels war keineswegs edel motiviert, wie es die Legende behauptet.

Sklaverei war inkompatibel geworden zu den liberalen und kapitalistischen Idealen der Zeit und sollte auf allen Märkten der Welt abgeschafft werden, einschließlich jenen des Südens. Die vom brasilianischen Staat geförderte Einwanderung kam, um den Arbeitsmarkt vor dem Hintergrund von eugenischen Idealen einer „Weißmachung“ der Gesellschaft aufzufrischen sowie im Sinne eines sanften Übergangs zu anderen Arbeitsverhältnissen, nicht aber um den neu hinzugekommenen Arbeitern zu nutzen, erst recht nicht den zuvor Versklavten, sondern ausschließlich zum Nutzen der besitzenden Elite, die das Ende der Sklaverei in Brasilien lange hinausgezögert hatte.

Auf lokaler Ebene gesellten sich zu der Einwanderung - die in Bela Vista wie auch in der Rua Treze de Maio heute ein stolz herausgestelltes Identifikationsmerkmal ist - die historische Auslöschung und Vertreibung eines Gutteils der schwarzen Bevölkerung in die Randbezirke der Stadt sowie die Stigmatisierung der Binnenwanderungen im 20. Jahrhundert, insbesondere aus dem Nordosten Brasiliens. Das alles macht die Straße und die Gegend zu einem Mikrokosmos, repräsentativ für die Entwicklung einer Idee vom Fortschritt der Nation - hier auf sehr komplexe Weise zusammengesetzt.

Straße mit offenen Wunden

Ein struktureller Aspekt des Ideals einer Stadt ist genau die Inkorporation von Bevölkerungen unterschiedlicher Herkunft, und diese Straße kann Auskunft geben über die Komplexität des mal integrierenden, mal ausschließenden brasilianischen Migrationsprozesses, der bisweilen harmonisch und auf Verhandlungsbasis, bisweilen umkämpft und konfliktreich verläuft. Sie ist eine Straße mit offenen Wunden, vielstimmig, ein Zugang zu italienischen Cantinas ebenso wie zu afro-religösen Festen, ein Ort des nordostbrasilianischen Restaurants, der überzeugt suburbanen und peripheren Buchhandlung, des ökumenischen Rituals der katholischen Kirche, der kritischen Demonstrationen. Bela Vista und unser Bexiga können ohne Übertreibung als afro-italo-nordostbrasilianisch bezeichnet werden. Und die Rua Treze ist der Ort, an dem sich Stolz, Kampf, Spannung, Assimilation, Empörung und Zelebration so vieler Herkünfte konzentrieren.

Der Ortsname könnte durchaus seine offiziell versöhnende Rolle erfüllen, wären da nicht Personen und Gruppen, die auf scheinbar harmlose, doch sehr sensible Punkte hinweisen, die mit Erinnerung zu tun haben. Der Dreizehnte Mai ist für mich der von der Einstellung São Paulos, um nicht zu sagen Brasiliens, angetriebene Versuch einer Bewahrung schwarzer Geschichte im Jahr 1916, als die Straße umbenannt wurde.

Der 13. Mai 1888 erinnert an das Dekret der Abschaffung der Sklaverei durch Kronprinzessin Isabella und ist heute, im Jahr 2017, gesellschaftlich durchaus umstritten, weil es den Akt einer Prinzessin eines versklavenden Kaiserreiches betont und die große Verlogenheit, ganze Bevölkerungen erst auszubeuten, gefangen zu halten, zu foltern und schließlich ihrem Schicksal zu überlassen, und dann auch noch die Handlung einer Person, die Sklaverei fortführte, zu ehren und nicht die einer, die sie überlebte und Widerstand leistete.

Dreizehn im Kampf

Derzeit weisen soziale Bewegungen auf der Straße und auf den Treppenstufen, ein wichtiges sozial demarkiertes topografisches Symbol dieser Gegend, darauf hin, dass der 13. Mai ein Tag des Kampfes, der Reparation und der Zelebration eines vielfältigen Stadtviertels Bexiga sein sollte und kein Feiertag. Die Bewegung auf der Straße hinterfragt das sich der Verantwortung Entledigen des Staates, widerspricht der offiziellen Neutralität und problematisiert den Sinngehalt eines Namens, der auch dem versklavten Baumeister Tebas, Zumbi dos Palmares [der legendären Gallionsfigur des schwarzen Befreiungskampfs] oder [der schwarzen Befreiungskämferin] Dandara gewidmet sein könnte, als Anerkenntnis der Kraft der Quilombos. Oder gar Luís Gama, dem gerechtesten der Anwälte [dessen Engagement ca. 500 Versklavte im 19. Jahrhundert ihre Befreiung verdanken].

Die Straße zu lieben heißt, die Notwendigkeit anzuerkennen, über ihre Definitionen in Enzyklopädien und Lexika hinauszugehen, denn Konzepte enthalten keine Erklärungen über derart symbolisch aufgeladene Orte. Der verdichtete Erinnerungsgehalt der Rua Treze de Maio ist ein Quell für die Kenntnis der Rolle der Schwarzen, Migranten und Einwanderer bei der Errichtung Brasiliens, denn sie ist ein Universum mit sichtbaren physikalischen Grenzen, deren aufgewühlte kämpferische Seele über ihre Grenzen hinausgeht. Sie ist universal. Der tägliche Kampf um Anerkennung, Erinnerung und die Nutzung öffentlicher Räume der Stadt für das Erzählen der Geschichte derjenigen, die sie erbauten.

Patrícia Oliveira ist Historikerin, Bibliothekarin und Masterstudentin. Schwarze Frau aus der Peripherie, die über Orte der schwarzen Erinnerung in São Paulo auf dem Weg zu den eigenen Wurzeln forscht.




Der Film "13 na 13" wurde am 13. Mai 2017 über die gleichnamige Straße im Stadtteil Bixiga gedreht. Er zeichnet die Veranstaltungen [zum offizielle Tag der Sklavenbefreiung] auf und Gespräche über die Gegend mit Anwohnen und Besuchern. Zwischen Brückenund Spannungen entstehen Erzählungen. Regisseurinnen der Kurzdokumentation sind die Journalistin und Dokumentarfilmerin Adriana Terra sowie Olga Mendonça, Art Director und Videofilmerin. ​



Übersetzung: Michael Kegler